Ab Juni: Wer profitiert im neuen Tarifsystem des öffentlichen Verkehrs?

Mit 1. Juni führt der Verkehrsverbund Vorarlberg ein neues Tarifsystem ein. Statt 14 Preisstufen gibt es künftig nur noch drei Kategorien. Im Gespräch erklärt Geschäftsführer Christian Hillbrand, warum das bisherige Domino-System abgeschafft wird, welche Fahrgäste profitieren und weshalb Einfachheit wichtiger ist als der billigste Preis.
NEUE am Sonntag: Wie sind Sie heute nach Schwarzach in unsere Redaktion gekommen?
Christian Hillbrand: Diesmal mit dem Auto. Aber ich fahre eigentlich jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit. Bei uns im Feldkirch-Bereich macht das mit dem Auto überhaupt keinen Sinn. Mit dem Bus ist man schneller.
NEUE am Sonntag: Mit 1. Juni kommt die große Tarifreform. Warum war der Abschied vom bisherigen Domino-System notwendig?
Hillbrand: Die letzte große Tarifreform hatten wir 2014. Damals lag der Fokus stark auf der 365-Euro-Jahreskarte. Wir hatten damals rund 50.000 Jahreskartenbesitzer, vergangenes Jahr waren es bereits 92.000. Das zeigt, dass die Stammkunden mittlerweile die wichtigste Gruppe sind. Für Gelegenheitsfahrer hat sich dagegen wenig geändert. Wir haben zwar „Fairtiq“ eingeführt, damit das Zonenzählen einfacher wird. Das Grundsystem blieb aber kompliziert. Wir hatten 94 verschiedene Kästchen und bis zu 14 Preisstufen. Wer von A nach B fahren wollte, musste zählen, welche Zonen gelten. Dazu kamen unterschiedliche Wegeführungen. Ein Beispiel: Früher fuhr man von Lochau nach Wolfurt über Dornbirn, also durch drei Zonen. Mit der neuen Linie geht das direkt in zwei Zonen. Wenn jemand aber ein Ticket für zwei Zonen gekauft hat und dann doch über Dornbirn fährt, gilt das Ticket plötzlich nicht mehr. Das war für viele schwer nachvollziehbar.

NEUE am Sonntag: Das neue System erinnert ein wenig an Zonen in großen Städten.
Hillbrand: Die Grundidee geht tatsächlich in diese Richtung. Aber Vorarlberg ist flächenmäßig größer als Wien. Eine einzige Zone für ganz Vorarlberg wäre sehr teuer geworden. Deshalb haben wir versucht, einen Mittelweg zu finden. Statt 14 Preisstufen gibt es künftig drei Größen: Lokal, Region und Maximo. Ich vergleiche das gern mit T-Shirt-Größen. Man weiß relativ schnell, ob man ein M oder ein L braucht.
NEUE am Sonntag: Wer profitiert finanziell besonders vom neuen Tarif?
Hillbrand: Unser Ziel war nicht, alles billiger zu machen. Für 85 Prozent bleibt es gleich teuer oder wird günstiger. Für etwa 15 Prozent kann es etwas teurer werden. Der Fokus liegt auf Einfachheit. Größere Zonen bedeuten natürlich auch, dass manche etwas mehr bezahlen, dafür aber mehr Leistung bekommen. Profitieren werden vor allem Menschen auf mittleren Strecken. Ein Beispiel sind Schülerinnen und Schüler. Wer in Dornbirn wohnt, hat Musikschule, Sportangebote und vieles andere innerhalb der Stadtzone. Wer in Schwarzach wohnt, muss oft nach Dornbirn oder Bregenz fahren. Für diese Fahrgäste wird die Lokalzone nun größer.

NEUE am Sonntag: Es gibt künftig auch ein 24-Stunden-Ticket.
Hillbrand: Das war ein klarer Wunsch der Fahrgäste. Bisher galt die Tageskarte nur bis Betriebsschluss. Das Problem war: Mit dem Nachtangebot und dem durchgehenden Zugverkehr wurde das immer unpraktischer. Dazu kommt: Je später der Tag wurde, desto weniger Tageskarten wurden verkauft, weil sich viele gedacht haben, dass sich das nicht mehr auszahlt. Mit dem 24-Stunden-Ticket bekommt jeder gleich viel Leistung, egal wann er das Ticket kauft.
NEUE am Sonntag: Spielt auch die aktuelle Verkehrssituation im Rheintal eine Rolle? Also Staus, hohe Spritpreise und der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel?
Hillbrand: Die Tarifreform planen wir schon seit Anfang vergangenen Jahres. Natürlich kommt sie jetzt zu einem passenden Zeitpunkt. Wir merken schon, dass sich mehr Menschen Gedanken machen, ob das Auto noch die beste Lösung ist. Nach Beginn des Ukraine-Krieges und den stark steigenden Spritpreisen haben wir den Effekt deutlicher gespürt als derzeit. Im Moment beobachten viele noch, wie sich die Situation entwickelt. Grundsätzlich wachsen unsere Fahrgastzahlen aber kontinuierlich. Bei den Jahreskarten hatten wir vergangenes Jahr wieder zweistellige Zuwachsraten.

NEUE am Sonntag: Welche Rolle spielen Pendler?
Hillbrand: Für klassische Pendler ändert sich wenig, weil die meisten ohnehin eine Jahreskarte haben. 87 Prozent aller Jahreskartenbesitzer nutzen bereits das Maximo-Ticket. Interessant ist das Thema Jobticket. Unternehmen dürfen mittlerweile auch das Maximo-Ticket steuerfrei bezahlen. Dadurch steigen viele Beschäftigte um. Für Betriebe ist das ein attraktiver Mitarbeiterbonus.
NEUE am Sonntag: Wie fällt das bisherige Feedback zur Reform aus?
Hillbrand: Diejenigen, für die es besser wird, melden sich meistens nicht. Wer mehr zahlen muss, meldet sich natürlich eher. Es gibt Diskussionen über einzelne Regionsgrenzen, etwa im Bregenzerwald. Dort stellt sich die Frage, warum manche Orte in die nächste größere Stadt kommen und andere nicht. Wir haben aber versucht, die Regionen so zu schneiden, dass möglichst wenige Fahrgäste betroffen sind. Grundlage dafür waren die bisherigen Ticketdaten. Und man darf nicht vergessen: Besonders betroffen sind eher Gelegenheitsfahrer. Wer regelmäßig fährt, hat meistens ohnehin ein Maximo-Ticket.
NEUE am Sonntag: Ein großes Thema war zuletzt das bargeldlose Bezahlen.
Hillbrand: Wir müssen einen Spagat schaffen. Einerseits sollen alle Menschen den öffentlichen Verkehr nutzen können. Andererseits gibt es mittlerweile deutlich einfachere und bessere Möglichkeiten als den Ticketkauf direkt beim Buslenker. 2018 haben wir neue Ticketautomaten in den Bussen eingebaut und gleichzeitig stark in die Digitalisierung investiert. Trotzdem sehen wir, wie langsam Veränderungen angenommen werden. Viele entdecken digitale Angebote erst Jahre später. Unsere Digitalquote liegt derzeit bei etwa 35 Prozent. Für Gelegenheitsfahrer ist vor allem wichtig, dass es einfach ist. Genau deshalb war auch “Fairtiq” so erfolgreich. Die Leute wollen nicht lange nachdenken müssen.

NEUE am Sonntag: Ab Sommer soll es auch kontaktloses Bezahlen mit Bankkarte geben.
Hillbrand: Genau. Ab Sommer testen wir das im Stadtbus Bregenz und im Stadtbus Dornbirn. Im Prinzip funktioniert es sehr einfach: Einmal halten bedeutet Einzelfahrt, zweimal bedeutet Tageskarte. Am Arlberg funktioniert das bereits sehr gut. Dort nutzen rund 90 Prozent diese Möglichkeit. Wir glauben, dass viele Menschen, die kein Smartphone nutzen wollen, aber eine Bankkarte besitzen, dieses Angebot schätzen werden.
NEUE am Sonntag: Gleichzeitig gab es Kritik von Pensionistenverbänden.
Hillbrand: Ja, da ging es um die Diskussion rund um Zuschläge beim Ticketkauf im Bus. Wir müssen aber auch ehrlich sagen: Der Verkauf beim Lenker ist die aufwendigste und teuerste Variante. Natürlich gibt es Menschen, die mit Smartphones Schwierigkeiten haben. Deshalb führen wir zusätzlich den Ticketverkauf in Trafiken ein. Ab Juli soll man in rund 100 Trafiken Tickets kaufen können. Damit wollen wir vor allem jenen Menschen eine einfache Alternative bieten, die weder Apps noch digitales Bezahlen nutzen möchten.

NEUE am Sonntag: Ein anderes Thema ist die Fahrradmitnahme.
Hillbrand: Im Zug funktioniert das grundsätzlich gut, im Bus ist es schwieriger. Dort entstehen schnell Konflikte mit Rollstühlen oder Kinderwagen. Deshalb setzen wir in touristischen Regionen auf spezielle Radbusse mit Anhängern, etwa im Montafon oder im Brandnertal. Im normalen Linienbus ist die Mitnahme nur sehr eingeschränkt möglich.
NEUE am Sonntag: Wie erleben Sie die Sicherheitslage im öffentlichen Verkehr?
Hillbrand: Grundsätzlich sind wir mit der Situation zufrieden. Man muss zwischen subjektivem Sicherheitsgefühl und tatsächlichen Vorfällen unterscheiden. Natürlich gibt es Situationen mit alkoholisierten Personen oder Jugendgruppen. Wirklich schwere Vorfälle sind aber selten. In den Zügen setzen wir Security ein. In den Bussen gibt es Notrufeinrichtungen für die Lenker. Damit können sie still Alarm auslösen oder direkt die Leitstelle kontaktieren.

NEUE am Sonntag: Wird das Tarifsystem nach der Einführung noch angepasst?
Hillbrand: Wir werden uns das im Herbst anschauen. Seit der Präsentation im März haben wir viele Rückmeldungen bekommen. Bisher sind keine völlig überraschenden Probleme aufgetaucht. Es kann schon sein, dass wir einzelne Härten noch nachschärfen müssen. Aber grundsätzlich glauben wir, dass das System gut durchgerechnet ist. Und eines ist klar: Wenn man nichts verändert, bleibt zwar alles ruhig, aber man entwickelt sich auch nicht weiter.

Infos zum neuen VVV-Tarifsystem
Das ändert sich ab 1. Juni:
Domino-System (14 Preisstufen) wird abgeschafft
Drei Tarifgrößen: Lokal, Region und Maximo
Für 85 Prozent der Fahrgäste bleiben die Preise gleich oder werden günstiger
Rund 15 Prozent der Fahrgäste müssen mit höheren Kosten rechnen
Neu: 24-Stunden-Ticket statt der Tageskarte
Ab 1. Juli startet zusätzlich ein Test für kontaktloses Bezahlen mit Bankkarte in den Stadtbussen in Bregenz und Dornbirn
Tickets künftig auch in rund 100 Trafiken erhältlich
Infos: www.vmobil.at/tarifwelt
(NEUE am Sonntag)