Vorarlberg bekennt sich zur Windkraft

In einer „Energie Lounge“ beschäftigten sich das Vorarlberger Architekturinstitut, das Energieinstitut und das Vorarlberg Museum anlässlich der Architekturtage 2026 zum Thema „Infrastrukturen des Alltags“ mit Windenergie.
Je konkreter die Projekte – oder viel mehr die Standorte – für Windräder werden, desto heftiger werden die Diskussionen vor Ort. Dennoch wird Vorarlberg, laut Energie-Strategiekonzept, bis zum Jahr 2050 zwei Prozent Strom nachhaltig aus Windkraft generieren müssen. Wie viele Windräder es dazu braucht, hängt ganz von den Standorten ab, sechs bis zwölf sollen es sein. In Feldkirch hat die Stadt nach einjähriger Standortanalyse beim Vorderälpele und beim Illspitz die Pläne wieder verworfen, wegen unzureichender Windverhältnisse. Und dann gibt es noch das Problem mit den Bürgerinitiativen.

Die Illwerke/vkw investieren zwar in Windkraftanlagen, aber bisher nicht in Vorarlberg, sondern in Deutschland, wo sie schon 2023 drei Windparks in Betrieb genommen haben. Franz Angerer ist Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur und erklärte zu Beginn der Veranstaltung, warum wir Windkraft brauchen – und warum gerade auch im Westen Österreichs.
Winterstromlücke und Pumpspeicherwerke
Nach dem Hinweis auf die gerade zurzeit schmerzlich spürbare Abhängigkeit von fossiler Energie aus fragwürdigen Quellen im Ausland, erläuterte Angerer die Energieströme in Österreich und die Entwicklungen der letzten Jahre. So wie sich der Ausbau der Photovoltaik (PV) viel rasanter entwickelt habe, als noch vor 15 Jahren angenommen wurde, habe sich auch die Windkraftenergie europaweit rasch entwickelt. Aber eben nicht im Westen Österreichs. Abgesehen davon, dass die Förderungen inklusive der einstmals sehr hohen Einspeisetarife den PV-Ausbau massiv begünstigten, sei die PV heute ein bedeutender, verlässlicher und günstiger Stromproduzent. Für die Windenergie – auch in Vorarlberg – sprächen dieselben Argumente: Verlässlich, nachhaltig, leistbar.

„Windenergie ist sicher, sauber und leistbar und macht uns unabhängig von Importen und das volkswirtschaftliche Vermögen bleibt im Land.“
Franz Angerer, Energieagentur Österreich
Windkraftanlagen produzieren überwiegend dann Strom, wenn die PV und die Wasserkraft schwächeln – in den Wintermonaten. Und warum auch im Westen Windräder, wenn wir ungünstigere topographische und windtechnische Voraussetzungen haben? Weil die Nähe zu den Pumpspeicherkraftwerken im Land Netz- und Leitungskosten verringern würde, denn Windenergieanlagen produzieren Strom mit Spitzen und diese Stromspitzen müssen, ähnlich wie bei der PV, gespeichert werden können. Dafür würden sich die Pumpspeicherwerke sehr gut eignen. Angerer erklärte abschließend: „Windenergie ist sicher, sauber und leistbar und macht uns unabhängig von Importen und hält das volkswirtschaftliche Vermögen im Land.“
Bürgermeister sind entscheidend
Der zuständige Landesrat Daniel Allgäuer verwies auf das Energie-Strategiepapier des Landes mit dem klaren Bekenntnis zur Windenergie. Sie wäre eine sehr gute Ergänzung zur PV und Wasserkraft. Allerdings müsse sich Windkraft auch rechnen: „Jedes Windkraftwerk muss für sich wirtschaftlich darstellbar sein, Fördermittel sind nicht vorgesehen“, sagt Allgäuer. Wo solche Anlagen gebaut werden könnten, darüber gibt eine Windpotentialanalyse Auskunft. Neben der Alpe Rauz, kamen auch höhergelegene Gebiete in Hohenems, Dornbirn und Egg ins Spiel. Die Bürgermeister von Hohenems und Dornbirn zeigten sich jedenfalls ablehnend gegenüber Windrädern in ihrer Gemeinde. Bürgermeister Marc Meusburger aus Egg weiß zwar von Gesprächen mit Grundeigentümern, aber vorläufig gehe es um Windmessungen und nicht um den Bau eines oder mehrerer Windräder. „Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt ein konkretes Projekt abzeichnen, wäre jedenfalls ein umfassender Bürgerbeteiligungsprozess notwendig“, erklärte er. Der Kommunikationsexperte Dieter Bitschnau weiß: „Das Zünglein an der Waage ist in der Regel der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin, wir müssen die Kommunen stärken, die müssen hinter dem Projekt stehen.“

„Das Zünglein an der Waage ist in der Regel der Bürgermeister, die Bürgermeisterin, wir müssen die Kommunen stärken, die müssen hinter dem Projekt stehen.“
Dieter Bitschnau, Kommunikationsexperte
Bürgerbeteiligung
Der Abend wurde von Wolfgang Seidel vom Energieinstitut gekonnt moderiert. Die Zusammensetzung des Podiums bot allerdings kein echtes Pro und Contra, auch wenn der Naturschutzanwältin Katharina Lins die zweite Rolle zugeschoben wurde. „Es wäre ja dumm, einfach gegen Windenergie als nachhaltige Energieerzeugung zu sein, aber der Landschafts- und Naturschutz müsse eben Berücksichtigung finden, was wo möglich ist – neben dem wirtschaftlichen Aspekt, dass sich so ein Windrad oder Windpark auch rentieren muss“, erläuterte Lins. Und da verwies sie gleich auf ein neues Behördenansuchen bei der Alpe Rauz, um Verlängerung der Windmessung. Diese sei also vermutlich nicht so positiv verlaufen, dass schon grünes Licht gegeben werden konnte. Und klar müsse am jeweiligen Standort auf Vogelzugrouten oder seltene Arten und die Biodiversität Rücksicht genommen werden. Dominik Schwärzler, Projektleiter bei „Knollconsult Umweltplanung ZT“, führte in seinem Statement objektivierbare Kriterien zur Beurteilung von Standorten beziehungsweise Landschaftsbildern an, allerdings nur in einem Umkreis von etwa zehn Kilometern. ommunikationsexperte Bitschnau, erklärte, wie es gelingen kann, die Bevölkerung für solche Projekte zu gewinnen.

„Wir bekennen uns zur Windkraft, aber jedes Windkraftwerk muss für sich wirtschaftlich darstellbar sein, Fördermittel sind nicht vorgesehen.“
Daniel Allgäuer, Landesrat
Macht der Bürgerinitiativen
Denn auf der anderen Seite lauert der Widerstand. Und manche Bürgerinitiativen würden hochprofessionell agieren. Deshalb müssten Beteiligungsprozesse transparent und frühzeitig geplant und durchgeführt werden. „Man muss die Öffentlichkeit frühzeitig informieren, faktenorientiert mit Vor- und Nachteilen, aber auch den Nutzen für die Menschen vor Ort aufzeigen“, erklärte Bitschnau. Bisher konnten knapp über der Hälfte der Windprojekte umgesetzt werden, allerdings mit absteigender Tendenz, erklärte er. Beim geplanten Reststoffkraftwerk in Frastanz habe man die Kommunikation teilweise verschlafen, ergänzte der Landesrat. Bitschnau hielt fest, dass solche Projekte von Bürgerinitiativen oft emotionalisiert und in eine starke Polarisierung hinein gedrängt würden. In kleinen Gruppen müssten die Betroffenen abgeholt werden, bevor in Großgruppen diskutiert werde. Landesrat Allgäuer sprach sich dafür aus, Fakten und Argumenten offen zu begegnen. Dazu müsse alles klar und transparent auf dem Tisch liegen, letztlich komme eh alles ans Licht, so seine Erfahrung, und das räche sich bitter. Angerer ergänzte, sobald im Hintergrund zwischen Windparkbetreibern, Bürgermeistern oder Gemeindevertretungen gemauschelt werde, komme das irgendwann ans Licht. Solche Projekte seien dann meist zum Scheitern verurteilt.

„Es wäre ja dumm, einfach gegen Windenergie als nachhaltige Energieerzeugung zu sein, aber der Landschafts- und Naturschutz muss eben Berücksichtigung finden.“
Katharina Lins, Naturschutzanwältin
Einstellung
Die wenigsten Menschen im Land dürften Windenergie grundsätzlich ablehnen. Wie so oft sollten die Windräder allerdings nicht vor der eigenen Haustür oder auf dem eigenen Hausberg stehen. Neben der nachhaltigen, sicheren und leistbaren Energieproduktion geht es dabei immer auch um einen Aushandlungsprozess zwischen Einzel- und Allgemeininteressen, der bewältigt werden muss.
Ob ein Windrad oder ein Windpark als störendes technisches Monsterwerk oder als schönes Zeichen der Energiewende und des Klimaschutzes in der Landschaft steht, ist eine Frage der Einstellung und die kann sich ändern. Dass die Fakten – von den wirtschaftlichen bis zu den naturschutzrelevanten – transparent auf den Tisch müssen, haben Betreiber und Politik gelernt. Ob sich letztlich die lokalen Bürgerinitiativen oder die Betreiber durchsetzen, bleibt abzuwarten. Vorausgesetzt, es erweist sich überhaupt ein Standort in Vorarlberg als wirtschaftlich tauglich für ein Windkraftwerk.
Kurt Bereuter