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Vielschichtige künstlerische „Zeitreise“

22.04.2022 • 19:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Elsbeth Gisinger_Fessler<span class="copyright"> brigitte kompatscher</span>
Elsbeth Gisinger_Fessler brigitte kompatscher

Um die Themen Zeit und Geschlechterrollen kreisen die Arbeiten von Elsbeth Gisinger_Fessler.

Zeit ist ein wichtiger Aspekt in der Ausstellung „ … und wär’s ein Augenblick“ von Elsbeth Gisinger_Fessler, die derzeit in der Galerie Lisi Hämmerle in Bregenz zu sehen ist. So werden Besucherinnen und Besucher schon beim Eingang aufgefordert, mit einer Stempelkarte die Verweildauer in der Galerie zu dokumentieren. Der Ausstellungstitel ist indes Teil eines Goethe-Zitats aus dem „Faust“, das vollständig lautet „Dasein ist Pflicht, und wär‘s ein Augenblick“.
Diesen Augenblick versucht die 1958 geborene Vorarlberger Künstlerin unter anderem mit einer Objektserie einzufangen, die heuer und im vergangenen Jahr entstanden ist. Der liegt die Annahme zugrunde, dass „der gegenwärtige Augenblick … die sogenannte Präsenzdauer, eine Verweildauer von drei Sekunden hat“, wie Gisinger_Fessler in einem Text zur Ausstellung schreibt. Die Arbeiten tragen demgemäß Titel wie „08:03:37–08:03:40“. Zu sehen sind verschiedenfarbige Objekte aus Polyurethan, Fiberglas und Autolack, unterschiedlich geschwungene Formen, die mit Metallhalterungen, in einigen Fällen sind es Zangen, an der Wand angebracht sind – spannend und schön.

Goldener Hase

Zeit ist auch das Thema einer Installation, bei der verschiedene Dinge auf und unter einem Glastischchen angeordnet wurden, darunter der erste Band von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Schwarz-Weiß-Postkarten aus längst vergangenen Zeiten oder die Partitur von „4’33”“ von John Cage, seiner berühmten Komposition, die keinen einzigen Ton enthält. Einen kritischen Blick auf die Kunstgeschichte wirft Gisinger_Fessler mit ihrer Arbeit „Zehn große Meister der Malerei“. Dabei hat sie Kunstgeschichte-Bücher verbunden und darin einen goldenen Hasen geschaffen – eine Anspielung auf Albrecht Dürers berühmten Feldhasen.
Die nicht vorhandenen Frauen sind schon in dieser Arbeit ein Thema. Noch expliziter geht die Künstlerin in der Installation „Der Schal der Suffragette“ auf das Verhältnis der Geschlechter ein. Einen Schal aus Spitze, der über einem Eisengestell hängt, hat Gisinger_Fessler mit Kunstharz gehärtet und darin eine Faust geformt. Die Suffragetten haben ja bekanntlich Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien für das Frauenwahlrecht gekämpft. Gleich daneben ist ein „Krawattenregal“. Das besteht auss einem tischähnlichen Metallgestell, Hocker und einigen bunten Stoffkrawatten, von denen eine ebenfalls in Kunstharz getaucht ist.

„In Memoriam“

Eine bedrückende und betroffen machende Arbeit findet sich im zweiten Raum der Galerie. „In Memoriam“ ist eine an der Wand befestigte metallene Kurbelrolle mit einer Papierrolle, auf der die Daten der mutmaßlichen Femizide in Österreich von 2019 bis Februar 2022 gedruckt sind – es sind viele Zahlen, die auf diesem Papierstreifen, der sich durch den Raum schlängelt, stehen.
Weitere Werke vervollständigen die Schau: eine an der Wand angebrachte Installation aus Objekten aus Gips, Wachs, Metall und Blattgold, die auf einer persönlichen Erfahrung beruht und die Installation „Ach Europa“, ein Tischchen mit Plastikblumen, einer Hand aus Fiberglas und einem Atompilz-ähnlichen Gebilde. Und dann sind da noch die drei Reisewecker, auf denen verschiedene Zeiten angezeigt werden.
Elsbeth Gisinger_Fessler, die in Lauterach lebt und arbeitet, lädt mit ihrer Ausstellung auf eine vielschichtige „Zeitreise“ ein, die sowohl inhaltlich als auch ästhetisch überzeugende Augenblicke bereithält.

Bis 6. Mai. Mittwoch bis Samstag, 15 bis 19 Uhr. Infos: www.galerie-lisihaemmerle.at

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