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„Chimäre“ als Frucht von Wut und Wehmut

02.04.2026 • 18:20 Uhr
Autorinnen-Porträt Sarah Kuratle
Schriftstellerin Sarah Kuratle. Serra

Autorin Sarah Kuratle liest bei den Bregenzer Literaturtagen im Jugendzentrum Between aus ihrem poetischen Roman „Chimäre“.

Mit ihrem im Vorjahr erschienenen Roman „Chimäre“ gelang der in Dornbirn lebenden Autorin Sarah Kuratle (Jahrgang 1989) das Glanzstück, eine im Topos des Verlusts innewohnende Schönheit freizulegen. Während die Erzählung von Klimawandel, Artensterben und einem mitunter vergeblichen Dagegenstemmen handelt, zeugt Kuratles poetisch-reduzierte Form des Erzählens vom Besonderen, dass im vermeintlich Identischen schlummert. Der 160-seitige Roman war von September bis November auf der Bestenliste des ORF. Martina Läubli von der NZZ feiert ihn sogar als Neuerfindung des Genres Nature Writing.

Chimäre von Sarah Kuratle
„Chimäre“ von Sarah Kuratle, Otto Müller Verlag, 2025. Otto Müller Verlag

Niederschwellig und kostenlos

Bei den diesem Samstag stattfindenden Bregenzer Literaturtagen ist die Autorin gemeinsam mit Tobias Thomas March und Benjamin Quaderer im Jugendzentrum Between zu Gast. Unter der Moderation von Hubert Dragaschnig werden sie dort von 13.30 bis 17.30 Uhr aus ihren Texten vorlesen. Konkret kommt jeder Schriftsteller jeweils dreimal für 15 Minuten ans Vorlesepult. Die Veranstaltung findet unter freiem Eintritt statt und ist als niederschwelliger Spaziergang durch das Weiherviertel angelegt. Weitere Stationen sind die Galerie Sylvia Janschek mit den Autoren Ron Winkler, Julia Willman und Peter Wawerzinek und das Co-Working Studio Weiherviertel mit Daniel Wisser, Antonia Löffler und Isabel Natter.

Autorinnen-Porträt Sarah Kuratle
Das urbane Jugend- und Kulturzentrum Between bietet einen hervorragenden Kontrast zum Buch der Autorin. Serra

Klang und Melodie der Worte

Wie Kuratles Schilderung offenbart, ist ihr Roman förmlich für Lesungen gemacht: „Beim Schreiben nehme ich die Wörter erst in den Mund, spreche sie laut aus. Dabei achte ich auf den Klang und die Melodie, die sich im Zusammenspiel der Wörter bildet. Der Text ist auch so verfasst, dass er seine Zuhörerinnen und Zuhörer braucht, die ihn dann mit ihren Erfahrungen deuten.“ Je nach Lesegeschwindigkeit entfaltet „Chimäre“ grundverschiedene Bilder. Denn während das schnelle Auge eine rauschhafte Abfolge von Dingen erblickt, eröffnen sich jenen, die beim Lesen ihrem Atemrhythmus folgen, ungeahnte Tiefen.

Autorinnen-Porträt Sarah Kuratle
Die Rückseite von „Chimäre“. Serra

Die gebürtige Bad Ischlerin studierte Germanistik und Philosophie in Graz. In dieser Zeit fand die seit Kindertagen leidenschaftliche Erzählerin zu ihrer Sprache und begann mit der Veröffentlichung erster Texte in der Literaturzeitschrift manuskripte. Nach einer Station in Wien zog die Autorin vor etwas mehr als fünf Jahren nach Vorarlberg, unweit von ihren in der Schweiz lebenden Verwandten.

Trockene Blumenwiese

„Die erste Idee für das Buch hatte ich während einem Urlaub bei meiner Schwester in den Schweizer Bergen. Beim Spazierengehen fand ich eine trockene Blumenwiese mit einer Vielfalt vor, wie ich sie schon lange nicht mehr sah. Dabei kam sehr viel Wehmut, aber auch Wut in mir hoch. Schließlich gehen so viele Arten verloren, ohne dass es die meisten von uns mitbekommen.“

Übergänge

Inspiriert von Alpenrhein und Bodensee schuf Kuratle Landschaften des Übergangs, wie es auch der Buchtitel andeutet. „So wie das Wasser Grenzen überschreitet oder sichtbar macht, ist auch die Chimäre ein Mischwesen.“
Auf die Frage, wie viel künstlerische Freiheit der Themenkomplex Klimawandel zulässt, antwortet die Autorin: „Es ist nicht meine Absicht, mich von diesen politischen Diskursen freizumachen. Ganz im Gegenteil. Als Person und Autorin sind sie sehr wichtig für mich. Auch wenn sich ‚Chimäre‘ weder örtlich noch zeitlich konkretisiert, handelt es sich dennoch um ein Buch unserer Zeit, unserer Gesellschaft.“

Bregenzer Literaturtage

Die Bregenzer Literaturtage wurden 2024 ins Leben gerufen und sollen alle zwei Jahre stattfinden. Während bei der ersten Auflage unter dem Titel „Flussstadt“ Lokalitäten entlang der Bregenzer Ach bespielt wurden, liegt der Fokus heuer mit „Seestadt“ beim Weiherviertel. Eröffnet werden die Feierlichkeiten um 11 Uhr im Veranstaltungssaal der Vorarlberger Landesversicherung. Vor den Lesungen findet ab 12.15 Uhr eine geführte Tour durch das Viertel statt, Treffpunkt Stadtbücherei. Zum Abschluss laden die Veranstalter ab 19 Uhr erneut in das Jugend- und Kulturzentrum Between, wo ein „Fest für die Literatur“ gefeiert wird. Zusätzlich bietet die Buchhandlung Ländlebuch in der Bregenzer Innenstadt aktuelle Werke der teilnehmenden Schriftsteller zum Verkauf an.