Evangeliumkommentar: „Route wird neu berechnet“

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Andrea Geiger, Projektassistentin im Pastoralamt der Katholischen Kirche Vorarlberg.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philíppus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus sagte zu ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philíppus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater. Johannes 14,1-12
Mitten im großen Umfahrungsring von Paris höre ich die Stimme meines Navis: „Bitte wenden!“ Na hallo! – Das ist eine 4-spurige Autobahn! Wenden ist hier definitiv nicht möglich. Nachdem das Navi diesen Satz 2 Mal wiederholt hatte, und ich mich sehr fest am Lenkrad festhalten musste, um nicht zu bremsen und zu warten bis der Puls ruhiger wurde: „Route wird neu berechnet.“ Das dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Im Großraum von Wien wäre das kein Problem für mich gewesen. Schließlich habe ich dort mehr als die Hälfte meines Lebens gewohnt. Aber Paris… mag ich auch, aber dort kenne ich mich nicht aus. Die neu berechnete Route führte mich dann – sehr seltsam – mitten ins Stadtzentrum von Paris (dort wollte ich überhaupt nicht hin). Ich war eigentlich nur auf Durchreise, wollte Paris so schnell wie möglich hinter mich bringen.
„Route wird neu berechnet“ sagt auch das Leben manchmal und schickt uns ungefragt auf eine Umleitung oder eine andere Strecke, meistens mit viel mehr Kurven, Spitzkehren und noch reichlich mehr Höhenmeter. Selten ist es einfacher geworden.
Jesus kündigt seinen Abschied an. Alle spüren, er meint es ernst. Verunsicherung und Zweifel, vielleicht ein Hauch von Verzweiflung durchzieht den Raum und die Atmosphäre wie schwere Rauchschwaden. Die Gespräche werden dichter, wesentlicher. „Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“
Dann kommt Thomas und platzt heraus: „Herr, wir haben keine Ahnung, wo du hingehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ Das sitzt. Zumindest bei mir. Wieviel Zeit unseres Lebens verbringen wir damit, verzweifelt nach der perfekten Route, den optimalen Bedingungen, der absoluten Sicherheit oder Freiheit (je nach Typ) zu suchen. So oft … so planlos.
Jesus antwortet darauf nicht mit einer genauen Zielbeschreibung, nicht mal mit einer komplizierten Wegbeschreibung: „Ich bin der Weg.“ Er sagt nicht: „Hier hast du eine Gebrauchsanweisung für das Leben.“ Er sagt: „Lauf einfach mit mir, am besten in meinem Windschatten.“ Das ist das Geheimnis: Christsein ist kein Hindernislauf, bei dem man ständig über Regeln stolpert, sondern eine Beziehung, eine uneingeschränkt tragfähige Beziehung. Es reicht, ihn kennenlernen zu wollen, ihm zu vertrauen. Weil Gott selber sich uns anvertraut hat. Dieser Weg kann was – bestes Panorama, Reisegruppe hat noch etwas Luft nach oben, durchaus anspruchsvoll. Und der Plan? Alles wird gut, für ALLE.
