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Zwischen Tirade und Trauermarsch: Franui und Nicholas Ofczarek bringen „Holzfällen“ nach Bregenz

17.04.2026 • 14:36 Uhr
(2) HOLZFÄLLEN (Bühnenfoto), Musicbanda Franui und Nicholas Ofczarek
Burgtheater-Schauspieler und Braunschlag-Star Nicholas Ofczarek und die renomierte Musicbanda Franui. TOMMY HETZEL

Am Dienstag, 21. April führt die Musicbanda Franui mit Burgschauspieler Nicholas Ofczarek die „Romanmusikalisierung“ von Thomas Bernhards Werk Holzfällen im Festspielhaus Bregenz auf. Die NEUE hat mit Nicholas Ofczarek und Franui-Mastermind Andreas Schett gesprochen.

NEUE: Als der Roman Holzfällen erschienen ist, war er durch seine Schimpftiraden ein Skandal. Ist das heute noch so?

Ofczarek: Nein, ich glaube nicht. Die Sehgewohnheiten haben sich verändert, weil sich auch der Humorbegriff verändert hat. Bernhard war einer, der seiner Zeit voraus war. Jetzt muss man lachen oder ist betroffen, weil man sich erkennt. Damals hat man das wahrscheinlich nicht ertragen. Es spricht eine fiktive Figur. Dass man das nicht auseinanderhalten kann, war mir immer ein Rätsel. Aber Zeitgenossen haben sich damals betroffen gefühlt, weil sie sich in dieser fiktiven Abendgesellschaft erkannt haben.

Zwischen Tirade und Trauermarsch: Franui und Nicholas Ofczarek bringen „Holzfällen“ nach Bregenz
Ofczarek bei der Premire des Stücks im Wiener Burgtheater. APA/BURGTHEATER/TOMMY HETZEL

Das Buch hat 360 Seiten. Wie gelingt es, diesen Umfang auf eine Bühnenfassung zusammenzuschreiben?

Schett: Es gibt den ersten Teil, der dauert 70 Minuten. Da kommen alle zum künstlerischen Abendessen und warten auf den Burgschauspieler. Dann gibt es eine Pause. Im zweiten Teil ist der Burgschauspieler gekommen. So ist auch das Buch aufgeteilt. Das haben wir eingedampft, aber es ist genauso verarbeitet. Man versucht, eine Essenz herauszulösen. Natürlich lebt der Roman von den Wiederholungen, und die dürfen nicht fehlen.

Zwischen Tirade und Trauermarsch: Franui und Nicholas Ofczarek bringen „Holzfällen“ nach Bregenz
APA/BURGTHEATER/TOMMY HETZEL

Wie schwierig war das, Musik dazu zu komponieren?

Schett: Sehr schwer. Es wird gesagt, dass die bernhardsche Sprache so musikalisch sei. Das wird Bernhard unterstellt, weil es eine tolle Sprache ist und er Musik studiert hat. Aber es hat Freude gemacht, mit Niki bei den Proben zu versuchen, möglichst viele Überlagerungen, Verbindungen und Übergänge zwischen Musik und Text zu finden. Das hat uns angetrieben. Es ist unglaublich interessant, was dabei herauskommt.

Ofczarek: Es ist eine Partitur für elf. Wir musizieren miteinander. Zuweilen ist es ein Dialog, dann eine Weiterführung des Rezitierten, dann konterkarieren wir uns. Das Ohr, die Fantasie des Zuhörenden ist immer gefordert.

Welche Art von Musik bekommt das Publikum von Franui zu hören?

Schett: Unter anderem Trauermarschmusik, weil sie eine Vieldeutlichkeit hat. Es ist eine Musik, die zugleich weint und lacht. Dass kein Schwarz-Weiß drinsteckt, sondern viele Grautöne mitschwingen, ist faszinierend. Das war immer ein System, mit dem sich Franui beschäftigt hat. Wir spielen das seit 33 Jahren in unveränderter Besetzung. Es gibt am Beginn des Buches die Erzählung, dass sich die Freundin Joanna umgebracht hat. Es findet ein Begräbnis statt, von dem sich alle Protagonisten kennen. Es war für uns klar, dass Trauermarschmusik ein Ausgangspunkt sein könnte. Und Nicholas Ofczarek kann über das Burgtheater schimpfen.

Der Ich-Erzähler schimpft über die Burgtheaterschauspieler, fühlen Sie sich davon betroffen?

Ofczarek: Nein. Was glauben Sie, wie viel über mich geschimpft wird? Das ist mir wurscht. Die Beschimpfung ist dem Seher überlassen. Ob das eine Beschimpfung, eine Bestandsaufnahme oder eine Überhöhung ist. Das darf ich nicht werten. Der Ich-Erzähler ist ein Mensch, zum Teil außer sich. Und letztlich ist es auch eine Selbstbezichtigung. Er bezichtigt sich als Teil dieser Gesellschaft und gesteht, fehlerhaft zu sein.

Wie stehen Sie zum Werk von Thomas Bernhard?

Ofczarek: Ich bin kurz vor seinem Tod (1989) aus der Schweiz nach Wien gekommen. Da war er unter uns Jugendlichen nicht so bekannt. Dann gab es das Aufführungsverbot. Vom Lesen her kenne ich ihn. Aber dass man ihn spielend sprechen darf, war lange nicht möglich. Es ist sehr theatralisch, wie er schreibt. Sehr besonders. Sehr fordernd, auch für große Häuser wie das Bregenzer Festspielhaus oder das Burgtheater. Es verlangt Vergrößerung und Größe. Aber das ist wunderbar. Dass man das im Fernsehzeitalter darf, wo alles nur reingenuschelt wird. Er war ein großer österreichischer Schriftsteller.

Schett: Ich habe sein Werk beim ersten Besuch des Burgtheaters kennengelernt, im Rahmen der Wienwoche. Österreichs Jugend aus dem Westen lernt die Bundeshauptstadt kennen. Ein wichtiges Thema der Romane Bernhards ist die Provinz und die Hauptstadt. Bis heute hat sich daran nichts geändert.

Daniel Furxer