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„Potenziale bei Kindern entfalten statt Fehler suchen“

21.02.2026 • 10:00 Uhr
Schule im Aufbruch
Am vergangenen November fand ein „Schule im Aufbruch“-Tag an der Schule für globales Lernen (SFGL) Ludesch statt. sia

Kinder sollen in der Schule ihre Stärken entdecken und Selbstwirksamkeit erleben. Dafür setzt sich Sabine Scheffknecht mit der Initiative „Schule im Aufbruch“ ein und stellt die Potenziale junger Menschen ins Zentrum.

“Schule im Aufbruch“ ist eine Initiative, die Kinder in ihrer einzigartigen Potenzialentfaltung stärkt. Kindergärten und Schulen werden dabei unterstützt, die angeborene Begeisterung, Kreativität und Selbstwirksamkeit junger Menschen zu bewahren und weiterzuentwickeln. Die Initiative ist keine Beratungs- oder Coachingstelle, sondern versteht sich als Plattform für Inspiration, Ermutigung und Vernetzung. Mit Beispielen, Methoden und Lernformaten regt sie Veränderungsprozesse an, die durch Austausch im Netzwerk gestärkt werden.

Sabine Scheffknecht Interview
Sabine Scheffknecht im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Martin begle

Gegründet wurde sie 2012 in Deutschland von der reformorientierten Schulleiterin Margret Rasfeld, dem Neurobiologen Gerald Hüther und dem Juristen Stephan Breidenbach. Rasfeld habe als Direktorin „neue Konzepte nicht nur gedacht, sondern gelebt“, sagt Sabine Scheffknecht, Leiterin von „Schule im Aufbruch“ Österreich. Gerald Hüther wiederum habe „das Wissen aus der Gehirnforschung eingebracht und für die Praxis verständlich gemacht“. Gemeinsam hätten sie „eine Bewegung ins Leben gerufen“.

Scheffknecht sei einem Jahr Leiterin

Ein Jahr später entstand auch in Österreich ein Netzwerk. Heute engagieren sich hierzulande rund 6500 Pädagoginnen und Pädagogen. Seit Jänner des vergangenen Jahres hat die Lustenauerin Sabine Scheffknecht den Vereinsvorsitz und die Leitung inne. Im Mittelpunkt steht die Stärkung der individuellen Potenziale von Kindern und Jugendlichen. „Im Kern geht es um Potenzialentfaltung“, betont die ehemalige Neos-Landessprecherin und -Klubobfrau. Schule müsse neu gedacht werden – „mit einer Haltung, die Kindern auf Augenhöhe begegnet“. Es gehe darum, sie zu begleiten und nicht nur zu unterrichten: „Wir wollen sie aufrichten und ihre Stärken in den Mittelpunkt stellen.“ Viele Lehrkräfte lebten diese Haltung bereits.

Sabine Scheffknecht Interview

Eine große Chance

Dafür brauche es eine entsprechende Lernkultur: Selbstverantwortung statt bloßer Pflichterfüllung, Schatzsuche statt Fehlersuche, neue Lernformate statt reinem Frontalunterricht sowie Lob und Vertrauen statt Negativauslese. „Wenn Kinder Selbstwirksamkeit erleben und ins Handeln kommen dürfen, ist das großartig“, sagt die 47-Jährige, die bei den Vorarlberger Neos auch Bildungssprecherin war. Mit Blick auf Künstliche Intelligenz werde sich Schule verändern müssen: „Auswendiglernen können KI-Tools besser als wir. Was sie nicht können, sind Beziehung, Kreativität und neue Ideen.“ Darin würde eine große Chance liegen. „Wir bieten einen bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten – all das, was es an guten und innovativen Ansätzen bereits gibt“, erklärt Scheffknecht. Dazu zählen Konzepte aus der Positiven Psychologie, „Perma.teach“, „Cool“ (co-operatives, offenes Lernen), „Open School“ oder „Frei Day“. Es handle sich um offene Formate, „in denen Kinder angstfrei lernen und begleitet werden“.

Sabine Scheffknecht Interview

Breit aufgestellt

Die Initiative ist breit aufgestellt: Neben Pädagoginnen und Pädagogen engagieren sich zahlreiche Schulleitungen, Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Schulaufsicht und Hochschulen. „Alle eint die Haltung, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen und innovative Konzepte umzusetzen.“

Zur Person

Name: Sabine Scheffknecht
Geboren: 3. März 1978 in Bregenz
Familienstand: Verheiratet, zwei Kinder
Wohnort: Lustenau
Beruf: Unternehmerin, Leiterin „Schule im Aufbruch“
Politische Funktionen: Neos-Landessprecherin (2014–2022), Neos-Klubobfrau (2019–2023)
Hobbys: Gute Gespräche führen, Gesellschaftsspiele/Jassen, Schwimmen

Gewachsene Struktur

Aus anfänglich rein ehrenamtlichem Engagement ist inzwischen eine gewachsene Struktur entstanden: Neun hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter koordinieren die Arbeit österreichweit, unterstützt von mehr als 100 Ehrenamtlichen in den Bundesländern. Je zwei Bundesländer werden von einer hauptamtlichen Regionalkoordinatorin betreut. Für Vorarlberg und Tirol ist dies Andrea Moosbrugger. „Heute wollen viele Pädagoginnen und Pädagogen im Rahmen der Lehrpläne und rechtlich abgesichert arbeiten. Dafür braucht es Begleitung“, so Scheffknecht. Begleitung sei überhaupt ein zentrales Anliegen der Initiative: „Wir wollen Schulentwicklung gemeinsam mit dem System gestalten und nicht parallel dazu.“

Kinderuni
„Schule im Aufbruch“-Tag an der Schule für globales Lernen (SFGL) Ludesch. sia

“Frei Day”, ein sichtbares Beispiel

Ein besonders sichtbares Beispiel für „Schule im Aufbruch“ ist der „Frei Day“. Dabei arbeiten Schülerinnen und Schüler vier Stunden pro Woche – als Teil des regulären Unterrichts – an eigenen Projekten, die sich an den Nachhaltigkeitszielen (SDGs) orientieren. Idealerweise findet diese Zeit geblockt und über das gesamte Schuljahr hinweg statt, häufig auch jahrgangsübergreifend. „Die Kinder setzen ihre Ideen in Teams um, statt nur ein Plakat zu gestalten“, berichtet die Lustenauerin. Das könne eine Kleidertausch-Börse sein, eine Müllsammelaktion oder ein Friedensprojekt. Die Wirkung sei deutlich spürbar. „Viele sagen: ,Frei Day ist kein Unterricht, Frei Day ist ein Gefühl‘.“
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr die Geschichte eines zehnjährigen Schülers, der sich mit nachhaltiger Kleidung beschäftigte. Er recherchierte Produktionsbedingungen und Chemikalien und kam schließlich zu dem Schluss: „Jetzt bin ich dankbar, dass meine Mama mir immer Secondhand-Kleidung gekauft hat.“ Man habe gemerkt, dass dies aus finanziellen Gründen geschah, so Scheffknecht. „Aber er konnte seine Perspektive verändern und es als etwas Positives sehen. Das sind starke Momente.“

21 Vorarlberger Schulen dabei

Österreichweit arbeiten rund 110 Schulen mit dem „Frei Day“, in Vorarlberg sind es derzeit 21. Insgesamt erreicht das Netzwerk etwa 6500 Pädagoginnen und Pädagogen – vom Kindergarten über Volks- und Mittelschulen bis hin zu Oberstufen und pädagogischen Hochschulen. „Projektbasiertes und offenes Lernen kann überall stattfinden“, ist Scheffknecht überzeugt.

Schule im Aufbruch
“Schule im Aufbruch”: In Dornbirn wurde eine Länderübergreifende “Frei Day”-Lounge durchgeführt. sia

Die Initiative versteht sich weder als Beratungsstelle noch als starres pädagogisches Konzept oder politische Bewegung. „Man spürt, wenn eine Schule im Aufbruch ist“, sagt Scheffknecht. „Kinder und Lehrkräfte lernen gemeinsam auf Augenhöhe. Das Lernen steht im Mittelpunkt – nicht das Lehren.“ Es sei das Gegenteil des klassischen Bildes, in dem die Lehrperson vorne steht und Wissen von oben herab vermittelt: „Bei uns wird Lernen gemeinsam gestaltet.“
Widerstände von offizieller Seite nehme sie kaum wahr. „Im Gegenteil: Auf vielen Ebenen der Bildungsverwaltung gibt es Unterstützerinnen und Unterstützer.“ Gerade im Bereich Mental Health seien die Angebote stark nachgefragt. Entscheidend sei, wie es den Kindern gehe. „Wir erleben, dass sie wieder gerne in die Schule gehen und weniger Angst haben. Wenn sie sagen: ,Frei Day ist mein Lieblingstag‘, dann haben wir viel erreicht.“

“Bildung ist meine Herzensangelegenheit”

Sabine Scheffknechts persönliches Engagement speist sich aus ihrer Biografie. „Bildung ist mein Herzensanliegen.“ Ihre Eltern hätten beide nur einen Volksschulabschluss gehabt und bereits mit 14 Jahren arbeiten müssen. Sie selbst und ihre Schwestern hätten hingegen alle Chancen erhalten. „Es ist wichtig, dass jedes Kind seine Chance bekommt und seine Stärken entdecken kann. Es darf auch kein Lotteriespiel sein, ob das Kind eine innovative Lehrperson hat oder nicht.“ Viele würden gerne anders arbeiten, stießen jedoch an formale Rahmenbedingungen.

Sabine Scheffknecht Interview
Sabine Scheffknecht leitet die Initiative “Schule im Aufbruch” seit Jänner vergangenen Jahres. Für die ehemalige Neos-Landessprecherin ist Bildung “eine Herzensangelegenheit”. Begle

Mut zur Veränderung sei vorhanden, betont sie, doch „es sollte nicht von Einzelnen erwartet werden, besonders mutig zu sein. Vielfalt ist wichtig. Es gibt unterschiedliche Wege, gute Schule zu gestalten. Entscheidend ist, dass Kinder gestärkt werden und Lehrkräfte die Rahmenbedingungen erhalten, die sie dafür brauchen.“

Freiräume schaffen

„Mein Wunsch wäre, dass es uns irgendwann nicht mehr braucht – weil alle Schulen im Aufbruch sind.“ Ob das in zehn Jahren gelinge, könne sie nicht sagen. „Aber wenn wir zumindest die Hälfte der Pädagoginnen und Pädagogen erreichen, wäre das ein großer Schritt.“ Für die 47-Jährige steht fest: „Veränderung ist nicht aufzuhalten, auch wegen KI. Wir müssen Freiräume für Beziehungsarbeit und Kreativität schaffen. Lernen sollte nicht nur in Noten gemessen werden, sondern auch am Wohlbefinden.“ Und welche Kompetenzen sind heute besonders wichtig? „Kritisches Denken, soziale Kompetenzen, Zusammenarbeit und die Fähigkeit, Neues zu entwickeln. Reines Wiederholen kann KI besser.“