„VW-Krise: Risiko und Auftrag“

Interview. Henn-Geschäftsführer Martin Ohneberg über die Lage der Autoindustrie, den Druck auf Europas Industriestandort und warum sein Unternehmen auf neue Märkte setzt.
Welche Bedeutung hat die Automobilindustrie für Henn derzeit?
Martin Ohneberg: Die Automobilindustrie ist für Henn weiterhin ein zentraler Markt. Gleichzeitig arbeiten wir daran, unseren Anteil zu reduzieren. Automotive bleibt wichtig, wird künftig aber Teil eines breiter aufgestellten Portfolios sein.
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Gibt es direkte oder indirekte Geschäftsbeziehungen zu deutschen Automobilherstellern oder deren Zulieferketten?
Ohneberg: Ja. Henn ist mit einer Exportquote von 99 Prozent seit vielen Jahren fest in die internationalen Lieferketten der Automobilindustrie eingebunden. Wir beliefern mehr als 40 Automobilhersteller weltweit, darunter auch namhafte deutsche OEMs. Mittlerweile erzielen wir rund 70 Prozent unseres Umsatzes außerhalb Europas. Insbesondere Asien und Amerika sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen.
Spüren Sie aktuell Zurückhaltung, Preisdruck oder veränderte Nachfrage aus dem Automobilbereich?
Ohneberg: Ja, die Zurückhaltung und der Preisdruck sind deutlich spürbar. Entscheidungen dauern länger, Prognosen werden häufiger angepasst und die Anforderungen an Kosten und Effizienz steigen entlang der gesamten Lieferkette.
Wie schätzen Sie die Lage der deutschen Autoindustrie aus Sicht eines Vorarlberger Industrieunternehmens ein?
Ohneberg: Die deutsche Autoindustrie steht unter erheblichem strukturellem Druck. Hohe Standortkosten, zunehmende Regulierung, geopolitische Unsicherheiten und ein intensiver globaler Wettbewerb treffen gleichzeitig auf einen grundlegenden technologischen Wandel. Deutschland und Europa verfügen weiterhin über enormes Know-how. Entscheidend wird aber sein, schneller zu entscheiden, zu investieren und neue Technologien zu skalieren. Während Europa häufig lange diskutiert, setzen andere Wirtschaftsregionen konsequenter um. Es besteht die Gefahr, dass wir neue Technologien künftig nur noch anwenden, während Entwicklung und industrielle Wertschöpfung zunehmend anderswo stattfinden.
Welche Rolle spielen technologische Veränderungen wie E-Mobilität, neue Antriebskonzepte oder alternative Industriesegmente für Henn?
Ohneberg: Für Henn sind diese Veränderungen vor allem eine Chance. Unsere Verbindungstechnologien werden überall dort benötigt, wo Flüssigkeiten oder Gase sicher und effizient geführt werden müssen. Besonders stark wächst der Bedarf im Bereich der Kühlung – im Automotive aber auch abseits davon. Wir übertragen unser Know-how gezielt auf weitere Märkte. Dazu zählen unter anderem Rechenzentren, Robotik, industrielle Anwendungen, Defense und Luftfahrt. Unser Ziel ist es, aus diesen technologischen Chancen langfristig relevante und nachhaltige Geschäftsfelder zu entwickeln.
Ist die aktuelle Entwicklung ein Risiko für den Standort Vorarlberg oder eher ein Anlass, sich breiter aufzustellen?
Ohneberg: Sie ist beides. Kurzfristig ist die Schwäche der deutschen Industrie ein Risiko für Vorarlberg, weil die wirtschaftlichen Verflechtungen sehr eng sind. Rückgänge bei großen Herstellern und Zulieferern wirken sich auch auf Unternehmen in unserer Region aus. Gleichzeitig ist die Entwicklung ein klarer Auftrag, sich breiter und globaler aufzustellen. Für Henn bedeutet das, neue Märkte zu erschließen, internationaler zu werden und unsere Technologien verstärkt außerhalb der klassischen Automobilindustrie einzusetzen. Vorarlberg bleibt für uns ein zentraler Standort für Innovation, Entwicklung und Unternehmenssteuerung.