Vorarlberger fordern ein starkes Europa

NEUE-Umfrage zu Donald Trump und damit verbundenen geopolitischen Verschiebungen: Die Sorgen sind groß, doch der Wunsch nach einem selbstbewussten Europa ist noch größer.
Kaum ein anderes Thema dominiert derzeit die Diskussionen in Vorarlberg derzeit so sehr wie die geopolitischen Verschiebungen durch die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus. Die Ergebnisse der aktuellen NEUE-Umfrage zeichnen ein Stimmungsbild, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: Die Verunsicherung in der Bevölkerung ist massiv, das Vertrauen in die beständige „alte Ordnung“ ist fast vollständig erodiert. Sagenhafte 95 Prozent der Teilnehmer geben an, dass sie die globalen Regeln, Bündnisse und die Verlässlichkeit internationaler Partner bröckeln sehen und den Weltfrieden als fragiler denn je empfinden.
Angst vor Eskalation
Diese diffuse Sorge konkretisiert sich in harten Zahlen. Über 84 Prozent der Befragten befürchten, dass der unberechenbare außenpolitische Kurs des US-Präsidenten die Gefahr einer Eskalation in Europa deutlich erhöht. Worte wie „unheimlich“, „grauenhaft“ oder schlicht „Angst“ ziehen sich wie ein roter Faden durch die offenen Antworten der Leser. Doch die Bedrohung wird nicht nur militärisch wahrgenommen. Für das stark exportorientierte Vorarlberg ist die protektionistische Wirtschaftspolitik Washingtons ein direkter Risikofaktor für den heimischen Wohlstand: Knapp 80 Prozent sehen in möglichen neuen US-Zöllen auf Waren aus der EU ein spürbares Risiko für die heimische Wirtschaft. „Indem man einen Wolf füttert, fördert man seine Fresslust“, warnt ein Leser bildhaft davor, sich erpressbar zu machen und auf bloßes Wohlwollen zu hoffen.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
Ruf nach Emanzipation
Doch wer Resignation erwartet, wird eines Besseren belehrt. Aus der Analyse der Bedrohung leitet eine überwältigende Mehrheit einen klaren Handlungsauftrag an die Politik ab. Der Wunsch nach Emanzipation von den USA ist unüberhörbar. Auf die Frage, ob die EU bei Handelskonflikten geschlossen auftreten und notfalls mit Gegenzöllen reagieren soll, antworteten fast 92 Prozent mit „Ja“. Noch bemerkenswerter ist die Bereitschaft, für diese Souveränität auch finanziell Opfer zu bringen. Über 76 Prozent der Teilnehmer sprechen sich dafür aus, die eigene Verteidigungsfähigkeit deutlich auszubauen, auch wenn dies mehr Geld kostet. Das Ziel ist klar definiert: Weniger Abhängigkeit von den Launen in Washington und den Dynamiken der NATO. „Europa darf sich nicht verstecken, nicht einschüchtern lassen, eine starke Einheit bilden, aufrüsten und selbstbewusst auftreten“, fasst ein Teilnehmer die Stimmung zusammen.

„Ein Weckruf für Europa“
In den Kommentaren wird der Wunsch nach Souveränität weiter ausformuliert. „Wir brauchen die ‚Vereinigten Staaten von Europa‘ als Gegenpol zu Russland, China und den USA“, fordert ein Teilnehmer und fügt warnend hinzu: „Einzelstaaten sind nur eine Vorspeise.“ Ein anderer sieht die aktuelle Krise als längst überfälligen „Weckruf für Europa“, sich endlich seiner Position bewusst zu werden und interne Blockaden zu lösen. Kritisch angemerkt wird dabei oft die Uneinigkeit der Union durch Regierungschefs, die ausscheren. Es herrscht der Tenor vor, dass man Stärke zeigen muss. „Trump muss wissen, dass es neben den USA auch andere mächtige Blöcke gibt“, heißt es kämpferisch. Gleichzeitig mahnen viele zu pragmatischem Realismus: Wer sich von Amerika löst, braucht Alternativen. Der Blick richtet sich dabei auch auf neue Partner wie Indien oder Afrika, um Abhängigkeiten zu reduzieren.
Sorge um die nächste Generation
Dennoch bleibt der Gesamteindruck der Umfrage düster und von Skepsis geprägt. Die Hoffnung auf ein starkes Europa wird getrübt von der Sorge um die nächste Generation. „Ich sehe, dass unsere Nachkommen keine positive Zukunft mehr haben“, schreibt ein besorgter Leser stellvertretend für viele, die pessimistisch in die Zukunft blicken. Die Sehnsucht nach Frieden und Stabilität ist groß, doch der Glaube an eine einfache Rückkehr zur Normalität schwindet. Was bleibt, ist die fast verzweifelte Forderung nach Geschlossenheit. „Europa hat nur eine Chance, wenn es mit einer Stimme spricht“, resümiert ein Kommentator die Stimmung im Land. Die Zeit des Verlassens auf andere, so der breite Konsens, ist endgültig vorbei.
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)