Abrechnung mit Medien und Politik: Thurnhers “Unsternstunden der Menschheit”

Der renommierte Journalist und Falter-Herausgeber Armin Thurnher ist nie um kritische Worte verlegen, suchte und fand Kipppunkte in der Entwicklung unserer Gesellschaft. Die NEUE hat ihn in St. Arbogast getroffen.
Im Bildungshaus St. Arbogast stellte der 1949 in Bregenz geborene Journalist und Mitbegründer des „Falter“, Armin Thurnher, sein neuestes Buch vor und der Saal war voll. Thurnher ist bis heute Mitherausgeber und Miteigentümer des „Falter“, der sich zum investigativsten Medium in Österreich entwickelt hat. So wurden die Missbrauchsfälle in den SOS-Kinderdörfern und auch die Vorwürfe gegen den Gründer, Hermann Gmeiner, durch den Falter aufgedeckt. Bei seiner Buchpräsentation beklagte Thurnher, dass sein Buch in den österreichischen Tageszeitungen nicht beachtet wird. Dieser Beitrag ist also eine Ausnahme und die Süddeutsche Zeitung hat Recht, wenn sie schrieb: „Thurnher ist bissig und pointiert, witzig und selbstironisch.“
“Wie die Welt unerträglich wurde”
So lautet der Untertitel seines neuen Buches „Unsternstunden der Menschheit“. Im Vergleich zu Stefan Zweigs Werk, ohne das „Un“, beschreibt Thurnher nicht die großen Momente der Weltgeschichte, sondern jene, die die Welt unerträglich machten. „Finstere Motive und übles Denken“ seien wirksam geworden, seit der österreichische Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek 1947 sich mit 38 weiteren Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Journalismus am Genfersee traf, um dem Neoliberalismus die Geleise zu legen. Es habe bis Anfang der 1970er-Jahre gedauert, bis dieser begann, sich durchzusetzen und der (Wohlfahrts-)Staat zum Feind erkoren wurde. Mit ihm auch die freien Qualitätsmedien. Diesen widmet Thurnher viel Raum.

„Es geht nicht nur um Glanzpunkte in der Gesellschaft, sondern auch um Kipppunkte ins Unglück in der Gesellschaft.“
Armin Thurnher, Journalist
Der Niedergang der freien Presse
Sergey Brin und Larry Page, die Entwickler von Google, hätten zwar eine „unschlagbar gute Suchmaschine“ für das Internet entwickelt, aber zugleich mit der gebotenen Werbemöglichkeit, bei der die Anzahl der Klicks den Preis diktiere, das anzeigenfinanzierte Erlösmodell der traditionellen Medien zerstört. Tatsächlich wandern die Werbegelder immer stärker ins worldwide Web und die klassischen Medien verlieren diese Einnahmen. Dabei werde das Urheberrecht ausgehebelt und Google bediene sich „gratis“ den von Menschen erschaffenen Inhalten in Bibliotheken oder Medien und verdiene sich damit ihren wachsenden Reichtum.
Thurnher übernimmt den ORF
Er habe sich sehr gefreut, als er diesen Titel las, bis er merkte, dass nicht er, sondern seine Namensvetterin Ingrid Thurnher gemeint war, erzählte er mit feinem Lachen. Das Lachen muss allerdings dem ORF vergehen, wenn dort sein Buch gelesen wird. Denn eine Unsternstunde in Österreich war für Thurnher der Start von „Servus TV“ des Dietrich Mateschitz, der offiziell am 1. Oktober 2009 auf Sendung ging. Nicht weil der Sender „rechte Propaganda“ mache, das sei sein gutes Recht als Privatsender, sondern weil auf der anderen Seite, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Pflicht nicht verstanden werde, „das Andere dieser Art von Medien zu sein“. Vielmehr gleiche sich der ORF vorauseilend an und ein Symbol für diese „Geistesverwirrung der Verantwortlichen“ des ORF war für Thurnher die Kooperation zu den Fussball-Rechten: „Der ORF ist in der Zwickmühle gefangen, seine Reichweite zu erhalten, um seine Gebührenfinanzierung zu legitimieren.“

Öffentlich-rechtliche Medien müssten „die Speerspitze einer Bewegung sein“, sie müssten die Moderne gegen den Angriff der Paläo-Kräfte aller Lager verteidigen, die gerade dabei seien, die Demokratien aller Welt von innen und außen „vor die Hunde gehen zu lassen“. Und Ingrid Thurnher werde es nicht schaffen, den ORF „mit ein paar Managementseminaren in St. Gallen“ zu reformieren, vielmehr brauche es eine Entpolitisierung des ORF, der als starkes Leitmedium die Grundlage eines funktionierenden Journalismus sein könnte, den es für ein funktionierende Demokratie immer brauche. Wer, wenn nicht der Öffentlich-Rechtliche könnte das leisten, fragte sich Thurnher.
Das Buch widmet sich in 30 Kapiteln den „Unsternstunden“ und beginnt im Jahre 1947. Es bespricht die Tech-Giganten, von Elon Musk über Zuckerberg bis Sam Altman, genauso wie die Politgrößen Trump, Putin oder für Österreich Sebastian Kurz, der sich als „Alpen-Trump im Minimundus-Fromat“ erwiesen habe. Das Buch endet im Jahr 2025 mit der zweiten Inauguration des US-Präsidenten Trump.
Kurt Bereuter

Drei Fragen an Armin Thurnher
Ist der Titel mit der Anlehnung an Stefan Zweig nicht etwas sehr groß geraten?
Armin Thurnher: Na ja, es geht nicht nur um Glanzpunkte in der Gesellschaft, sondern auch um Kipppunkte ins Unglück in der Gesellschaft. Die gilt es zu erkennen und dann kann darauf reagiert und gegengesteuert werden. Ich habe ausgegraben, was wo und wann passiert ist, eine Art von Archäologie unserer Gegenwart. Das habe ich versucht.
Muss man mit einer Beurteilung nicht abwarten, wie sich solche Kipppunkte längerfristig auswirken?
Thurnher: Doch, es kann ja wieder kippen, in Gegenkipppunkten. Wir können sagen, an welchem Punkt das Internet verunglückt ist. Es gab die nicht unberechtigte Hoffnung, dass ein völlig neues Weltbewusstsein unter uns kommt, aber davon haben wir uns längst verabschiedet. Manche Fehlentwicklungen lassen sich wieder korrigieren, andere jedoch leider nicht.
Hat der Qualitätsjournalismus noch Chancen, vor allem bei jungen Menschen?
Thurnher: Qualitätsjournalismus war immer ein Elitenprogramm, ein Minderheitenprogramm. Es werden nie alle Menschen Qualitätsmedien konsumieren, aber zumindest qualifizierte Eliten sollten dazu imstande sein. Wenn es allen relativ gut geht, wie nie zuvor, werden wir auch so gleichgültig wie nie zuvor, aber das kann sich in Krisenzeiten ändern, wenn sich die Gegensätze verschärfen und das Bewusstsein geschärft wird.