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“Wir reden oft erst über den Krieg, wenn er bereits begonnen hat”

19.06.2026 • 18:30 Uhr
"Wir reden oft erst über den Krieg, wenn er bereits begonnen hat"
Konrad Steurer möchte mit seinem Buch zur Diskussion anregen. Hartinger

Der Dornbirner Autor und „Faehre“-Gründer Konrad Steurer hat mit „Eine Bombengeschichte – Relikt aus dem vorigen Jahrhundert“ einen Roman über die Langzeitfolgen von Krieg geschrieben. Auftakt für seine “No-War”-Lesetour.

NEUE am Sonntag: Als Ausgangspunkt für Ihren Roman dient ein reales Ereignis: Ein Bauarbeiter wurde 2006 in Bayern durch eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg getötet. Hat Sie dieser Fall aufgerüttelt?

Konrad Steurer: Dieser Zeitungsbericht hat mich damals nicht mehr losgelassen. Wenig später wurde bereits wieder eine Bombe gefunden. Da habe ich mir die Frage gestellt: Warum liegen diese Bomben überhaupt noch im Boden? Warum töten sie Jahrzehnte nach Kriegsende noch Menschen? Und warum spricht man eigentlich so wenig darüber? Diese Fragen haben sich über Jahre in mir festgesetzt. Daraus ist nun dieses Buch entstanden.

"Wir reden oft erst über den Krieg, wenn er bereits begonnen hat"
Der ehemalige Sozialarbeiter und Gründer der “Faehre” im Gespräch. Hartinger

NEUE am Sonntag: Wie viel Wirklichkeit steckt in „Eine Bombengeschichte – Relikt aus dem letzten Jahrhundert“?

Steurer: Der Todesfall in Bayern ist real. Alles andere ist literarische Fiktion. Ich habe eine Geschichte konstruiert, die sich über mehrere Generationen spannt. Im Zentrum steht eine amerikanische Bomberbesatzung im Jahr 1944. Deren Handlungen wirken bis ins Jahr 2006 und darüber hinaus nach. Mich hat die Vorstellung interessiert, dass eine Entscheidung in einem Krieg Jahrzehnte später noch das Leben eines völlig unbeteiligten Menschen beeinflussen kann.

NEUE am Sonntag: Weshalb haben Sie sich für diese Erzählweise entschieden?

Steurer: Weil ich zeigen wollte, dass Krieg kein abgeschlossenes Ereignis ist. Oft betrachten wir Geschichte wie etwas Vergangenes. Aber die Folgen bleiben bestehen. Deshalb laufen die Kapitel aus den Jahren 1944 und 2006 parallel. Die Leserin und der Leser erleben die Vergangenheit und ihre Auswirkungen gleichzeitig. Der Sprung in die Gegenwart soll deutlich machen, dass diese Geschichte uns alle betrifft.

NEUE am Sonntag: Die Bombe wird in Ihrem Roman beinahe zu einer eigenen Figur. Sie liegt jahrzehntelang verborgen, bleibt aber gefährlich. Was fasziniert Sie an dieser Symbolik?

Steurer: Die Bombe steht für alles, was Krieg hinterlässt. Sie verschwindet nicht einfach. Sie liegt verborgen und kann jederzeit wieder auftauchen. Das gilt auch für Traumata, für Verletzungen oder für gesellschaftliche Konflikte. Wir glauben oft, etwas sei überwunden, weil es nicht mehr sichtbar ist. Aber vieles wirkt weiter. Die Bombe ist für mich ein starkes Bild dafür.

"Wir reden oft erst über den Krieg, wenn er bereits begonnen hat"
Steurer präsentiert sein Buch “Eine Bombengeschichte – Relikt aus dem vorigen Jahrhundert”. Hartinger

NEUE am Sonntag: Während der Arbeit am Buch haben Sie sich intensiv mit Blindgängern beschäftigt. Hat sich dadurch Ihr Blick auf Krieg verändert?

Steurer: Mir wurde dadurch bewusst, wie groß dieses Problem tatsächlich ist. Immer wieder müssen Stadtteile evakuiert werden, weil irgendwo eine Bombe entdeckt wird. In Deutschland und Österreich wird man sich noch viele Jahrzehnte damit beschäftigen. Gleichzeitig entstehen durch aktuelle Kriege neue Blindgänger. Das Problem verschwindet also nicht, sondern wächst weiter.

NEUE am Sonntag: Sie beschäftigen sich im Buch auch mit Landminen und anderen Kriegsrelikten. Was hat Sie daran besonders erschüttert?

Steurer: Dass diese Waffen weit über den eigentlichen Konflikt hinauswirken. Landminen sind dafür ein drastisches Beispiel. Der Krieg ist längst vorbei, aber Jahre später werden Kinder, Bauern oder Familien verletzt und getötet. Das zeigt, dass Gewalt nie nur den Moment betrifft. Sie reicht weit in die Zukunft.

"Wir reden oft erst über den Krieg, wenn er bereits begonnen hat"
Steurer beim Interview in der Redaktion der NEUE am Sonntag. Hartinger

NEUE am Sonntag: In Ihrem Roman geht es aber nicht nur um Krieg, sondern auch um Liebe, Beziehungen und neue Anfänge. Warum war Ihnen dieser Kontrast wichtig?

Steurer: Weil genau dort das Leben stattfindet. Krieg zerstört, aber Menschen versuchen trotzdem weiterzuleben. Sie verlieben sich, gründen Familien und bauen Beziehungen auf. Mich hat dieser Gegensatz interessiert. Auf der einen Seite steht die Gewalt, auf der anderen das menschliche Bedürfnis nach Nähe, Liebe und Zukunft.

NEUE am Sonntag: Ihr Buch erscheint in einer Zeit, in der Europa wieder intensiv über Aufrüstung diskutiert. Gleichzeitig erleben wir Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und an vielen anderen Orten der Welt. Sie gehen mit einer „No War“-Lesetour auf Reisen und vertreten eine klare pazifistische Haltung. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?

Steurer: Mit großer Sorge. Natürlich gibt es reale Bedrohungen. Das bestreite ich nicht. Es gibt Situationen von Notwehr und Nothilfe. Aber wir bewegen uns zunehmend in einer Logik, in der Krieg wieder als normales politisches Mittel erscheint. Genau das halte ich für gefährlich. Krieg bedeutet immer Tod, Verletzungen und Traumatisierungen. Deshalb möchte ich die Frage stellen, wie wir Konflikte verhindern können, bevor sie eskalieren.

NEUE am Sonntag: Kritiker würden einwenden, dass man Aggressoren nicht allein mit guten Worten begegnen kann. Wie antworten Sie darauf?

Steurer: Im akuten Konflikt ist vieles kompliziert. Mein Punkt ist ein anderer. Wir reden oft erst über Krieg, wenn er bereits begonnen hat. Die eigentliche Frage lautet aber: Was wurde vorher versäumt? Wo wurden Warnsignale ignoriert? Wo hat man weggeschaut? Friedenspolitik beginnt lange vor dem ersten Schuss.

NEUE am Sonntag: Können Waffen Ihrer Ansicht nach Frieden sichern?

Steurer: Ich sehe darin vor allem ein Prinzip der Bedrohung. Abschreckung funktioniert nur, weil immer die Möglichkeit der Gewalt im Raum steht. Das Problem ist, dass diese Logik nie verschwindet. Die Waffen bleiben vorhanden, die Bedrohung bleibt vorhanden. Wir müssen aus dieser Spirale herauskommen und die Diskussion darüber neu entfachen.

"Wir reden oft erst über den Krieg, wenn er bereits begonnen hat"
Konrad Steurer geht ab Ende Juni auf Lesetour. Hartinger

NEUE am Sonntag: Ist das auch der Grundgedanke Ihrer „No War“-Lesetour?

Steurer: Genau. Mir geht es nicht darum, den Menschen fertige Antworten zu geben. Ich möchte Gespräche ermöglichen. Wenn Menschen nach einer Lesung miteinander diskutieren und über Krieg, Frieden und Verantwortung nachdenken, dann ist schon viel erreicht.

NEUE am Sonntag: Sie beobachten mit Sorge, dass autoritäre und nationalistische Bewegungen wieder stärker werden. Warum ist Erinnern für Sie so wichtig?

Steurer: Weil Erinnerung Wissen bedeutet. Wenn wir vergessen, was geschehen ist, verlieren wir die Möglichkeit, daraus zu lernen. Geschichte kann sich wiederholen. Deshalb müssen wir uns mit ihr auseinandersetzen. Das gilt für Kriege ebenso wie für politische Entwicklungen.

NEUE am Sonntag: Gleichzeitig erleben wir, dass faschistoide Führungsfiguren wieder Zuspruch erhalten. Wie erklären Sie sich das?

Steurer: Menschen sehnen sich nach Orientierung und Sicherheit. Das ist verständlich. Problematisch wird es, wenn komplexe Probleme mit einfachen Parolen beantwortet werden. Deshalb braucht es Bildung, politische Kompetenz und demokratische Beteiligung. Menschen müssen verstehen können, was um sie herum geschieht.

NEUE am Sonntag: Sie sprechen von Zivilcourage und Verantwortung. Welche Rolle spielt dabei die Demokratie?

Steurer: Eine zentrale. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich einbringen. Sie lebt vom Mitdenken, vom Mitreden und vom Mitgestalten. Wenn wir diese Verantwortung nur an einzelne starke Figuren abgeben, wird es gefährlich.

"Wir reden oft erst über den Krieg, wenn er bereits begonnen hat"
Sympathisch und engagiert setzt sich Steurer für den Erhalt des Friedens ein. Hartinger

Über Autor und Buch

Eine Bombengeschichte – Relikt aus dem vorigen Jahrhundert 
Konrad Steurer geht mit seinem Roman auf die „No War“-Tour. Gemeinsam mit dem Trio „Wanderspiel“ liest der Autor am 27. Juni im Wirkraum Dornbirn (Bahnhofstraße 9). Spenden kommen dem Verein Anima zugute, der sich um Menschen mit erlittenen Kriegstraumata kümmert. Infos zum Autor: www.konradsteurer.eu

(NEUE am Sonntag)