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„Die Kinder sind massiv mitbetroffen“

09.02.2026 • 13:42 Uhr
„Die Kinder sind massiv mitbetroffen“
Simone Strehle-Hechenberger im Gespräch mit der NEUE. Stiplovsek (5)

Interview. Vorarlberg verzeichnet einen deutlichen Anstieg bei Privatinsolvenzen. Für Simone Strehle-Hechenberger, Leiterin der ifs Schuldenberatung, sind die Zahlen nur ein Teil des Bildes.

Vorarlberg verzeichnete 2025 fast zehn Prozent mehr Privatinsolvenzen als im Vorjahr. Was sagt das über die finanzielle Lage der Haushalte aus?
Simone Strehle-Hechenberger:
Viel mehr sagt der Anstieg von Erstkontakten in der Schuldenberatung aus: 2016 waren es noch 657, 2025 schon 945. Das ist ein kontinuierlicher Anstieg von 300 Erstkontakten jählrich mehr, also Menschen, die noch nie bei uns waren. Und das macht etwas mit uns, denn das bedeutet, dass das Thema zunehmend in der Mittelschicht ankommt und kein Randphänomen mehr ist. Bei Privatinsolvenzzahlen muss man aber dazusagen: Wir sind als Schuldenberatung das Nadelöhr. Die betroffenen Menschen haben kaum eine andere Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen, weil sie keine finanziellen Mittel haben. Das Verfahren ist sehr hochschwellig, es gibt Wartelisten. Je nachdem, wie wir ausgestattet sind, sind die Privatinsolvenzen höher. Ich vermute, sie wären noch deutlich höher, wenn wir besser ausgestattet wären.

Wer kommt aktuell zu Ihnen in die Beratung?
Strehle-Hechenberger:
Manche Dinge sind sehr konstant. Wir haben nach wie vor rund zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Die größte Altersgruppe liegt in der Rush Hour des Lebens, zwischen 35 und 45. Und über 50 Prozent unserer Klienten stehen in einem Beschäftigungsverhältnis. Was sich verändert hat, ist das Thema Wohnen. Das ist in der Liste der Überschuldungsgründe deutlich nach oben gerückt. Wohnen, Energie und Lebensmittel sind keine elastischen Bedürfnisse. Da kann man kaum einsparen. Jeder muss wohnen, jeder muss essen, jeder braucht Heizung.

Was sind die häufigsten Gründe für Überschuldung?
Strehle-Hechenberger:
Es ist fast immer eine Kombination. An der Spitze stehen Einkommensverschlechterung und Jobverlust. Dann Konsumverhalten, Selbstständigkeit bei Männern, bei Frauen häufiger Haftungen oder Bürgschaften. Weitere Gründe sind Scheidung oder Trennung, Unfall, Krankheit oder Todesfall sowie Wohnen. Es gibt natürlich menschliche Fehlentscheidungen, aber es ist selten nur ein Punkt.

„Die Kinder sind massiv mitbetroffen“
„Für junge Menschen ist Eigentum praktisch nicht mehr leistbar, selbst bei angemessenem Einkommen.“

Viele Menschen zögern lange, bis sie Hilfe suchen. Verschärft das die Situation?
Strehle-Hechenberger:
Viele haben ja, bevor sie zu uns kommen, schon alles ausprobiert. Sie haben im privaten Umfeld nach Lösungen gesucht, innerhalb der Familie. Manchmal sind das hoffnungslose Versuche. Wenn jemand überschuldet ist, macht es keinen Sinn, einzelne Gläubiger zu bedienen. Im Gegenteil, das ist gesetzeswidrig. Natürlich wäre es sinnvoll, früh zu kommen. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Leute eher fünf nach zwölf wie fünf vor zwölf kommen. Wir bieten auch Budgetberatungen und Prävention an, wenn sich Lebenssituationen ändern. Das wird allerdings wenig nachgefragt. Über Geld zu sprechen, ist nach wie vor ein Tabuthema.

Wohnen gilt in Vorarlberg als eines der größten Probleme.
Strehle-Hechenberger:
Es gibt schlicht wenig Alternativen. Wenn der gemeinnützige Wohnbau bei knapp zwölf Prozent liegt, dann weiß man, wie eng das System ist. Für junge Menschen ist Eigentum praktisch nicht mehr leistbar, selbst bei angemessenem Einkommen. Ohne Unterstützung der Eltern ist es kaum möglich. Damit verändert sich unsere Gesellschaft. Eigentum schaffen und in der Pension geringe Belastungen haben, das wird es so nicht mehr spielen. Damit kaufen wir uns Altersarmut ein. Da braucht es neue Konzepte.

„Die Kinder sind massiv mitbetroffen“
Einkommensverschlechterung, Jobverlust, aber auch Konsumverhalten, Scheidung, Trennung oder Unfälle können Gründe sein, weshalb Privatpersonen finanziell unter Druck geraten.

Sie sprechen von strukturellen Problemen. Wie ungleich ist Wohnen und Eigentum in Vorarlberg verteilt?
Strehle-Hechenberger:
Ich habe kürzlich eine Studie aus 2023 gelesen, die zeigt, dass zehn Prozent der Vorarlberger 76 Prozent der bebauten und unbebauten Baugrundstücksflächen besitzen. Wenn man dann den Anteil des gemeinnützigen Wohnbaus in Vorarlberg berücksichtigt, dann sieht man, wie wenig Alternativen es gibt. Es gibt Menschen, die in den vergangenen Jahren mit Wohnraum sehr viel Geld verdient haben. Und es wird kaum darüber gesprochen, dass hier mit einem menschlichen Grundbedürfnis spekuliert wird. Das trägt dazu bei, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgeht.

Was bedeutet Überschuldung für Familien und Kinder?
Strehle-Hechenberger:
Wir hatten 2025 rund 3351 Klienten und diese Menschen haben 1713 Kinder. Diese Kinder sind massiv mitbetroffen. Sie lernen sehr früh, Rücksicht zu nehmen. Sie stellen keine Ansprüche. Sie wissen, dass sie nicht zu Kindergeburtstagen gehen oder auf Skiwoche fahren können, weil sie ihre Eltern schützen wollen. Scham spielt dabei eine große Rolle. Die Kinder erleben Eltern, die nachts nicht schlafen können, die um Geld streiten. Das sind langfristige Belastungen, die man nicht unterschätzen darf.

Viele haben ein vereinfachtes Bild von Privatinsolvenz. Wie läuft das tatsächlich ab?
Strehle-Hechenberger:
Ganz so einfach ist es nicht, aber es ist ein Instrument zur Schuldenregulierung. Wir klären vorab Einnahmen und Ausgaben, die Schuldensituation und ob jemand zahlungsunfähig ist. Gleichzeitig muss so viel Einkommen vorhanden sein, dass sich der Mensch im Verfahren nicht neu verschuldet. Privatinsolvenz muss man sich leisten können. Dann wird ein Antrag gestellt und das Vermögen muss verwertet werden. Gläubiger, Vermieter und Arbeitgeber werden informiert. Die Gläubiger melden ihre Forderungen an. Danach macht der Schuldner ein Zahlungsplan-Angebot, orientiert am pfändbaren Einkommen der nächsten drei Jahre. Stimmen die Gläubiger zu, ist das eine gerichtlich vereinbarte Quote, die der Schuldner selbst bezahlt. Gelingt das nicht, folgt ein Abschöpfungsverfahren. Zwischen Eröffnung und Verhandlung gibt es einen Zins- und Exekutionsstopp, was für viele bereits eine große Erleichterung ist.

„Die Kinder sind massiv mitbetroffen“
Laut Simone Strehle-Hechenberger ist es dringend notwendig, in Finanzbildung zu investieren.

Was kann man tun, wenn es monatlich immer enger wird?
Strehle-Hechenberger:
Ein Haushaltsbudget ist zentral. Einnahmen und Ausgaben gegenüberstellen und schauen, wie viel zum Leben bleibt. Warnsignale sind, wenn man den Kontoüberzug einplant oder regelmäßig im Minus ist. Auch wenn man beginnt, sich im privaten Umfeld Geld auszuleihen, um Löcher zu stopfen. Wichtig ist auch, Entlastungen zu prüfen: Wohnbeihilfe, Heizkostenzuschuss, Gebührenbefreiungen, Sozialhilfe-Ergänzung. Viele haben Hemmungen, aber Transferleistungen sind ein wichtiger Teil unseres Sozialstaats.

Welche politischen Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht nötig?
Strehle-Hechenberger:
Die Erhöhung des Existenzminimums wäre sehr wichtig. Es liegt deutlich unter der Armutsgefährdungsschwelle und macht das Leben in Vorarlberg extrem schwierig. Außerdem sollte geprüft werden, ob Wohnbeihilfe auch für gepfändete Menschen möglich ist. Und wir brauchen eine Begrenzung der Zinsspirale, denn es gibt Fälle, in denen sich Schulden binnen weniger Jahre vervielfachen. Leistbares Wohnen bleibt zentral. Die Entschuldung binnen drei Jahren sollte beibehalten werden und es braucht auch Investitionen in Finanzbildung.

„Die Kinder sind massiv mitbetroffen“

Zur Person

Simone Strehle-Hechenberger

ist Leiterin der ifs Schuldenberatung Vorarlberg. Die Einrichtung berät Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten, unterstützt bei der Schuldenregulierung und vertritt im Privatinsolvenzverfahren vor Gericht. Ein Schwerpunkt liegt auf Prävention und Finanzbildung, unter anderem mit Workshops an Schulen. Die Schuldenberatung ist Teil des Instituts für Sozialdienste (ifs).