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Evangeliumkommentar: Kommt alle zu mir!

05.07.2026 • 09:00 Uhr
Evangeliumkommentar: Kommt alle zu mir!
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In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Paul Burtscher, Pfarrer von Bildstein und Schwarzach.

In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Matthäus 11,25-30

Eine Geschichte erzählt, dass ein Mann jeden Tag mit zwei Eimern Wasser vom Brunnen nach Hause trug. Die Eimer hingen an einer Stange über seinen Schultern. Einer der Eimer war ganz, der andere hatte einen Riss. Am Ende des Weges war der beschädigte Eimer immer nur halb voll. Jahrelang schämte sich der Eimer. „Ich bin nutzlos“, dachte er. „Ich schaffe nie, was von mir erwartet wird.“ Eines Tages sagte der Wasserträger: „Schau einmal den Weg entlang.“ Auf der Seite des undichten Eimers blühten bunte Blumen. Der Mann hatte dort Samen ausgesät. Das Wasser, das der Eimer verlor, hatte den Weg zum Blühen gebracht. Der Eimer war nicht stark. Er war nicht perfekt. Aber gerade seine Schwäche hatte Leben hervorgebracht. Genau in diese Richtung weist Jesus im heutigen Evangelium. Immer wieder gibt es Menschen, die meinen, Gott könne man nur durch Leistung erreichen: durch Wissen, religiöse Korrektheit, gute Werke, oder wenn man besonders klug ist.

Doch Jesus betet: „Ich preise dich, Vater, … weil du das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Das heißt nicht, dass man keine Bildung braucht. Doch Jesus kritisiert die Illusion, man könne sich Gott erarbeiten. Wer alles zu wissen glaubt, hat oft keinen Raum mehr zum Empfangen. Ein Kind z.B. lebt aus Vertrauen. Es weiß, dass es Hilfe braucht. Es nimmt Geschenke an, ohne sie verdienen zu müssen. Vielleicht ist das die schwerste Lektion des Glaubens: Nicht alles selbst tragen zu müssen. Wir leben in einer Welt der Lasten. Manche tragen die Last der Erwartungen. Andere die Last von Schuld, Krankheit, Einsamkeit oder Zukunftsangst. Viele tragen unsichtbare Rucksäcke, die niemand sieht. Nach außen wirkt alles geordnet. Doch innen fragen sie sich: Wie lange halte ich das noch durch?


In diese Wirklichkeit spricht Jesus seine berühmten Worte: „Kommt alle zu mir… ich will euch erquicken.“ Jesus sagt nicht, dass wir unsere Lasten loswerden. Auch nicht, dass wir uns mehr anstrengen sollen. Er sagt einfach: „Kommt.“ Und dann folgt der merkwürdige Satz: „Nehmt mein Joch auf euch.“ Damals wurden oft zwei Tiere gemeinsam unter ein Joch gespannt. Das stärkere Tier trug den größeren Teil der Last und führte das schwächere. Wenn Jesus von seinem Joch spricht, dann lädt er uns ein, die Last nicht mehr allein zu tragen. Das ist der große Tausch des Evangeliums: Wir bringen unsere Erschöpfung. Er schenkt seine Kraft. Wir bringen unsere Angst. Er schenkt seine Gegenwart. Wir bringen unsere Unruhe. Er schenkt seinen Frieden. Darum kann Jesus sagen: „Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“ Nicht weil das Leben leicht wäre, sondern weil wir nicht mehr allein unterwegs sind. Vielleicht sind wir manchmal wie der beschädigte Wassereimer aus der Geschichte. Wir sehen unsere Fehler, unsere Grenzen und das, was uns misslingt. Gott aber sieht etwas Anderes. Er sieht Wege, auf denen durch unsere Armseligkeit Blumen wachsen.

Evangeliumkommentar: Kommt alle zu mir!
Paul Burtscher ist Pfarrer in Bildstein und Schwarzach.