Evangeliumkommentar: Klare Verhältnisse!?

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Brigitte Knünz, Mitglied der Frohbotschaft Batschuns.
Sonntagsevangelium
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen. Matthäus 5,20–22a.27–28.33-34a.37
Klare Verhältnisse!?
Wie wünschen wir uns doch in manchen Situationen Klarheit: Damit ich weiß, woran ich bin; damit ich weiß, wie entscheiden; damit ich weiß, was „richtig“ ist. Meistens ist das aber nicht so einfach: Wir sind von Uneindeutigkeiten und vielen verschiedenen Optionen herausgefordert. In uns streiten Verstand und Gefühl um ihre Durchsetzung. Und auch auf der großen Weltbühne sind wir konfrontiert mit verschiedenen Strömungen, Meinungen und ständig neuen Erkenntnissen. Was ist richtig? Woran oder an wem kann ich mich orientieren? Wer oder was gibt mir Halt? Dieser ständigen Unsicherheit sind wir ausgesetzt. Genau da setzen jene an, die uns auf ihre Seite ziehen wollen: Sie vermitteln uns über ihr bestimmendes und selbstbewusstes Auftreten einfache Lösungen für die Weltprobleme. Aber: Ist es so einfach?
In seiner Bergpredigt greift Jesus die alltäglichen Probleme der Menschen auf, die sich auch fragen, wie sie sich verhalten sollen, um zu einem zufriedenen und erfüllten Leben zu kommen. Und er erteilt jenen eine Absage, die meinen, es sei damit getan, dass sie sich einfach wörtlich an die zehn Gebote halten. Er versteht die Gebote quasi als Überschrift, unter der sich noch weit mehr verbirgt, als zum Beispiel „nur“ das Töten zu unterlassen. Er lenkt unseren Blick zur Wurzel des Übels. Wenn wir ein freies Herz wollen, dann sollen wir bereits den schlechten Gedanken meiden. Es ist also die Aufmunterung, auch schon bei scheinbar kleinen Regungen in uns hinzuspüren, woher sie kommen und zu entscheiden, ob ich dem Raum gebe oder nicht. Jesus sagt uns nicht einfach: Tue das, dann bist du richtig dran. Sondern: Schau dahinter! Wer ist die Mutter dieses Gedankens? Wer seine Gedanken und Handlungen immer wieder hinterfragt und reflektiert, bleibt für Korrekturen beweglich und offen, sich immer neu für ein aufrichtiges Leben zu entscheiden. Gleichzeitig wird man auch sensibler, bei anderen dahinter zu schauen und nicht beim ersten Eindruck zu (ver-)urteilen. Natürlich, das kann anstrengend sein, weil es ständige Auseinandersetzung und Konfrontation mit äußeren und inneren Zuständen bedeutet. Doch ich glaube, billiger ist ein Seelenfrieden nicht zu haben, auch wenn man sich eine Weile lang mit eindeutigen Ansagen von Influencern jeder Art zudecken lassen kann und sogar meint, dass das genau die eigene Meinung sei. Doch, ganz ehrlich geprüft: Ist dieses Ja dann noch mein Ja und dieses Nein noch mein Nein? Bereits zu Jesu Zeiten gab es diejenigen, die vorgaben zu wissen, was Sache ist. Auf solche Tonangeber gibt Jesus nicht viel – dafür ermuntert er uns, das eigene Denken und Spüren nicht aufzugeben.
