Deepfakes: „Das Internet vergisst nie“

Fall Fernandes: Deepfakes entfachen Debatte. Die NEUE hörte sich in Vorarlberg zu digitaler Gewalt um.
Es ist ein Thema, das Deutschland seit Wochen in Atem hält. Die sozialen Netzwerke werden von Schlagzeilen überflutet. Die Menschen sind laut, stellen Fragen und bringen viele zum Nachdenken. Heute ist es Collien Fernandes, doch morgen könnte es jede von uns treffen.
Stimmen aus der Gesellschaft
Collien Fernandes steht heute stellvertretend für unzählige Frauen, die Ähnliches durchleben müssen. Die Vorwürfe wiegen schwer: Eine Person soll über Jahre hinweg Deepfakes von ihr erstellt haben. Dabei handelt es sich um durch künstliche Intelligenz manipulierte Medien, die Gesichter und Stimmen verblüffend real nachahmen. Diese wurden in Foren verbreitet, während der Täter unter ihrer Identität sogar Telefonate führte. Viele Männer konsumierten diese Bilder und Videos, darunter auch Personen aus ihrem eigenen persönlichen Umfeld. Bereits 2023 brachte sie den Fall mutig an die Öffentlichkeit. Zwei Jahre später, im Jahr 2025, gab laut Fernandes ihr Ex-Mann, der bekannte Moderator Christian Ulmen, ein Geständnis ab, dass er hinter all dem steckte.
Während der Fall Fernandes-Ulmen die Schlagzeilen dominiert, wirft er fundamentale Fragen auf, die weit über die Welt der Promis gehen. Es geht um die Wirksamkeit unserer Gesetze und die moralische Verfassung unserer Gesellschaft im Zeitalter von KI. Das dies ein strukturelles Problem ist, zeigen die zahlreichen Menschen, die nach diesem Fall selbst an die Öffentlichkeit treten und ihre Geschichten teilen. Auch das „Schweigen der Männer“ erweist sich als ein kritischer Punkt. Viele Menschen, inbesondere Frauen, sind der Meinung, dass die Probleme von Frauen nicht ernst genommen oder als „Frauenprobleme“ abgetan werden. Die NEUE hat das Stimmungsbild eingefangen und die Vorarlbergerinnen zu Wort kommen lassen: Geht die Regierung konsequent genug gegen digitale Gewalt vor und wie hat dieser Fall deren Sichtweiße und Wahrnehmung verändert?

„Harte Strafe“
Den gesamten Vorfall finde ich einfach nur brutal, besonders weil das Ganze über zehn Jahre ging und ihr psychisch extrem zugesetzt haben muss. Es ist für mich unverständlich, warum technische Methoden wie das Tracking von IP-Adressen in ihrem Fall nicht funktioniert haben oder nicht konsequent angewendet wurden, obwohl die Polizei dazu ja, schätze ich, eigentlich in der Lage ist. Es ist einfach nur grausam, dass es so lange gebraucht hat, bis was dagegen gemacht wurde. Dass die Wahrheit am Ende nur ans Licht kam, weil ihr Ehemann es gestanden hat, finde ich sehr beunruhigend. Die Begründung, warum er das gemacht hat, finde ich auch sehr Verstörend. Mir fehlen auch die klaren gesetzlichen Vorschriften für den Umgang mit KI. Ich bin der Meinung, dass auf solche Taten definitiv harte Strafen folgen müssen.
Svenja Feurstein (19)

„Ein nötiger Fokus“
Es ist sehr wichtig, dass dieses Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt, damit vor allem Jugendliche verstehen, welche Gefahren hinter dem Verschicken von Bildern und Videos lauern können. Gleichzeitig finde ich aber, dass auch nicht-prominente Opfer viel mehr Gehör in der Öffentlichkeit finden sollten – wie etwa im Fall der Massenvergewaltigung in Spanien, bei dem das Opfer vor Kurzem durch assistierten Suizid aus dem Leben geschieden ist. Es gibt weitaus mehr Fälle wie diese, über die aber nicht geredet wird, weil es keine großen Gesichter sind. Was Österreich betrifft, sehe ich generell großen Nachholbedarf im Umgang mit Frauen und Mädchen.
Das fängt für mich schon früh in der Schule an: Es mangelt an Unterstützung bei grundlegenden Dingen, wie etwa dem Umgang mit der Periode im Schwimmunterricht. Da könnte und müsste man in Österreich noch viel mehr tun. Erst wenn die kleineren Vorfälle ernster genommen werden, kann man mit einer Verbesserung rechnen, andernfalls wirds schwer.
Melanie Fußenegger (41)

„Zweimal nachdenken“
Ich finde, wir Frauen müssen echt für unser Recht kämpfen, auch wenn das sicher nicht immer leicht ist. Man begegnet da Gegenwind von allen Seiten, egal ob von Männern oder Frauen, aber man muss da einfach hartnäckig bleiben und sich nicht unterkriegen lassen. Beim Thema Nudes und Freizügigkeit im Netz bin ich der Meinung, dass man sehr vorsichtig sein muss! Man sollte echt zweimal nachdenken, bevor man irgendwas abschickt. Das Problem ist nämlich, dass das Internet nichts vergisst. Es ist ein Risiko, was man gut überlegen sollte. Wenn die Bilder erst mal raus sind, bleiben sie da auch. Ich merke das bei mir selbst auch ständig: Ich spiele Handball und wenn man meinen Namen googelt, tauchen sofort etliche Fotos aus meiner Kindheit im Internet auf. Die kriege ich da auch nicht mehr weg.
Darum kann ich nur immer wieder betonen: Passt verdammt gut auf eure Daten auf! Denn jede Information, die wir heute unbedacht teilen, kann uns noch Jahre später einholen und unsere Kontrolle über das eigene digitale Abbild zerstören.
Meryem Kalin (18)

„Angst im Netz“
Ich finde echt, dass es bei uns noch keine richtige Gleichberechtigung gibt, vor allem wenn man sich anschaut, was sich manche Ex-Freunde oder Ex-Männer für Rechte herausnehmen. Das Schlimmste ist, dass die Polizei solche Sachen, meiner Meinung nach, oft gar nicht richtig ernst nimmt. Wenn so etwas bei uns in Vorarlberg passieren würde, könnte sich hier doch keine Frau mehr wohlfühlen. Man hätte einfach nur noch Angst, alleine vor die Tür zu gehen. Diese ständige Angst, die man als Frau hat, wenn man alleine draußen ist, muss endlich aufhören – genauso wie dieser Terror durch Ex-Partner. Das ist einfach Gift für unsere ganze Gesellschaft. Ich finde es auch sehr wichtig, dass man im Internet Aufmerksamkeit für diese Themen schafft. Wenn man als Frau online sieht, was da abgeht, macht einen das doch total kaputt. Es löst bei jeder Frau Angst aus, aber es bringt die Leute wenigstens dazu, etwas dafür zu schreiben und sich zu äußern. Mit Wut und Solidarität müssen wir den nötigen Druck für echte Sicherheit in der Gesellschaft aufbauen.
Ezgi Yildirim (16)