Raus aus dem Rad, zurück ins Leben

Peter Moranduzzo ist Obmann der Drogenselbsthilfe Vorarlberg. Ein Gespräch mit der NEUE über Sucht, Aufklärung und Feingefühl.
“Kleine Wege führen auch ans Ziel.“ Weg und Ziel: Diese beiden Komponenten schwingen bei Peter Moranduzzo immer wieder mit, wenn er erzählt. Als Obmann der Drogenselbsthilfe Vorarlberg versucht er Menschen aus der Sucht zu begleiten. Ein „Herzensprojekt“, wie er sagt.
Dass der Weg manchmal nicht leicht ist, weiß er nur allzu gut. Er selbst hatte früher Probleme mit Alkohol.
„Ich habe regelmäßig getrunken. Dann kam die Gleichgültigkeit. Als ich das gespürt habe, habe ich einen Weg gesucht, die Alkoholsucht wegzubekommen. Es war nicht so einfach, aber jetzt ist es gut.“
Eine wichtige Ansprechperson war damals Elmar Sturm, heute Vorstandsmitglied der Stiftung Maria Ebene. Wie sich herausstellte, war dies in zweierlei Hinsicht eine wertvolle Begegnung. Dadurch lernte Moranduzzo die Arbeit in der Suchtberatung kennen: „Das hat mir gefallen.“

Es beginnt mit einer Entscheidung
Nichtsdestotrotz macht er seine eigene Rolle nicht größer als sie ist. Für jeden Süchtigen stehe am Anfang immer eine Entscheidung. Es sei ein Ansatz, wenn jemand den Weg zur Beratung findet. Das sei schon einmal ein gutes Zeichen.
„Aber wir wissen, wir sind nur Wegweiser“, beschreibt er die Rolle von Beratern. „Ob jemand will oder nicht, das muss er selbst entscheiden.“
Dabei sieht Moranduzzo die Sache ganz klar: Jeder Mensch hat eine Hilfe verdient. Diese kann unterschiedlich aussehen. So bietet der Verein Unterstützung bei Amtswegen oder Gesprächen mit Ärzten. Aktuell ist er damit beschäftigt, gemeinsam mit Hilfesuchenden deren Wohnungen wieder auf Vordermann zu bringen. Die betroffene Person arbeitet dabei mit – und das soll auch das Zeichen sein: Es geht anders. Das Rädchen müsse nicht weiterlaufen wie bisher.
Kleine Schritte
„Das Rädchen“: So nennt Moranduzzo die Welt der Abhängigen, teilweise auch jener, die bereits in Behandlung sind. Wer dort drinnen ist, folgt dem immer gleichen Ablauf. Und das birgt eine besondere Gefahr.
„Umso länger sie in dem Rädchen sind, fühlen sie sich da schon wohl. Sie denken, sie kommen auch nicht mehr raus. Sie bleiben dort.“
Selbst jene, die bereits in einem Programm sind, können im Rädchen gefangen sein. Er spricht von Menschen, die regelmäßig zum Amtsarzt müssen. Menschen, die ihre Medikamente vor Zeugen in der Apotheke einnehmen müssen und zu Kontrollen verpflichtet sind. Menschen, die vorweisen müssen, wohin sie gehen, nicht einfach wegfahren können.
„Die haben abgeschlossen und sagen: ‚Das ist mein Leben. Ich stehe auf, gehe zum Amtsarzt, gehe in die Apotheke und hole das‘.“
Als Moranduzzo das erzählt, stellt sich natürlich die Frage, wie er damit umgeht, wenn er selbst jemanden sieht und denkt: Das bringt eh nichts.
Und hier ist er wieder am Anfang, bei den kleinen Wegen. Bei der Entscheidung, eines Menschen, der zu ihnen gekommen ist. Beim guten Zeichen. Er macht aber klar: „Du musst kleine Ziele setzen. Sonst ist derjenige sofort überfordert.“
Aus solchen Fällen erwuchsen auch seine positivsten Erinnerungen. Die Menschen, bei denen er selbst nicht daran glaubte, dass sie dem Rädchen entkommen. Die es doch geschafft haben, wieder mit beiden Füßen auf dem Boden stehen.

Zurück ins Leben
Wenn der Obmann von der Drogenselbsthilfe erzählt, betont er auch, wie wichtig der ständige Austausch mit anderen sei. Im Rädchen sehen die Klienten stets dasselbe. Im Verein teilen sie Erfahrungen, auch mit anderen Betroffenen, sehen etwas Neues. Wichtig sei die Erkenntnis, dass es anders geht. Die Menschen haben die Chance ins Leben zurückzukehren.
Beim Thema Erfahrungen wird Moranduzzo aber auch anderweitig deutlich. Er erachtet Drogenabhängigkeit als eine Krankheit, die noch nicht richtig anerkannt sei.
„Die Sucht kommt irgendwo her. Das kann schon von der Kindheit ausgehen, wie der Mensch aufgewachsen ist. Schicksale, warum sie abstürzen. Die meisten Leute sagen dann: ‚Da ist ein süchtiger Alkoholiker.‘ Aber warum er so geworden ist, sehen sie nicht. Man sollte viel mehr auf die Leute eingehen.“
Das könne selbst Menschen geschehen, die voll im Leben stehen. Scheidung oder Vormundschaftsstreit nennt er beispielhaft als Schicksalsschläge.
Aufklärung und Feingefühl
Während der Begegnung mit Peter Moranduzzo wird die Komplexität des Themas Sucht mehrmals deutlich. Bei der Aufklärungsarbeit gehen die Meinungen auseinander. Während Moranduzzo Aufklärung ab dem Jugendalter befürwortet, erkennt er zugleich die Skepsis anderer.
„Ich habe mir sagen lassen, dass es in der Vergangenheit bereits Projekte in Schulen gab, aber das ging schief. Da hätten viele gesagt, man könne die Kinder nicht so schockieren. Aber online wird heute alles gesagt.“
Das unterstreicht für ihn nochmals die Bedeutung professioneller Aufklärung. Dabei sieht er sich zugleich der Herausforderung gegenüber, die Menschen zu motivieren. So habe er bereits Tagungen organisiert, Menschen eingeladen, nur um zu erkennen: Die haben keine Lust.
Er hat gelernt, dass es bei jungen Menschen Feingefühl braucht – besonders in der Beratung. „Ich kann nicht alles direkt sagen, sonst fällt der noch tiefer ins Loch. Dann muss ich das Mittelmaß suchen, wie ich mit der Person rede.“ Daher versucht er stets, ins Gespräch zu kommen, Folgen aufzuzeigen – verstehen, niemals verurteilen.
Moranduzzo hofft, in Zukunft mehr Aktionen setzen zu können. Aktuell nutzt er weitestgehend seine Kontakte, um Spenden zu generieren, hofft aber auf Unterstützung vom Land Vorarlberg. Es sei derzeit viel Arbeit, die Gelder aufzutreiben. Dennoch beweist Peter Optimimus und hält an seiner Philosophie fest: „Man findet immer irgendwie einen Weg.“