Die Scheren des Skorpions

Der nördliche Teil des Tierkreissternbilds steht jetzt um Mitternacht tief im Süden.
Viele Sternbilder, besonders jene des Tierkreises, sind uns sehr vertraut. Claudius Ptolemäus hat im zweiten nachchristlichen Jahrhundert eine Liste von 48 Sternbildern erstellt. Seit damals wurden die Sternbild-Grenzen verändert. Die von der Internationalen Astronomischen Union verbindlich festgelegte Sternbildliste enthält heute 88 Einträge. Der Skorpion mit seinem Schwanz, dem aufgerichteten Stachel und seinen eindrucksvollen Scheren wurde seit dem Altertum verkleinert. Ein Teil der Scheren gehört heute zur Waage und zum Schlangenträger. Die Sonne wandert im Verlauf eines Kalenderjahres durch alle Tierkreissternbilder. Den kleinen Abschnitt des Skorpions passiert sie innerhalb einer Woche zwischen dem 23. und 30. November. Das ist die kürzeste Zeitspanne, die die Sonne in einem Sternbild des Tierkreises verbringt. Derzeit kann man den Skorpion gegen Mitternacht tief am Südhorizont finden. Seine Scheren und der rötliche Stern Antares sind nicht zu übersehen. Der Schwanz und der Stachel sind von Vorarlberg aus nicht zu erkennen. Südlich des 40. Breitengrades, also von vielen Urlaubsdestinationen in Südeuropa aus, zeigt sich der gesamte Skorpion in seiner vollen Pracht.
Alte Sagen
Im alten Griechenland jagten einst Artemis und Orion auf der Insel Kreta. In seiner Überheblichkeit prahlte Orion damit, dass er jedes Tier erlegen könne. Gaia soll Orion dafür bestraft haben. Sie holte den Skorpion aus der Unterwelt. Dieser stach Orion und tötete ihn. Danach wurden die beiden Kontrahenten Orion und Skorpion an den Himmel versetzt. Selbst dort gehen sie sich aus dem Wege. Sie stehen nie gemeinsam am Himmel, denn wenn der Skorpion aufgeht, verschwindet Orion unter dem Horizont. Auch den Absturz von Phaeton, dem Sohn des Sonnengottes Helios, soll der Skorpion verantworten. Beim Anblick des gefährlichen Tieres erschrak Phaeton so sehr, dass er die Kontrolle über den Sonnenwagen verlor und kopfüber in den Fluss Eridanus stürzte. Solche antiken Sagen lassen sich gut unter freiem Sternenhimmel erzählen, denn auch Eridanus ist ein Sternbild am Himmel. Auch die Ägypter kannten das Sternbild Skorpion. Anderen Kulturen fiel zwar die einprägsame Gestalt auf, sie erkannten darin aber andere Figuren und Wesen.
Gegenmars
Fast in das Reich der Sagen gehört auch der Name des hellsten Sterns im Skorpion. Er hat eine deutlich rötliche Farbe und ähnelt daher dem Aussehen des Mars. Der Name des Sterns Antares ist kein Zufall, denn das Wort bedeutet Gegenmars. Manchmal wandert der rötliche Mars durch den Skorpion. Dann ist ein Farbvergleich unmittelbar möglich. Während die Rotfärbung des Mars durch Eisenoxid, also Rost, im Marsstaub entsteht, leuchtet Antares wegen seiner niedrigen Oberflächentemperatur von 3400 Kelvin rötlich. Die meiste Energie strahlt er im infraroten Frequenzbereich ab. Er gehört zu den hellsten Sternen des Himmels und ist auch in Horizontnähe sehr auffällig. Der rote Riesenstern hat einen Durchmesser von 1000 Millionen Kilometern. Könnte man ihn an die Stelle der Sonne versetzen, würde seine Oberfläche bis jenseits der Marsbahn reichen. Im Skorpion findet man mehrere Sternhaufen, wenn ein gutes Fernglas zu Hilfe genommen wird. Einfach zu finden und noch halbwegs deutlich über dem Horizont liegt der Kugelsternhaufen Messier 4. Er liegt etwas westlich von Antares, besteht aus 100.000 Sternen und ist 6000 Lichtjahre entfernt.
Robert Seeberger