Sicherheit beim Wandern: Worauf es am Berg ankommt

Wandern liegt im Trend, doch jedes Jahr verunglücken Menschen in den Bergen. Mario Amann von Sicheres Vorarlberg erklärt, welche Fehler besonders häufig passieren und wann Wanderer umkehren sollten.
1. Warum passieren beim Wandern immer noch so viele Unfälle?
„Wandern wirkt auf den ersten Blick ungefährlich – das ist der größte Trugschluss“, sagt Mario Amann von Sicheres Vorarlberg. Gerade weil so viele Menschen in den Bergen unterwegs sind, werden Risiken oft unterschätzt. Viele starten spontan zu einer Tour, ohne sich ausreichend über Strecke, Wetter oder Schwierigkeit zu informieren. Dazu kommen Selbstüberschätzung, falsche Ausrüstung oder plötzliche Wetterumschwünge. „Oft treffen mehrere Faktoren gleichzeitig aufeinander“, erklärt Amann. Genau deshalb sind Vorbereitung und eine realistische Einschätzung besonders wichtig.
2. Was ist der häufigste Fehler, den Wanderer machen?
Viele überschätzen ihre eigene Kondition oder Erfahrung und wählen Touren, die nicht zu ihrem Können passen. „Sehr oft wird außerdem die Planung vergessen oder vernachlässigt“, sagt Amann. Sicherheit beginnt jedoch bereits vor dem Start. Wer sich nicht mit Gehzeit, Höhenmetern oder Wetter beschäftigt, gerät schneller in schwierige Situationen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Wanderer trotz Erschöpfung oder Unsicherheit unbedingt noch das Ziel erreichen wollen.

3. Wie merke ich unterwegs, dass eine Tour zu schwierig für mich ist?
Starke Atemnot, nachlassende Trittsicherheit, Konzentrationsprobleme oder Unsicherheit beim Gehen sind laut Amann deutliche Warnsignale. Auch wenn man deutlich langsamer vorankommt als geplant, sollte die Situation neu bewertet werden. „Viele ignorieren erste Anzeichen von Überforderung zu lange“, sagt er. Gerade in der Gruppe ist es wichtig, regelmäßig nachzufragen, wie es allen geht. „In der Gruppe gibt immer die langsamste Person das Tempo vor.“
4. Viele unterschätzen die Schwierigkeit von Wegen: Was bedeuten die Farben in der Praxis?
Gelb-weiß markierte Wege gelten als leicht und sind meist befestigt oder wenig steil. Weiß-rot-weiß markierte Bergwege sind bereits anspruchsvoller und erfordern Trittsicherheit sowie passendes Schuhwerk. Weiß-blau-weiß markierte alpine Steige setzen Bergerfahrung, Schwindelfreiheit und sicheres Gehen voraus. „Wichtig ist: Die Bewertung gilt nur bei guten Bedingungen“, erklärt Amann. Regen, Schnee oder nasse Wurzeln können eine eigentlich einfache Tour rasch deutlich schwieriger machen.

„Wandern wirkt auf den ersten Blick ungefährlich – das ist der größte Trugschluss.“
Mario Amann, Sicheres Vorarlberg
5. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um umzudrehen?
„Sobald Unsicherheit aufkommt oder sich Bedingungen verschlechtern“, sagt Amann. Viele machen den Fehler, trotz Erschöpfung oder schlechtem Wetter weiterzugehen, weil sie das Ziel unbedingt erreichen wollen. Dabei ist Umkehren kein Zeichen von Schwäche, sondern eine vernünftige Entscheidung. Typische Warnzeichen sind Wetterumschwünge, Zeitverzug, Müdigkeit oder Unsicherheit im Gelände.
6. Wie wichtig ist das richtige Schuhwerk wirklich?
Viele Unfälle passieren durch Ausrutschen oder Stolpern. Laut Amann spielt das Schuhwerk dabei eine entscheidende Rolle. „Je einfacher der Weg, desto leichter darf auch der Schuh sein“, erklärt er. Für anspruchsvollere Wege braucht es jedoch stabile Wanderschuhe mit guter Profilsohle. Wichtig sind außerdem eine gute Passform und ausreichend Halt.
7. Was gehört in jeden Rucksack und wird trotzdem oft vergessen?
Neben ausreichend Wasser und Verpflegung gehören laut Amann auch Regen- und Wärmeschutz, Sonnenschutz, Erste-Hilfe-Set und Rettungsdecke in den Rucksack. Viele vergessen außerdem auf ein vollgeladenes Handy. „Neben Apps ist auch eine Karte sinnvoll“, sagt er. Wichtig ist zudem, den Rucksack passend zur Tour zu wählen und nicht unnötig schwer zu packen.
8. Viele verlassen sich auf Apps: Wo liegen hier die größten Fehler?
„Apps sind hilfreich, aber kein Ersatz für Eigenverantwortung“, sagt Amann. Probleme entstehen vor allem dann, wenn Wanderer sich blind auf digitale Routen verlassen oder aktuelle Bedingungen nicht überprüfen. Nicht jeder eingezeichnete Weg ist tatsächlich begehbar oder passend für die eigene Erfahrung. Deshalb sollte man zusätzlich auf Wegmarkierungen, Karten und die eigene Orientierung achten.
9. Was soll ich tun, wenn ich mich verlaufe oder das Wetter plötzlich umschlägt?
„Ruhe bewahren und zuerst die Orientierung prüfen“, rät der Experte. Oft hilft es bereits, kurz stehen zu bleiben und den letzten bekannten Punkt in Erinnerung zu rufen. Im Zweifel sollte man umkehren und auf markierten Wegen bleiben. Wichtig ist außerdem, Wetterveränderungen frühzeitig ernst zu nehmen. Besonders bei Gewittern sollten exponierte Stellen wie Gipfel oder Grate gemieden werden, meint Amann: „Lieber einmal zu früh umdrehen als zu spät reagieren.“

Tipp: Gut vorbereitet mit dem Peak-Bergcheck
P – Planung: Gute Vorbereitung ist die Basis jeder Wanderung. Wähle eine Tour, die zur Gruppe passt, und berücksichtige Strecke, Höhenmeter und Gehzeit. Informiere dich über das Wetter, mögliche Gefahren und plane genug Zeit ein.
E – Einschätzung: Entscheidend ist eine ehrliche Selbsteinschätzung. Passt die Tour zu Kondition, Erfahrung und Trittsicherheit? Auch unterwegs sollte regelmäßig überprüft werden, ob es allen gut geht und das Tempo noch stimmt.
A – Ausrüstung: Die richtige Ausrüstung sorgt für Sicherheit. Feste Schuhe, ausreichend Wasser, Sonnenschutz und warme Kleidung sind wichtig. Ergänzend sollten ein Erste-Hilfe-Set, ein Handy und eine Karte im Rucksack nicht fehlen.
K – Kontrolle: Behalte Wetter, Zeit und die Verfassung der Gruppe im Blick. Wenn sich die Bedingungen ändern oder Probleme auftreten, sollte die Tour angepasst oder abgebrochen werden.