Warum die Früherkennung bei Autismus von Kindern wichtig ist

Autismusspektrumsstörungen werden aufgrund verbesserter Diagnosekriterien immer häufiger bei Kindern festgestellt. Der Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) widmete sich dem wichtigen Thema.
Unter Autismus werden Störungen in der Kindheitsentwicklung verstanden, die zu einer erschwerten Kommunikationsfähigkeit führen und damit das Sozialverhalten der Kinder beeinträchtigen. „Es handelt sich um eine angeborene neurologische Entwicklungsstörung im Gehirn mit unterschiedlichen Ausprägungen, die immer in der frühen Kindheit beginnt“, erklärte Edda Haberlandt, Kinderfachärztin mit Schwerpunktausbildung in der Kinderneurologie und stellvertretende ärztliche Leiterin der „aks Kinderdienste“. Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist von Autismus betroffen, dabei bevorzugt man die Bezeichnung einer Autismusspektrumsstörung (ASS), weil es sehr unterschiedliche Ausprägungen gibt. Bei etwa 65 bis 80 Prozent der Betroffenen besteht eine Minderung des Intelligenzquotients.
Wie machen sich ASS bemerkbar?
Oft würden Eltern schon früh bemerken, dass ihr Kind anders ist. Schon im Säuglingsalter suchen diese Kinder keinen Blickkontakt, zeigen nicht das typische Zurücklächeln, wenig Mimik und Gestik, als ob sie sich in einer anderen Welt befinden und sich selbst genügen. Haberlandt erklärte drei Leitsymptome, die für eine Diagnose relevant sind: Eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion, Auffälligkeiten in der Kommunikation und in der Sprache, sowie sich wiederholende Verhaltensweisen, also stereotype Abläufe und Handlungen. In allen drei Bereichen müsse für eine Diagnose eine Störung feststellbar sein. Ordnung und fixe Strukturen seien diesen Kindern sehr wichtig und diese lassen sie sich nur sehr ungern beeinflussen. Körperliche Nähe sei ihnen oft unangenehm, zum Beispiel, „wenn sie nicht kuscheln wollen“ und sich auch damit nicht beruhigen lassen, erklärte Haberlandt. Claudia Salzgeber, Klinische Psychologin in der Schrei-, Schlaf- und Fütterberatung der aks Kinderdienste, ergänzte: „Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten zeigen sich oft schon in den ersten Lebensmonaten anhand von Regulationsschwierigkeiten beim Schlafen, durch chronische Unruhe/Schreien oder beim Essen.“ Aber, für Auffälligkeiten in der Kindheitsentwicklung gibt es viele mögliche Ursachen, ASS ist nur eine davon.
Auffälliges Sozialverhalten
Mit zunehmendem Alter der Kinder werde das Sozialverhalten auffälliger und in Gruppen würden die betroffenen Kinder isoliert bleiben, weil sie am gemeinsamen Spielen kein Interesse zeigten, ihre Aufmerksamkeit nicht teilten und auch keine Freude mit anderen entwickeln könnten. Auch die Sprachentwicklung bleibe zurück, etwa ein Drittel der betroffenen Kinder lerne keine oder nur eine eingeschränkte Sprache, oder sie würden monologisieren oder auch eine Pseudosprache entwickeln mit eigenen Wortkreationen. Dr. Haberlandt gab ihren Tipp für Fragen bei ASS-Verdacht mit: „Reagiert das Kind auf seinen Namen, reagiert es auf das Zeigen von Bildern in Büchern oder von Spielsachen und kann es auf Gefühlsäußerungen reagieren?“ Für Familien sei die Situation immer schwierig und deshalb sei eine ärztliche Abklärung und therapeutische Unterstützung so wichtig.
Wie wird diagnostiziert?
Bei auffälligen Kindern steht der Weg zum Kinderarzt an erster Stelle, der dann eine weitere Abklärung in die Wege leitet. Die Diagnostik erfolgt durch eine ausführliche Anamnese, standardisierte Verhaltensbeobachtung, Einholen von Informationen aus dem sozialen Umfeld und einer Entwicklungsabklärung. Zudem werden die Kinder ärztlich untersucht.. Die klinische Psychologin Sibylle Zotter erklärte, dass eine Diagnose im ersten Lebensjahr schwierig sei, ab dem zweiten Lebensjahr aber möglich und sinnvoll sei. In der Regel werde die Diagnose im vierten bis fünften Lebensjahr gestellt. Sie empfiehlt Eltern, dass sie ihre Kinder beobachten, ihr Verhalten dokumentieren und sie eventuell sogar filmen. Eine Diagnoseerstellung sei nicht nur komplex, sondern benötige auch viel Zeit. Informationen aus dem sozialen Umfeld der Kinder seien ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik. Die betroffenen Kinder haben ihre eigene Art die Welt wahrzunehmen und können die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen nicht so gut erkennen und verstehen. Auf der anderen Seite haben sie Schwierigkeiten ihre eigenen Gedanken und Gefühle auszudrücken, was die soziale Interaktion erschwert. Es kann vorkommen, dass sie auf Gefühlsäußerungen anderer nur in eingeschränktem Maße oder gar nicht reagieren, was Eltern, Geschwister oder Spielkameraden oft irritiert. „Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder und diese Sorgen müssen ernst genommen werden. Gemeinsam mit den Eltern werden individuelle Therapien erarbeitet, die auch im familiären Alltag zum Tragen kommen, erklärte Zotter.
Welche Therapien?
Autismus ist nicht heilbar und bleibt somit ein Leben lang bestehen. Er kann sich aber der Umgang damit verändern, und damit die Alltagsgestaltung bewältigbarer machen. Auch die psychiatrischen Komorbiditäten müssen medizinisch begleitet werden, so sind psychiatrische Erkrankungen wie ADHS oder in späterem Alter Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen häufig. Deshalb sind für die Patienten eine möglichst frühe Diagnose und Therapie wichtig. Goldstandard ist eine interaktions- und kommunikationsbasierte Eltern-Kind-Therapie. Also intensive Elternarbeit mit Video-Feed-back für einen Transfer in den Alltag, erklärte die klinische Kinderpsychologin Claudia Salzgeber: „Es geht nicht um eine lebenslange Therapie, sondern um eine individuelle Therapie für eine gelingende Einbindung in die sozialen Räume der Betroffenen.“ Bei früh begonnenen Therapien können die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten bei manchen betroffenen Kindern deutlich verbessert werden. Davon profitiert neben den Betroffenen auch die Familie und soziale Gruppen im Kindergarten oder in der Schule. Der Transfer von der Therapie in Familie und Kinderbetreuung muss immer mitgedacht und eingeübt werden. Je nach individuellem Symptombild werden verschiedene TherapeutInnen ausgewählt (z.B. Klinische Psychologie, Frühförderung, Ergotherapie, Logopädie. Nicht zu vergessen, die Beratung des sozialen Umfelds, um die Betroffenen besser zu verstehen und besser mit ihnen umgehen zu können, würden sie und ihr Verhalten doch oft missverstanden und führe zu Konflikten.
Ist eine frühe Diagnose wichtig?
Menschen mit ASS sollen ein erfülltes Leben führen und an der Gesellschaft teilhaben können und ein möglichst selbstbestimmtes und selbständiges Leben führen können. Ohne Therapie und einem Verständnis der Umwelt, finden sich Menschen mit ASS in der gesellschaftlichen Realität nur schlecht zurecht und es kann dadurch zu Folgekrankheiten wie Despressionen, ADHS, Angst- oder Zwangsstörungen führen. Darüber hinaus kann es zu Selbstverletzungen oder auch Aggressionen und Wutanfällen kommen, wenn sie sich überfordert oder in „ihrer Welt“ gestört fühlen. „Je früher Auffälligkeiten erkannt werden, desto besser können Kinder in ihrer Entwicklung begleitet werden. Eltern brauchen Orientierung und Sicherheit im Umgang mit ihren Kindern“, sagte Haberlandt zum Schluss. „Das gemeinsame Ziel ist es, fachlich fundiert, jedes Kind bestmöglich in seiner individuellen Entwicklung zu unterstützen und den Eltern in der Beziehung zu ihrem Kind Unterstützung zu geben“, erklärte die klinische Psychologin Claudia Salzgeber: „Letztlich sei jeder Mensch einzigartig und Sibylle Zotter wünscht allen Eltern und Personen, die mit Kindern im Autismusspektrum zu tun haben, dass es ihnen gelingt, sich nicht nur auf die Schwierigkeiten im Alltag zu fokussieren, sondern auch die Einzigartigkeit dieser Kinder und ihre Stärken nicht aus dem Blick zu verlieren.“
