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Trans sein in Vorarlberg: Zwischen Fortschritt und Hürden

12.06.2026 • 21:41 Uhr
Transmenschen Vorarlberg
Fynn Kirchner in den Räumlichkeiten von Go West. NEUE

Zwischen neuen rechtlichen Möglichkeiten und alten Unsicherheiten bewegt sich der Alltag vieler Transmenschen in Vorarlberg. Fynn Kirchner von Go West erzählt, was sich verändert hat.

Vor nicht einmal 20 Jahren war in Österreich noch vieles anderes für Transpersonen. Vor allem war vieles schwerer. Wer damals in Vorarlberg als Transperson den eigenen Namen oder Personenstand ändern wollte, musste nicht nur lange Wege und viele Gespräche auf sich nehmen, sondern auch Eingriffe, die heute undenkbar wirken. „Früher war es so, dass man einen Operationszwang, somit auch einen Sterilisationszwang hatte“, erzählt Fynn Kirchner vom Verein Go West in Vorarlberg.

Erst nach umfangreicher Psychotherapie, Hormonbehandlung und Operationen sei eine rechtliche Änderung möglich gewesen. Heute ist das anders, Menschen können ihren Namen und Personenstand ändern lassen, ohne dafür ihren Körper verändern zu müssen.

Rechtslage

Für Kirchner ist genau das eine der größten Verbesserungen der vergangenen Jahre, nämlich die Gesetzeslage. Sie habe sich „wohl am meisten verbessert“, sagt er. Auch nichtbinäre und intergeschlechtliche Personen, also Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen oder aus medizinischer Sicht keinem Geschlecht direkt zuordenbar sind, haben inzwischen Möglichkeiten, den Geschlechtseintrag streichen zu lassen oder einen diversen Eintrag zu erwirken.

Unklarheiten

Doch die rechtliche Entwicklung bedeutet nicht, dass der Alltag problemlos geworden ist. Denn zwischen Gesetz und Praxis liegt oft ein weiter Weg.
Ein Beispiel sind die Standesämter. Eigentlich gebe es klare Vorgaben, betont Kirchner. Trotzdem komme es immer wieder zu Unsicherheiten und willkürlichen Entscheidungen. Manche Beamtinnen und Beamte seien hilfsbereit und bemüht, wenn es um die Änderung des Geschlechtereintrags geht, andere würden zusätzliche Gutachten verlangen oder Anträge unnötig erschweren.

Transmenschen Vorarlberg
Kirchner ist ehrenamtlich für Go West tätig und arbeitet hauptberuflich als diplomierter Sozialbetreuer. Neue

Besonders schmerzhaft sei, wenn Personen nach ihrem Aussehen beurteilt würden, ob sie „passen“, also von außen als das Geschlecht gelesen werden, das sie eintragen lassen wollen. Gerade bei der Änderung von Namen und Personenstand bleibe Willkür deshalb ein Problem.

Finanzielle Belastung

Auch in der medizinischen Versorgung hat sich einiges bewegt, aber längst nicht genug. Früher habe es in Vorarlberg nur eine Psychotherapeutin gegeben, „bei der wir alle waren“, erinnert sich Kirchner. Heute gibt es mehrere Anlaufstellen. Gleichzeitig sind die Wartezeiten lang, dauern mehrere Monate, teils bis zu einem Jahr oder länger.

Dazu kommt, dass viele Angebote privat zu bezahlen sind. Wer Gutachten für Hormontherapie, Operationen oder Personenstandsänderungen braucht, muss deshalb oft tief in die Tasche greifen. Ein psychiatrisches Gutachten könne schnell mehrere hundert Euro kosten. Noch gravierender ist die Versorgungslücke bei der Hormontherapie. In Vorarlberg gibt es kein Hormonzentrum und keine ausreichende endokrinologische Versorgung. Wer Hormone braucht, fährt häufig nach Innsbruck, manche sogar bis nach Wien.

Selbst wenn Termine von der Krankenkasse übernommen werden, bleiben Fahrtkosten, Übernachtungen und zusätzlicher Aufwand. Für viele Betroffene bedeutet Transition daher nicht nur eine persönliche, sondern auch eine finanzielle Belastung.

Medizinische Einordnung

Früher wurde Transsein als krankhafte Störung diagnostiziert. Heute spricht man von Geschlechtsinkongruenz. Für Kirchner ist wichtig: Es bleibt eine Diagnose, aber nicht mehr im Sinne einer psychischen Störung. Entscheidend sei somit nicht mehr, ob jemand genug leidet, sondern ob das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht mit dem eigenen Geschlechterwissen übereinstimmt.

Neben Fortschritten sieht Kirchner aber auch Gegenbewegungen. Den Rechtsruck spüre man auch in Vorarlberg, etwa durch „Anti-Trans-Vorträge“, oder feindselige Rhetorik. Go West werde von Schulen angefragt, um Sichtbarkeit zu schaffen und Fragen von Jugendlichen zu beantworten. Gleichzeitig gebe es Eltern oder Gruppen, die solche Angebote skandalisieren. Für queere Menschen bedeute das, sich immer wieder überlegen zu müssen, wo sie offen sein können und mit wem.

Privatleben

Ein großes Manko bleibt für Kirchner der Schutz vor Diskriminierung im privaten Bereich. Queere Menschen könnten noch immer aus einem Taxi geworfen oder aus einem Lokal verwiesen werden.
Kirchners Bilanz ist daher gemischt:“Rechtlich hat sich viel verbessert.“ Die gröbsten Zwänge früherer Jahre sind gefallen. Es gibt mehr Sichtbarkeit, mehr Begriffe, mehr Möglichkeiten. Gleichzeitig bleibe der Alltag für Transmenschen in Vorarlberg oft noch unnötig schwierig.