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Preisfairness, Mercosur und die Zukunft der Höfe in Vorarlberg

28.02.2026 • 17:02 Uhr
Preisfairness, Mercosur und die Zukunft der Höfe in Vorarlberg
Moosbrugger und Gantner demonstrieren im Gespräch mit der NEUE am Sonntag Einigkeit. Stiplovsek (10)

Bei der Landwirtschaftskammerwahl prallen unterschiedliche Zugänge aufeinander. Die NEUE am Sonntag hat mit Josef Moosbrugger, Christian Gantner und Robert Blum über Strukturwandel, Politik und Markt gesprochen.

Im Vorfeld der Landwirtschaftskammerwahl wird deutlich, dass es nicht nur um Personen geht, sondern um grundsätzliche Fragen: Wie viel Markt verträgt die Vorarlberger Landwirtschaft? Wie viel Schutz braucht sie? Und wie groß ist der Handlungsspielraum zwischen Brüssel, Wien und Bregenz? Die NEUE am Sonntag hat mit Landwirtschaftskammerpräsident und ÖVP-Kandidat Josef Moosbrugger, Robert Blum, Kandidat der Freiheitlichen und unabhängigen Bauern Vorarlberg, und Landwirtschaftslandesrat Christian Gantner gesprochen.

Preisfairness, Mercosur und die Zukunft der Höfe in Vorarlberg

Gute Preise, große Unsicherheit

Wirtschaftlich sei die Lage differenziert zu betrachten, sagt Landesrat Christian Gantner gleich zu Beginn. „Von der Marktseite her haben wir in unseren Hauptsegmenten, Milch und Fleisch, in den letzten zwei Jahren gute Preise. Bei Fleisch ist das immer noch so. Wahrscheinlich so gute, wie sie schon länger nicht mehr da waren“.

Das relativiert das oft gezeichnete Krisenbild. Gleichzeitig schränkt Gantner ein, dass die Rahmenbedingungen herausfordernd seien. Bürokratie sei ein Dauerthema. Bauern wollten „im Stall und auf der Wiese stehen“ und nicht „die halbe Zeit auch im Büro sein“.

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Josef Moosbrugger sieht neben dem Markt eine strukturelle Schieflage. Der Weltmarkt sei „nicht unbedingt ein Freund der Vorarlberger Landwirtschaft“ . Ein Berggebiet könne nie über Quantität, sondern nur über Qualität punkten. Gleichzeitig werde von der Landwirtschaft immer mehr verlangt, während beim Einkauf häufig zu billigeren Importprodukten gegriffen werde.

Robert Blum spricht von einer „massiven Wettbewerbsverzerrung“ . Die heimischen Betriebe produzierten nach strengsten Auflagen bei Tierwohl, Pflanzenschutz sowie Umwelt und Sozialstandards. Gleichzeitig stünden Produkte aus dem Ausland im Regal, „die unter deutlich niedrigeren Standards erzeugt wurden und deshalb billiger sind“. Das sei weder fair noch nachhaltig.

Bio zwischen Anspruch und Markt

Ein konkretes Beispiel für die Kluft zwischen Anspruch und Realität ist der Bio-Bereich. Moosbrugger nennt Zahlen: „Wir bewirtschaften 26 Prozent der Fläche österreichweit biologisch und am Markt haben wir unter 10 Prozent Marktanteil.“ Wenn Bio politisch gewollt sei, müsse auch der Markt mitziehen. Der höhere Aufwand müsse sich wirtschaftlich rechnen.

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Landesrat Gantner ergänzt, es wäre „falsch, nur auf der einen Seite zu sagen, Bioproduktion muss gesteigert werden“. Ohne entsprechenden Absatz lasse sich die Produktion nicht ausweiten. Zuletzt sei sogar eine Stagnation zu beobachten, weil Konsumenten verstärkt zu vermeintlichen Billigprodukten griffen.

Moosbrugger spricht offen von „Scheinheiligkeit“ , wenn höchste Standards gefordert würden, aber im Regal andere Produkte landeten. Blum argumentiert in dieselbe Richtung, wenn er festhält: „Wer hohe Qualität fordert, darf nicht zulassen, dass diese Qualität am Markt bestraft wird“.

Faire Preise

In der Frage der Preisfairness wird der Ton grundsätzlicher. Moosbrugger beschreibt die Logik der Wertschöpfungskette kritisch: „In der Wertschöpfungskette vom Endverkaufspreis nimmt sich der Handel das, was er braucht, der Verarbeiter kriegt das, was notwendig ist, und der Rest kriegt der Bauer“. Der Anteil der Landwirte sei in den vergangenen Jahren gesunken. Moosbrugger warnt jedoch davor, allein die Konsumenten verantwortlich zu machen. Auch der Handel führe einen harten Preiskampf mit Rabattaktionen und Mengenangeboten. Politik, Handel und Konsumenten seien gemeinsam gefordert.
Gantner unterscheidet klar zwischen Wertschätzung und Wertschöpfung. Erstere sei hoch, aber „es braucht nebst Wertschätzung auch eine Wertschöpfung“. Diese setze sich aus Einkommen über das Produkt, Leistungsabgeltungen und Idealismus zusammen. Besonders wichtig sei, dass das Einkommen über die Arbeit mit den Händen komme und nicht primär über staatliche Transfers.

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Robert Blum sieht den Hebel in einer verpflichtenden, flächendeckenden Herkunftskennzeichnung: „Der Konsument hat ein Recht darauf zu wissen, woher die Lebensmittel kommen und unter welchen Bedingungen sie erzeugt wurden.“ Freiwilligkeit reiche nicht aus, es brauche eine lückenlose Kennzeichnung auch in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Dass diese seit Jahren nicht umgesetzt sei, zeige fehlenden politischen Willen.

Mercosur und Konkurrenz

Mit dem Mercosur-Abkommen verschärft sich die Debatte um Wettbewerbsbedingungen. Moosbrugger betont, kurzfristig werde sich durch Mercosur nicht „morgen die Welt völlig verändern“. Es gehe aber um völlig ungleiche Standards – auch zu Lasten der Konsumenten – und einen zusätzlichen Konkurrenten auf dem schwierigen Markt. Es dürfe kein „Abtausch zwischen Wirtschaft und Landwirtschaft“ stattfinden. Die Landwirtschaft habe keinen Vorteil, sondern trage die Nachteile. Wenn in Europa bestimmte Produktionsmethoden verboten seien, dürften Produkte, die unter diesen Bedingungen hergestellt würden, nicht importiert werden – Herkunftskennzeichnung hin oder her.

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Gantner verweist darauf, dass die ablehnende Haltung Österreichs durchaus Bewegung in Europa ausgelöst habe. Diskussionen über Importstandards, etwa beim Pflanzenschutz, seien in Gang gekommen. Auch ein kleines Bundesland könne agrarpolitisch etwas bewegen.

Blum sieht durch Mercosur erheblichen zusätzlichen Druck. In den betroffenen Staaten seien Methoden erlaubt, „die bei uns längst verboten sind“. Wenn solche Produkte günstiger auf den Markt kämen, gefährde das regionale Wertschöpfung. Die Landwirtschaft dürfe nicht zum Verlierer der Handelspolitik werden.

Sicherheit und Versorgung

Ein weiterer Themenblock ist die Versorgungssicherheit. Gantner formuliert es zugespitzt: „Landwirtschaftspolitik ist Sicherheitspolitik“, sagt er. In einer Welt, in der viel über Sicherheit gesprochen werde, dürfe die Lebensmittelversorgung nicht vergessen werden.
Moosbrugger zieht den Vergleich zur Energieautonomie. Was im Energiebereich als Vorbild gelte, müsse auch für Lebensmittel gelten. Versorgungssicherheit sei eine zentrale Sicherheitsfrage. Gerade in Krisenzeiten zeige sich, wie schnell Lieferketten unter Druck geraten könnten.
Gantner präzisiert, es gehe nicht um Oliven oder Kaffee, sondern um Grundnahrungsmittel, die Vorarlberg nachhaltig produzieren könne, etwa Milch und Fleisch aus Gras.

Strukturwandel oder Höfesterben

Beim Thema Strukturwandel in der Landwirtschaft gehen die Bewertungen auseinander. Moosbrugger wehrt sich gegen den Begriff Höfesterben. „Die Ursachen, warum Höfe weniger werden, sind vielfältig. Sie reichen von fehlenden Hofnachfolgern, kleinsten Betrieben ohne Perspektive und zu hohem Bodenverbrauch, wo den Bauern die Produktionsgrundlage weggenommen wird, bis zur schlechten Ertragslage. Dort müssen wir ansetzen“, so Moosbrugger, der die zahlreichen Unterstützungs- und Entlastungsmaßnahmen aufzählt, welche die Landwirtschaftskammer bietet.

Viele sehr kleine Betriebe ohne wirtschaftliche Perspektive würden aufgegeben, während größere wachsen. Die bewirtschaftete Fläche bleibe weitgehend stabil. Gleichzeitig verweist er auf den Bodenverbrauch. Wenn jährlich Fläche verloren gehe, verschärfe das den Druck auf die Betriebe. Gantner nennt als positiven Indikator, dass 26 Prozent der Betriebsführer in Vorarlberg unter 40 Jahre alt seien, im EU Vergleich seien es 12 Prozent. Das spreche für Zukunftsperspektiven im Land.

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Blum hingegen spricht von mehr als einem normalen Strukturwandel. Wenn jedes Jahr Höfe schließen müssten, sei das „ein deutliches Warnsignal“. Junge Menschen bräuchten weniger Bürokratie, planbare Rahmenbedingungen und ein Einkommen, von dem man leben könne.

Bürokratie und Naturschutz

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Bürokratie. Präsident Moosbrugger fordert „mehr Eigenverantwortung und Hausverstand“ zuzulassen. Das Gefühl, ständig kontrolliert zu werden, belaste viele. Er nennt konkrete Konfliktfelder wie Biber, Rabenkrähen oder Kormoran, wo aus seiner Sicht regulierend eingegriffen werden müsse.

Gantner spricht ebenfalls von „mehr Hausverstand und weniger Ideologie“ im Umwelt und Naturschutz . Maßnahmen müssten praktikabel und akzeptiert sein, sonst drohe ein Umschlagen der Stimmung.

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Blum kritisiert, die Bürokratie sei gewachsen, Fördermodelle seien kompliziert und zentrale Forderungen nicht konsequent umgesetzt worden. Die Kammer müsse klarer auftreten und unabhängiger agieren.

Interessenvertretung

Die Rolle der Landwirtschaftskammer ist ebenfalls Teil der Auseinandersetzung. Gantner sieht die Landwirtschaft politisch gut verankert, mit starker Interessenvertretung und Regierungsbeteiligung. Entscheidend sei, Themen umzusetzen und nicht nur laut zu sein. Moosbrugger verweist auf parteipolitische Unterschiede bei Agrarthemen. Nicht überall seien bäuerliche Anliegen gleich stark verankert.

Blum hält dagegen, die ÖVP trage seit Jahrzehnten Verantwortung im Agrarbereich. Vieles sei angekündigt, aber nicht konsequent umgesetzt worden. Es brauche daher eine „starke Alternative, die klar Position bezieht und unabhängig agiert“.

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Prioritäten

In der Schlussrunde formulieren die Akteure ihre Prioritäten. Moosbrugger nennt Eigenverantwortung und eine Reduktion überbordender Auflagen. Gantner wünscht sich eine weiterhin konstruktive Zusammenarbeit zwischen Kammer und Land, die langfristig orientiert sei. Blum würde als erste Maßnahme die „lückenlose verpflichtende Herkunftskennzeichnung“ umsetzen.

Die Kernfragen im Wahlkampf bleiben: Wie viel Markt verträgt die heimische Landwirtschaft, wie viel Schutz braucht sie, und welche politischen Instrumente sind geeignet, Wertschätzung in tatsächliche Wertschöpfung zu übersetzen?