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Ein Neuanfang im Führerstand

07.02.2026 • 16:30 Uhr
Ein Neuanfang im Führerstand
Auf dem Führerstand des Cityjet „Ludesch“ ist Holger Hansen in seinem Element.
Hartinger (7)

ÖBB-Lokführer Holger Hansen war zuvor Lehrer, ist zur See gefahren und hat mehrere Berufe ausgeübt. Heute steuert der Quereinsteiger tonnenschwere Züge durch Vorarlberg.

Holger Hansen beginnt seinen Arbeitstag nicht mit Romantik, sondern mit Uhrzeiten. Lokführer bei den ÖBB, sagt er, leben mit Tagesrändern. Entweder ganz früh morgens oder in den Abendstunden. Viele Abweichungen inklusive. Bevor sich auch nur ein Meter bewegt, steht Vorbereitung am Programm. Der Blick in den Dienstplan, die erste Aufgabe, der Weg zum Fahrzeug. Hansen muss wissen, wo er übernimmt, was vorbereitet werden muss und was ihn erwartet. Im Führerstand wartet kein Abenteuer, sondern Struktur. Der Bordcomputer wird aktualisiert, Systeme werden geprüft, Abläufe durchgegangen. Rund 15 bis 20 Minuten vergehen, bis er tatsächlich im Fahrzeug ist. Dann folgt die Inbetriebnahme der Lokomotive, Bremsen und Sicherheitssysteme werden kontrolliert. Erst wenn alles passt, meldet sich Hansen einsatzklar und abfahrbereit. Manchmal geht es zunächst vom Stützpunkt zum Bahnhof, erst dort wird der Zug in den regulären Betrieb eingebunden.

Ein Neuanfang im Führerstand

10.000 PS

Die Dimensionen, mit denen ein Lokführer arbeitet, sind für Außenstehende schwer greifbar. Die Standardlok, die sogenannte Taurus, bringt 88 Tonnen auf die Waage und verfügt über fast 10.000 PS. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Ein Güterzug, den Hansen bereits bewegt hat, kam auf 1800 Tonnen Gesamtgewicht. Drei Lokomotiven, zusammen rund 30.000 PS. Ein solcher Zug kann bis zu 700 Meter lang sein, ein Personenzug etwa 450 Meter. Zahlen, die Respekt einflößen und Verantwortung erklären, ohne dass man sie groß benennen muss.

Ein Neuanfang im Führerstand

Verantwortung gehört zu den zentralen Themen des Berufs. Hansen spricht von einer fundierten Ausbildung, von klaren Verfahren, Sicherheitsregeln und technischen Standards. Bremsprüfungen und Zugsicherungssysteme sind fixer Bestandteil jeder Fahrt. Daneben steht der Mensch: Ausgeschlafen sein, Alkohol ist ein absolutes No-Go, sich der Aufgabe bewusst sein. Hansen zieht einen Vergleich, den jeder kennt. Vieles erinnere an das Autofahren, nur mit deutlich strengeren Regeln und weitreichenderen Folgen.

Quereinsteiger

Holger Hansen ist kein klassischer Lokführer mit geradem Lebenslauf. Der 57-Jährige ist Quereinsteiger. Geboren in Dänemark, aufgewachsen in Deutschland, heute in Vorarlberg zu Hause. Sein Berufsleben begann nicht auf der Schiene. Er fuhr zur See, arbeitete als Bankkaufmann, studierte, wurde Lehrer. Rund 30 Jahre unterrichtete er, vor allem in Dänemark. Den Job machte er gut, sagt er. Das Verhältnis zu Kindern, Eltern und Kollegen habe gepasst. Trotzdem kam irgendwann die Frage, ob er diesen Weg bis zur Pension weitergehen oder noch einmal etwas verändern wolle.

Ein Neuanfang im Führerstand
Der Stolz über seine neu gefundene Berufung ist Holger Hansen anzusehen.

Die Eisenbahn spielte dabei eine stille, aber konstante Rolle. Drei Onkel und der Großvater arbeiteten bei der Deutschen Bahn. Zu Hause stand eine Modelleisenbahn. Die Faszination galt weniger dem Beruf als dem System: Züge, Organisation, das Zusammenspiel. Lange blieb das nur Hintergrundrauschen. Erst als die Freude am bisherigen Beruf nachließ, gewann dieser Gedanke an Gewicht. Bewerbungen folgten, der Radius wurde größer. Ohne Angst, wie Hansen sagt. Seine Frau trug die Entscheidung mit. Wenn schon Veränderung, dann richtig. Mit Bergen, Brücken und Tunneln.

Glück in Vorarlberg gefunden

Vorarlberg passte ins Bild. Nördlicher Alpenrand, Bodenseenähe für Tage, an denen das Meer fehlt, und die Berge, die er mit Österreich verbindet. Niederösterreich oder Burgenland seien keine Option gewesen. Reue kennt er keine, im Gegenteil. Er spricht von Glück mit dieser Wahl.

Ein Neuanfang im Führerstand
Seine erste Arlberg-Überfahrt als Lokführer werde Holger Hansen nie vergessen.

Ein Wort fällt im Gespräch immer wieder: Stolz. Hansen sagt offen, er sei kein stolzer Lehrer gewesen. Anerkennung habe es gegeben, aber Stolz empfinde er heute stärker. Stolz darauf, die anspruchsvolle Ausbildung bestanden zu haben, die Dienstprüfung geschafft zu haben und diesen Beruf auszuüben. Er beschreibt eine Zufriedenheit, die man ihm anmerkt.

Dazu passt sein Blick auf die Rolle der Bahn. Umweltschutz und verantwortliches Handeln seien ihm privat wichtig. Bei der Bahn bekämen diese Begriffe eine konkrete Form. Güterverkehr bedeute weniger Lastwagen. Noch eindrücklicher sei der Personenverkehr im Alltag. Volle Bahnsteige zu Stoßzeiten, geordnete Abläufe, Radfahrer und Fahrgäste, die im letzten Moment einsteigen. Hansen beschreibt Bahnhöfe als hell, freundlich und gut organisiert. Bahn, Bus, Park and Ride und Fahrrad greifen ineinander. Für ihn funktioniert dieses System im Kleinen wie im Großen.

Lust auf Begegnungen

Der Lokführer sitzt im Führerstand allein. Für jemanden, der jahrzehntelang im engen Kontakt mit Menschen gearbeitet hat, ist das ein bewusster Kontrast. Hansen sagt, das Alleinsein tue ihm gut. Es kehre sogar etwas um. Weil der direkte Kontakt während der Arbeit geringer ist, wachse privat die Lust auf Begegnungen. Gleichzeitig bleibt der Lokführer Teil eines Teams. Kommunikation mit Fahrdienstleitern und Kollegen gehört dazu. Regeln ebenso. Stress lasse er nicht zu, sagt Hansen. Zeitdruck komme vor, wie in jedem Beruf. Entscheidend sei, ruhig zu bleiben und Abläufe sauber abzuarbeiten. Lieber eine Verspätung als ein Risiko.

Ein Neuanfang im Führerstand
Holger Hansen ist glücklich über seine Entscheidung, vom Lehrerpult in den Führerstand eines Zuges gewechselt zu haben.

Hansen steht damit auch für einen Beruf, der Zukunft braucht. Mehr Zugangebote, der Ausbau des Güterverkehrs und bevorstehende Pensionierungen sorgen dafür, dass Nachwuchs gefragt ist. Wer sich dafür interessiert, bekommt am 20. Februar in Bludenz Gelegenheit, den Beruf aus nächster Nähe kennenzulernen. Holger Hansen selbst zeigt, dass viele Wege zur Bahn führen können. Wer sich für eine Karriere bei den ÖBB interessiert, findet alle Infos zum Karrieretag in der Factbox.

Ein Neuanfang im Führerstand
“Alle einsteigen!”

ÖBB Karrieretag in Bludenz

Karrieretag für zukünftige ÖBB Lokführerinnen und Lokführer

Wann: Freitag, 20. Februar 2026, 13 bis ca. 16 Uhr
Wo: ÖBB Produktion GmbH,
Mokrystraße 26, 6700 Bludenz
Anmeldung: auf karriere.oebb.at bis 18. Februar.

Das erwartet Interessierte:

  • Einblick in Arbeitgeber ÖBB und Berufsbild Lokführer
  • Praxisblicke und Austausch mit erfahrenen Lokführern, Kolleginnen und Kollegen in Ausbildung sowie Lehrlokführern
  • Führerstand besichtigen
  • Strecken im Fahrsimulator fahren
  • Informationen zur Online-Bewerbung, bei Interesse auch Bewerbungsgespräch

Voraussetzungen:

  • mindestens 19 Jahre alt
  • abgeschlossene Ausbildung, Lehrabschluss, Matura oder Studium
  • Männer: Präsenz oder Zivildienst erledigt oder befreit
  • sehr gute Deutschkenntnisse