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Die Bergbauern und die „Blut- und Boden“-Ideologie

06.06.2025 • 07:30 Uhr
Die Bergbauern und die „Blut- und Boden“-Ideologie
Besonders für den mühsamen Straßen- und Wegebau wurden die Zwangsarbeiter eingesetzt.Bereuter; Summer

Der Historiker Albert Summer machte sich bereits einen Namen mit seinen Forschungen zu den „NS-Aufbaugemeinden“ in Vorarlberg und referierte in Übersaxen zum „Gemeinschaftsaufbau im Bergland.“

Von Kurt Bereuter
neue-redaktion@neue.at

Albert Summer, pensionierter Lehrer und Historiker aus Zwischenwasser, arbeitete die Geschichte der Vorarlberger Aufbaugemeinden mustergültig auf. Das waren jene Berggemeinden, die nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich Hitlers, 1938, vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft ausgewählt wurden, um aus der Rückständigkeit und der Not der Berglandwirtschaft befreit zu werden. Die Bergbauernwirtschaft müsse im Rahmen einer „Erzeugungsschlacht“ gefördert werden, lautete die Intention der Nationalsozialisten: Die Grünlandwirtschaft werde extensiv bewirtschaftet, die Grünflächen seien schlecht gepflegt, die Viehzucht dort schlecht aufgestellt, die Stallungen und die Verkehrsinfrastruktur seien mangelhaft. So konnten sich Bergbauerngemeinden bewerben, zu einer der „Aufbaugemeinden“ des Reichs zu werden. Diese wurden dann mit erheblichen Mitteln bedacht und erhielten Zwangsarbeiter, die am Aufbau der Gemeinden mitarbeiten mussten. Das hieß aber auch, dass diese Gemeinden Zwangsarbeiterlager errichten mussten. So geschehen auch in Übersaxen, eine der elf „Aufbaugemeinden“ im heutigen Vorarlberg. Die anderen Gemeinden waren: Silbertal, Bartholomäberg, Fontanella, Sonntag, Damüls, Sibratsgfäll, Schwarzenberg, Fraxern, Laterns und das Kleine Walsertal, das im Deutschen Reich allerdings zum Gau Schwaben gehörte und nicht zum Gau Tirol-Vorarlberg.

Die Bergbauern und die „Blut- und Boden“-Ideologie
Der Motormäher war ein begehrtes bäuerliches Hilfsmittel und der Beginn einer motorisierten Landwirtschaft.

“Der Bergbauer”

Dahinter stand aber nicht nur der Gedanke einer Effizienzsteigerung der Bergbauern- und Alpwirtschaft, sondern auch die „Blut- und Boden“-Ideologie der Nazis: „Bei den Bergbauern handele es sich um rassisch wertvolles Menschenmaterial mit großem Kinderreichtum, das durch das Leben oben in den Bergen zäh und anspruchslos geworden ist“, zitiert Albert Summer aus einer Zeitschrift des Reichsbundes Deutscher Diplomlandwirte vom September 1939. Dieser „Blutsquell des deutschen Volkes“ dürfe nicht versiegen und müsse besonders geschützt werden, so die NS-Ideologen. Und dann darf nicht vergessen werden, dass die Nationalsozialisten planten, Bergbauern in die eroberten Gebiete im Osten anzusiedeln. Freiwillig wäre das eher nicht geschehen, das Reichserbhofgesetz hätte hier eine Rolle spielen können, wenn die Höfe im Erbwege nicht mehr durch die Realteilung immer kleiner geworden wären, sondern nur mehr einer den Hof übernommen hätte und die anderen den Hof verlassen hätten müssen. So weit kam es nicht.

Umschuldung und Zwangsarbeit

Viele bäuerliche Betriebe waren in den 30er-Jahren verschuldet und konnten sich im Deutschen Reich für eine „Entschuldung“ anmelden, um einer drohenden Versteigerung zu entgehen. Während manche private Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten mussten, erhielten die Bauern zur Tilgung ihrer Schulden zinsgünstige, langfristige Reichsdarlehen um ihre Höfe zu modernisieren.
Bergbauern erhielten auch nicht rückzahlbare Zuschüsse. Die Erträge und die Produktion der Landwirtschaft sollten gesteigert werden, durch Kunstdünger, eine Technisierung und die Verbesserung der Infrastruktur. Vor allem im Wege- und im Seilbahnbau, aber auch durch Flussregulierungen, Trockenlegungen von Wiesen und natürlich dem Bau von Alphütten, neuen Ställen und Sennereien. Mit Kriegsbeginn 1939 fehlten auch in diesen Gemeinden immer mehr Arbeitskräfte, die bald durch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ersetzt wurden. Diese wurden vor allem für die unmenschlich harten Tätigkeiten herangezogen, wie etwa im Straßenbau oder der Meliorisierung von Weiden. Ein Aufbauleiter in jeder Gemeinde war für diese zuständig und zugleich die Verbindungsperson zur NS-Administration, die die Vorgaben machte und überwachte.

Die Bergbauern und die „Blut- und Boden“-Ideologie
In der „Aufbaugemeinde Übersaxen“ wurde im Ortsteil Rungelit ein Zwangsarbeiterlager errichtet.

Aufbaugemeinde Übersaxen

Übersaxen war ab dem 18. November 1942 eine Aufbaugemeinde der zweiten Generation im Kreis Feldkirch und hatte in der Aufbaugenossenschaft, die eigens in den Gemeinden gegründet werden mussten, 75 Mitglieder, bei einer Einwohnerzahl von 350 Personen. Geplant war eine Seilbahn vom Dorf zur Alpe Gulm, die Stützen wurden errichtet, das Seil geliefert, aber das Projekt nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt. Auch nach Rankweil hätte laut Schulchronik eine Materialbahn errichtet werden sollen. Am oberen Dorfrand wurde ein Steinbruch eröffnet und bei mehreren Höfen wurden Jauchekästen betoniert, erzählt Albert Summer aus seinen Nachforschungen. Auch seien Drainagierungen im großen Stil erfolgt, um Magerwiesen trocken zu legen. Geleistet wurde diese Arbeit von Ostarbeitern aus der Ukraine, deshalb sei dieses Gebiet als „Ukraine“ bezeichnet worden, erklärte ihm Alfons Duelli aus Übersaxen. In später aufgetauchten unvollständigen Sitzungsprotokollen sei auch die Rede von einem Zimmer für die Hitlerjugend im Keller des Schulhauses und von einem neuen Schießstand. Im Gasthaus Krone sei ein Rüstungsbetrieb eingerichtet gewesen, in dem zwölf Mädchen des Dorfes arbeiten mussten, geht aus der Schulchronik hervor.

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„Über die Behandlung der Kriegsgefangenen schweigen die historischen Quellen in Übersaxen.“
Albert Summer,
Historiker

Albert Summer, Historiker

Das Zwangsarbeiterlager Rungelit

In Rungelit beim Ortseingang sei das „Zwangsgefangenenlager“ errichtet worden, wie es ein Zeitzeuge ausdrückte. Dessen Kanzlei stehe noch heute und diene als Wohnhaus. Aus der Schulchronik erfuhr Summer, dass das Lager für 60 Gefangene berechnet und mit einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben war. Zuerst seien 35 Serben gekommen und vier Mann als Wache. 1943 wurden die Serben durch „Ostarbeiter“ ersetzt und es hätten dann 67 Mann für den „Aufbau“ gearbeitet. Die Baracken, in denen die Zwangsarbeiter untergebracht waren, wurden nach dem Krieg abgebrochen. Interessant ist, dass der Bürgermeister von Übersaxen, Ludwig Breuss, 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde und niemand in der Gemeinde das Amt übernehmen wollte. So wurde der NS-Bürgermeister von Rankweil, Hans Jenny, zum Staatskommissar für die Gemeinde Übersaxen bestellt.

Die Aufarbeitung in der Gemeinde

In Übersaxen seien die Akten der Aufbaugemeinde anlässlich des Neubaus der Volksschule in den Jahren 1964 und 1965 vernichtet worden, nur mehr unvollständige Sitzungsprotokolle seien aufgetaucht und eben die oben erwähnte Schulchronik des damaligen Lehrers Theodor Sinnstein. Im „Dorfbuch von Übersaxen“ aus dem Jahre 1951 habe der Volksschullehrer Josef Fritsch lediglich mit Bedauern festgestellt: „Aber selbst die Zeit, da Übersaxen Aufbaugemeinde war und sowohl Geldmittel als auch billige Arbeitskräfte zur Verfügung standen (60 Ukrainer), brachte keine Wandlung des Problems.“ Gemeint war die marode Trinkwasserversorgung der Gemeinde. Über die Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeitenden schweigen sich die Quellen aus, so Summer. Von einem überlebenden „Ostarbeiter“ aus der Ukraine, Pawel Burkut, habe die Historikerin Margarethe Ruff eine Schilderung seiner Zeit in den Aufbaugemeinden Übersaxen und Silbertal bekommen: „Hunger, Lumpen und Dreck“, andere hätte man „nur verprügelt“, ihn aber in zwei Lager geschickt, wobei die Lebensbedingungen in Übersaxen noch schlechter gewesen seien als im Silbertal.