Was ein 100 Jahre altes Frauennetzwerk heute verändert – auch in Vorarlberg

Irene Fitz, Präsidentin der Soroptimistinnen Bregenz, über Engagement, Gleichstellung und den soroptimistischen Esprit.
Soroptimist International ist ein weltweites Netzwerk berufstätiger Frauen, die sich ehrenamtlich für die Chancen, Rechte und Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen einsetzen. Der Name leitet sich vom lateinischen “sorores optimae” ab und bedeutet so viel wie „die besten Schwestern“. Die Organisation entstand 1921 in Oakland, Kalifornien, als erste Soroptimist-Gruppe, um Frauen eine Plattform für Austausch, Bildung und Engagement zu geben.
Bereits 1924 etablierten sich die ersten Klubs in Europa. In Österreich wurde 1929 eine Vereinigung ins Leben gerufen. Heute zählt Soroptimist International Österreich rund 58 Klubs mit knapp 1800 Mitgliedern, die sich lokal und national für Gleichstellung, Frauenrechte starkmachen.
Auch in Vorarlberg sind Soroptimistinnen aktiv: Vor über 30 Jahren wurde der erste Klub in der Region gegründet, heute gibt es in Bregenz, Feldkirch und Dornbirn eigene Soroptimist-Klubs. Die Vorarlbergerinnen organisieren Aktionen wie „Orange the World“ gegen Gewalt an Frauen, Bildungs- und Unterstützungsprojekte oder lokale Initiativen für Frauen und Mädchen.
Interview mit der Präsidentin der Soroptimistinnen Bregenz, Irene Fitz:
Was bedeutet der Weltfrauentag für Sie?
Fitz: Der Weltfrauentag ist für uns so etwas wie ein Feiertag. Wenn man sich vor Augen führt, dass Frauen vor über 100 Jahren gesellschaftlich praktisch keine Stellung hatten; sie durften nicht einfach zu einer Schule ihrer Wahl gehen oder eine Ausbildung machen, sie mussten ihren Mann oder Vater um Erlaubnis fragen. Man sieht, welche enorme Entwicklung seither stattgefunden hat. Heute haben Frauen sehr viel erreicht. Der Weltfrauentag hebt dies noch einmal besonders hervor. Es geht dabei vor allem um Gleichberechtigung und darum, sich bewusst zu machen, wie wichtig es ist, weiter dranzubleiben und dafür zu kämpfen.
Welche Themen standen für Sie im vergangenen Jahr besonders im Fokus?
Fitz: Sehr präsent war das Thema Gewalt an Frauen und vor allem, wie intensiv mittlerweile darüber gesprochen wird. Die Zahl der Gewalttaten, die öffentliche Diskussion darüber, der Ruf nach Prävention; all das ist deutlich lauter geworden. Das ist beeindruckend. Wir wissen, dass wir als Soroptimistinnen ein großer Teil dieser Bewegung sind. Wir sind in 123 Ländern vertreten, über 80.000 Frauen engagieren sich weltweit. Mit Projekten wie „Orange the World“, mit Aktionen, Fahnen und symbolischem orangem Licht setzen wir sichtbare Zeichen. Das entspricht genau unserer Uressenz: vernetzen, zusammenarbeiten, an einem Thema gemeinsam arbeiten und die Bevölkerung mobilisieren. Unsere drei Grundprinzipien, Awareness, Advocacy und Action (Aufmerksamkeit, Aufklärung und Aktion), sind bereits vor hundert Jahren formuliert worden und gelten heute noch immer. Bewusstsein schaffen, die Stimme erheben und schließlich konkret handeln.
Ein langjähriges Projekt war Ihre Bildungsinitiative in Mali. Worum ging es dabei?
Fitz: Über 21 Jahre hinweg haben wir ein Projekt in Mali unterstützt. Dort war es so, dass Mädchen laut Schulsystem mit etwa zwölf Jahren aus dem Unterricht ausschieden – es sei denn, die Familien konnten sich eine weitere Ausbildung leisten. Buben konnten eher weiterlernen, Mädchen nur bei entsprechender finanzieller Möglichkeit. Wir haben hunderte Mädchen mit kleinen Stipendien unterstützt: Sie bekamen Schulmaterialien, Kleidung, Unterstützung beim Schulgeld. Damit sie zumindest noch ein paar Jahre länger in die Schule gehen konnten. Ohne diese Hilfe hätten viele von ihnen mit zwölf Jahren einfache Tätigkeiten übernehmen müssen, um die Familie finanziell zu unterstützen. Bildung ist das Um und Auf, das war immer so und wird auch so bleiben. Genau da setzen wir an.
Wie finanzieren Sie solche Projekte?
Fitz: Uns ist wichtig, nachhaltig zu arbeiten. Wir bitten nicht einfach um Spenden, sondern organisieren Veranstaltungen, die auch für andere einen Mehrwert haben. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Vorarlberger Landeskonservatorium. Wir bieten Studierenden eine große Bühne für Konzerte, die wir organisieren und die Einnahmen fließen in unsere Projekte. Oder wir veranstalten Lesungen mit Frauen, die selbst viel bewirkt haben. Die Autorinnen gewinnen an Bekanntheit, wir verwenden die Einnahmen für unsere Initiativen. So profitieren alle Seiten. Diese Kooperationen haben wir über die Jahre professionalisiert, auch im Austausch mit anderen Clubs rund um den Bodensee.
„Orange the World“ hat in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erzeugt. Wie kam es dazu?
Fitz: Die Initiative geht auf die Vereinten Nationen zurück. Ziel war es, Gewalt an Frauen sichtbar zu machen; insbesondere auch häusliche Gewalt, über die lange geschwiegen wurde. Früher galt Gewalt zu Hause als „Privatsache“. Genau dieses Schweigen wollen wir durchbrechen. Gewalt, ob körperlich oder psychisch, ist niemals privat. Sie ist Unrecht. Orange ist eine kräftige Farbe mit Signalwirkung. Sie steht für: Schau hin, erhebe deine Stimme, handle. Mit Beleuchtungsaktionen, und Veranstaltungen bringen wir das Thema in die Öffentlichkeit.

Ein großes Thema in Vorarlberg ist der Gender Pay Gap. Worin sehen Sie die Ursachen?
Fitz: Obwohl Gleichberechtigung gesetzlich verankert ist, wird sie nicht gelebt. In Vorarlberg kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen war die Kinderbetreuung lange unzureichend ausgebaut. Andere Länder sind uns hier Jahrzehnte voraus. Ohne funktionierende Betreuungsstrukturen können Frauen nicht selbstverständlich voll arbeiten. Zum anderen ist Vorarlberg stark industriell geprägt. Technische Berufe sind nach wie vor männerdominiert und besser bezahlt. Frauen arbeiten häufiger im Dienstleistungs- oder Sozialbereich, wo generell weniger verdient wird. Hinzu kommt: Es gibt immer mehr hervorragend ausgebildete Frauen, auch Akademikerinnen, doch sie werden in Führungspositionen noch zu wenig berücksichtigt. Netzwerke spielen eine große Rolle, hier sind Männer traditionell besser vernetzt. Wir würden uns wünschen, dass bestehende Quoten konsequenter umgesetzt werden, sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen Bereich.
Wie stehen Sie zur Forderung nach einer 50:50-Aufteilung der Karenz?
Fitz: Ich unterstütze das absolut und zwar in allen Branchen. Es darf nicht vom Berufsfeld abhängen, ob Männer in Karenz gehen. Ich erlebe allerdings, dass viele Männer zögern, wenn der Arbeitgeber nicht klar dahintersteht. Karriereängste spielen eine Rolle. Deshalb braucht es strukturelle Lösungen über alle Wirtschaftsbereiche hinweg. Die Zukunft sehe ich darin, dass beide Eltern Betreuungsaufgaben übernehmen, unabhängig davon, ob sie zusammenleben oder nicht.
Wie sind Sie selbst zu den Soroptimistinnen gekommen?
Fitz: Durch mein berufliches Engagement wurde ich von einer Soroptimistin angesprochen, ob ich mich bei ihnen einbringen möchte. Besonders beeindruckt hat mich damals das Mali-Projekt und die gezielte, konkrete Unterstützung von Mädchen. Inzwischen bin ich seit zehn Jahren aktiv dabei. Es ist viel ehrenamtliche Arbeit – aber auch eine große Chance zur persönlichen Weiterentwicklung. Unsere Funktionen im Verein wechseln alle zwei Jahre, fast jede übernimmt Verantwortung. Wir befähigen uns gegenseitig immer wieder neu. Das ist eine Organisation, in der Frauen wachsen können.