Kriegsberichterstatter in Bizau: Vom Nahen Osten in den tiefsten Westen

Am Freitag spricht der langjährige Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary im Bregenzerwald. Vorab bat ihn die NEUE zum Gespräch über den Iran- und Gaza-Konflikt aus seiner Sicht als Journalist.
NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Sie kommen vom Nahen Osten quasi in den tiefsten Westen von Österreich nach Bizau. Sie haben dort am Freitag die Gelegenheit, auch vor Vorarlberger Publikum mit diversen Missverständnissen aufzuräumen. Was sind die gängigsten Fehlurteile, wenn es um den Nahen Osten geht?
Karim El-Gawhary: Menschen im Westen wissen relativ wenig über die Zusammenhänge im Nahen Osten. Und das, obwohl es eigentlich, wie es so schön heißt, der Nahe Osten ist. Also unsere unmittelbare Nachbarschaft. Das ist eine Gegend, bei der alles, was dort passiert, unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Österreicher hat. Wenn dort ein Krieg herrscht, wie wir es gerade mit dem Iran erleben, dann spüren die Österreicher das sofort an der Tankstelle. Oder die Bauern merken, dass der Dünger teurer wird. Wenn wir Kriege und Krisen haben, wie etwa den syrischen Bürgerkrieg, dann gibt es große Migrations- und Fluchtbewegungen, die auch nach Österreich kommen. Wenn militante Organisationen wie Al Kaida oder der IS entstehen, dann hat das unmittelbare Folgen für die Sicherheit Europas. Wir sind unglaublich eng mit dieser Gegend verbunden. Das ist keine exotische Geschichte, über die ich in meinen Vorträgen rede. Es gibt ein schönes arabisches Sprichwort: „Der Nachbar ist wichtiger als die Wohnung selbst.“ Wenn Sie sich also das nächste Mal eine Wohnung in Vorarlberg suchen, schauen Sie sich zuerst den Nachbarn an und dann die Wohnung. Die geografische Nachbarschaft Europas mit dem Nahen Osten ist (dagegen) eine festgelegte Größe. Man kann dem Nachbarn nicht den Mietvertrag kündigen. Das heißt, wir sind dauerhaft miteinander verbunden. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass die Menschen verstehen, dass das, worüber ich rede, nicht irgendein exotischer Ort auf dieser Welt ist, sondern immer auch unmittelbar mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Meine großen Themen sind derzeit logischerweise der Krieg rund um den Iran, die Situation an der Straße von Hormus und in den Golfstaaten, aber natürlich auch der Israel-Palästina-Konflikt. Also was in Gaza, im Westjordanland und im Südlibanon passiert. Und es geht nicht nur darum zu beschreiben, was passiert, sondern auch darum, darüber zu sprechen, wie man aus dieser Situation wieder herauskommt.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Sie sind seit Jahrzehnten als Korrespondent im Nahen Osten unterwegs. Wenn man die aktuellen Konflikte betrachtet, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, den Gaza-Krieg, die Situation im Iran oder Syrien, dann wirkt vieles sehr nah und gleichzeitig unglaublich weit weg. Wie beurteilen Sie das aus journalistischer Sicht?
El-Gawhary: Mit dem Ukraine-Krieg haben die Österreicher erstmals verstanden, dass etwas in ihrer unmittelbaren Nähe stattfinden kann und trotzdem nicht automatisch das gesamte Leben im Kriegsmodus ist. In der arabischen Welt kennt man das schon lange. Ich bekomme oft Anfragen, wenn es irgendwo einen Krieg im Iran oder am Golf gibt, ob es dann überhaupt noch sicher sei, nach Ägypten zu reisen und das neue Museum anzuschauen. Dann sage ich immer: Da liegen 3000 Kilometer dazwischen. Erst mit dem Ukraine-Krieg hat Europa verstanden, dass man einen Krieg mitten in Europa haben kann und das Leben rundherum trotzdem normal weitergeht.
NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Welche Rolle spielen dabei soziale Medien?
El-Gawhary: Wenn in Gaza oder im Südlibanon etwas passiert, dann sehen wir die Bilder davon oft schon eine Viertelstunde später auf unseren Handys. Das führt dazu, dass manche Menschen eine Kluft wahrnehmen zwischen dem, was sie den ganzen Tag auf sozialen Medien über Gaza, den Libanon oder das Westjordanland sehen, und dem, was dann in den Abendnachrichten vorkommt. Ich halte das für eine sehr gefährliche Entwicklung. Wenn Menschen den Eindruck haben, dass etwas, das sie ständig auf sozialen Medien sehen, in offiziellen Medien kaum vorkommt, dann verlieren sie das Vertrauen in diese Medien. Besonders die jüngere Generation.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Sie haben selbst gesagt, dass der Gaza-Krieg journalistisch besonders schwierig ist, weil Journalisten kaum Zugang haben.
El-Gawhary: Das ist der erste Krieg seit 35 Jahren, aus dem ich als Journalist vollkommen ausgeschlossen bin. Seit dem 7. Oktober ist es für Journalisten von außen nicht möglich, in den Gazastreifen zu kommen, außer für zwei Stunden eingebettet mit der israelischen Armee. Dabei trifft man keinen einzigen Palästinenser. Das macht die Arbeit natürlich schwierig. Wir müssen über die Bande spielen. Wir arbeiten mit Kameraleuten in Gaza zusammen und versuchen, alles zu überprüfen. Das Hauptproblem ist aber, dass wir nicht hineinkommen. Damit ist es für Israel einfacher, alles, was aus dem Gazastreifen kommt, zu diskreditieren. Es wird mittlerweile wirklich alles hinterfragt: Informationen von Palästinensern, von internationalen Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, vom Internationalen Roten Kreuz oder von der UNO. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Wenn Organisationen wie die UNO oder das Internationale Rote Kreuz diskreditiert werden, hat das langfristige Folgen auch für zukünftige Konflikte. Bis jetzt waren diese Organisationen neutrale Beobachter, die uns die humanitäre Lage erklärt haben. Wenn ihnen nicht mehr geglaubt wird, kann künftig jede Kriegspartei sagen: „Denen kann man sowieso nicht vertrauen.“ Natürlich ist es schwierig, Informationen aus dem Gazastreifen zu überprüfen. Aber das bedeutet nicht, dass alle Informationen falsch sind. Wir haben dort einen Krieg. Wir haben über 70.000 Tote. Und wir haben seit dem vergangenen Jahr einen Waffenstillstand, während gleichzeitig Hunderte Menschen weiter getötet wurden. Das sind reale Dinge, über die berichtet werden muss. Die Diskussion darüber, ob man Informationen trauen kann oder nicht, hat natürlich auch System. Eine Kriegspartei hat kein Interesse daran, dass Informationen nach außen gelangen.
NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wie schwer tut sich Europa angesichts seiner Geschichte mit dem Umgang mit Israel?
El-Gawhary: Europa ist da nicht einheitlich. Eine Mehrheit der EU-Länder hat einen palästinensischen Staat anerkannt. Länder wie Spanien, Belgien oder Irland haben ein ganz anderes Verhältnis zu diesem Konflikt als Österreich oder Deutschland. Natürlich wirkt sich unsere Geschichte aus. Die Holocaust-Vergangenheit beeinflusst den Blick auf diesen Konflikt. Gleichzeitig gibt es einen Widerspruch. Wir haben ein internationales Rechtssystem, das als Konsequenz aus der Nazi-Zeit entstanden ist. Wenn der Internationale Gerichtshof ein Verfahren annimmt, weil es plausible Hinweise auf einen Genozid im Gazastreifen gibt, dann hat das Bedeutung. Wenn Benjamin Netanyahu vom Internationalen Strafgerichtshof einen Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen erhält, dann hat das Bedeutung. Wenn der Internationale Gerichtshof erklärt, dass die Besatzung und die Siedlungspolitik illegal sind, dann hat das ebenfalls Bedeutung. Hier prallen zwei Dinge aufeinander, die beide aus unserer Geschichte entstanden sind: die Staatsräson gegenüber Israel und die internationale Gerichtsbarkeit. Ich würde mir wünschen, dass darüber offener diskutiert wird.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Kommen wir zum ORF. Ihr Vertrag läuft aus. Teilweise wurde Ihnen vorgeworfen, Ihre Berichterstattung sei tendenziell geworden. Wie schade finden Sie es, dass Ihr Vertrag endet?
El-Gawhary: Meine Idee war das nicht. Ich habe 22 Jahre lang für den ORF als Korrespondent gearbeitet. Jetzt werde ich mich neu aufstellen und neu erfinden. Ende des Monats startet wahrscheinlich mein eigener Podcast „Nahost, nah dran“. Ich werde weitermachen und sicherlich auch weiter in der Öffentlichkeit präsent bleiben. Es wird auch weiterhin irgendeine Form der freien Zusammenarbeit mit dem ORF geben, aber eben nicht mehr als Korrespondent. Es war ein Privileg, das 22 Jahre lang machen zu dürfen. Jetzt beginnt etwas Neues, auf das ich mich sehr freue. Vor allem beim eigenen Podcast kann mir niemand hineinreden. Dort kann ich das machen, was ich wichtig und richtig finde.
NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wie beurteilen Sie aktuell die Lage im Iran und das Verhältnis zu den USA?
El-Gawhary: Wir erleben derzeit eine klassische Patt-Situation. Der Iran hat seine geografische Lage an der Straße von Hormus klug eingesetzt, um in diesem asymmetrischen Konflikt mit den USA und Israel den Druck zu erhöhen. Jetzt haben wir eine Situation, in der beide Seiten diesen Konflikt eigentlich gerne beenden würden. Die Verhandlungen sind aber äußerst schwierig. Die Iraner schnüren kleine Verhandlungspakete. Da geht es zunächst um die Öffnung der Straße von Hormus und um das Ende der Sanktionen. Die Amerikaner wollen dagegen den großen Atomdeal. Das Problem für Donald Trump ist: Der neue Deal müsste besser sein als jener, den Barack Obama damals abgeschlossen hat und den Trump später aufgekündigt hat. Die Iraner werden aber keine totale Kapitulation akzeptieren. Sie werden versuchen, einen Kompromiss auszuhandeln. Beide Seiten haben derzeit kein Interesse daran, den Krieg weiter eskalieren zu lassen. Gleichzeitig versuchen beide, ihr Druckpotenzial aufrechtzuerhalten, um bei den Verhandlungen besser dazustehen. Selbst wenn es militärisch noch einmal weitergehen sollte, wäre das wahrscheinlich eher eine begrenzte militärische Aktion, um den Druck in den Verhandlungen zu erhöhen. Wir erleben erstmals deutlich, dass die USA nicht mehr einfach der „Bulle am Schulhof“ sein können, der alle dorthin drängt, wo sie sein sollen. Wir erleben auch ein Stück weit den langsamen Abstieg der USA als dominierende Weltmacht. Die Welt ist komplizierter geworden. Regionalmächte wie Saudi-Arabien, die Türkei, Ägypten oder Pakistan spielen eine wichtige Rolle. China spielt als Vermittler ebenfalls eine wichtige Rolle. Da verschieben sich gerade große geopolitische Dinge, die weit über den Nahen Osten hinausgehen.
NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Die größten Leidtragenden bleiben aber die Menschen im Iran. Viele hofften auf einen Sturz des Regimes.
El-Gawhary: Ich glaube, verhasste Regime müssen letztlich vom eigenen Volk beseitigt werden. Alle Versuche eines Regimewechsels von außen sind in dieser Region gescheitert. Wenn ich an den Irak denke: George Bush stand damals unter dem Banner „Mission Accomplished“. Später herrschte dort über Jahre eine Regierung, die dem Iran sehr nahestand. Selbst mit der größten Militärmacht gelingt es immer wieder nicht, Machtverhältnisse im eigenen Sinn zu verändern. Ich glaube auch nicht, dass ein Regimewechsel das eigentliche Ziel dieses Krieges war. Es ging vielmehr um eine Schwächung des Iran. Wenn in so einer Situation ein Regime stürzt, ist die wahrscheinlichste Folge ein blutiger Bürgerkrieg. Der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Die Gefahr wäre Chaos. Natürlich würde ich den Iranern wünschen, dass sie ihr Regime verändern können. Aber sie müssen das letztlich selbst tun. Alles, was von außen kommt, bringt selten wirklich Gutes.
NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Was bedeutet die aktuelle Entwicklung für Europa?
El-Gawhary: Das, was wir gerade am Golf erleben, spiegelt sich auch in Europa wider. Die Golfstaaten standen jahrzehntelang unter dem militärischen Schutz der USA. Heute merken sie, dass diese Sicherheitsgarantie nicht mehr selbstverständlich ist. Die US-Stützpunkte haben diese Länder nicht geschützt. Im Gegenteil: Sie haben sie sogar verwundbarer gemacht. Die Golfstaaten müssen deshalb ihre gesamte Sicherheitsarchitektur neu aufstellen. Und genau dieselbe Situation haben wir heute in Europa. Europa muss seine Sicherheitsarchitektur ebenfalls neu überdenken.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Warum sollte man Ihren Vortrag in Bizau keinesfalls verpassen?
El-Gawhary: Wenn schönes Wetter ist, kann man natürlich auch in den Biergarten gehen. Aber ich glaube, das Wichtigste ist: Das, worüber wir hier reden, ist keine exotische Region. Unser Schicksal ist unmittelbar mit dem Schicksal dieser Region verbunden. Es geht um fossile Brennstoffe, um Migration und Fluchtbewegungen, um militante Organisationen. All das hat unmittelbare Auswirkungen auf uns. Deshalb ist es wichtig, sich mit dieser Region auseinanderzusetzen. Und ich muss sagen: Ich mache viele Vorträge in Österreich und die Diskussionen unterscheiden sich überhaupt nicht, egal ob ich in Wien oder im hintersten Bregenzerwald bin. Die Menschen sind informiert, neugierig und bringen Wissen mit. Mir ist bei solchen Veranstaltungen immer wichtig, dass genügend Zeit für Diskussionen bleibt.
Karim El-Gawhary „Krisenherd Nahost“
Der langjährige Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary gibt Einblicke von Kairo über Gaza bis Teheran, ordnet die Lage ein und liefert Impulse für eine anschließende Diskussion, veranstaltet vom Kulturforum Bregenzerwald.
WANN: Freitag, 22. Mai 2026, 19 Uhr
WO: Gebhard-Wölfle Saal Bizau
Eintritt: 15 Euro (10 Euro ermäßigt)