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In einer Mauer in Hard lag 105 Jahre lang ein Geheimnis

24.08.2026 • 17:29 Uhr
In einer Mauer in Hard lag 105 Jahre lang ein Geheimnis
Etliche Schriftstücke wurden beim Umbau des Harder Banhofes gefunden.Gemeindearchiv Lauterach/Hard

In Hard kamen vor rund fünf Jahren beim Abbruch des alten Bahnhofs nicht nur alte Gemäuer und Schutt zum Vorschein.

Ein historischer, äußerst verzwickter Schatz in Schriftform erblickte das Tageslicht während der Bahnhof abgerissen wurde. Und das nach 105 Jahren. Ein historisch interessierter Bahnmitarbeiter erkannte den Wert des Fundes sofort und übergab ihn dem Gemeindearchiv.

In einer Mauer in Hard lag 105 Jahre lang ein Geheimnis
Die Briefe wurde noch im alten Bahnhof von Hard entdeckt. Hartinger

Die rund 70 Liebesbriefe, die einst in einer Mauer versteckt wurden, geben tiefe Einblicke in die geheime Liebesbeziehung zwischen A. und W. Die vollständigen Namen wurden auf Wunsch der Familien nur abgekürzt dargestellt. Dank der Zusammenarbeit der Lauteracher Gemeindearchivarin Christine Schurr und der Harder Kunsthistorikerin Dr. Nicole Ohneberg konnten die in Kurrentschrift verfassten Liebesbriefe binnen weniger Monate entschlüsselt und zu einer schlüssigen Geschichte zusammengetragen werden.

Fesselnde Geschichte

Schurr erzählt dazu gegenüber der NEUE: „A. hatte zum Glück eine besonders schöne Handschrift, somit war das Entziffern der Texte leichter als zunächst erwartet.“ Zusätzlich gesteht die Archivarin: „Auch inhaltlich haben mich die Briefe gefesselt. Solch leidenschaftliche Briefe bekommt man selten zu Gesicht, gerade in unserer Zeit.“

In einer Mauer in Hard lag 105 Jahre lang ein Geheimnis
Christine Schurr, Archivarin dr Gemeinde Lauterach, übersetzte die Liebesbriefe. Gemeinde Lauterach

Affäre und Familiendrama

Schauplatz des Geschehens ist das Jahr 1921. A. lebte und arbeitete in Feldkirch, sie war unverheiratet. Ihre restlichen Familienmitglieder leben mit deren Familien in Lauterach. W. arbeitet bei den Österreichischen Bundesbahnen und ist Bahnhofsvorstand in Hard. Er ist verheiratet. Damit beginnt eine Liebesbeziehung, die unter einem unheilvollen Stern stand. A. schwört W. in den zahlreichen Briefen ihre ewige Liebe und trauert dem Umstand nach, dass die beiden nicht zusammen sein können. Sie bezeichnet W. als ihre einzige und wirkliche Liebe und schreibt ihm immer wieder, wie sehr sie ihn vermisst. „… ich möchte zu jenen die mir dagegen sind sagen, nehmet mir alles, sogar mein Leben … nur eines lasset mir, mein Liebstes auf der Welt an das ich hänge, unzertrennlich!“, wird an einer Stelle aus einem der Briefe zitiert.

In einer Mauer in Hard lag 105 Jahre lang ein Geheimnis
Die Briefe wurden in Kurrentschrift verfasst. Gemeindearchiv Lauterach

Doch auch W. hegt starke Gefühle gegenüber A. Neben den Briefen schickt er ihr regelmäßig Blumen und kleine Geschenke. Die beiden unternehmen regelmäßig Ausflüge und verbringen Nächte miteinander. A. beginnt von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen und hält an dem Gedanken fest, dass die beiden zusammen sein könnten, trotz der widrigen Umstände. In ihren Briefen stellt sie sich vor, W. ein gemeinsames Leben zu ermöglichen und für ihn da zu sein.

In einer Mauer in Hard lag 105 Jahre lang ein Geheimnis
Ein Bild von A. um ungefähr 1920. Gemeindearchiv Lauterach

Doch das Glück währt nicht allzu lange. Eines Tages findet der Schwager von A. einen der verbotenen Briefe und stellt sie zur Rede. Die junge Frau muss sich entscheiden, zwischen ihrer Familie und W. Sollte sie sich für W. entscheiden, dürfe sie nicht mehr nach Hause zurückkehren. Zunächst gibt A. sich sehr kämpferisch. Sie ist bereit, die Beziehung zu ihrer Familie zu opfern und sich ein gemeinsames Leben mit W. aufzubauen.

Aussprache zwischen den Frauen

Doch kurz darauf erhält auch die Ehefrau des Geliebten, I., einen der heimlichen Briefe. Vermutlich stammte dieser von einem Arbeitskollegen ihres Mannes, der sie über die Affäre informieren wollte. Die beiden Frauen treffen sich zu einer Aussprache. Diese erschüttert A. offenbar schwer, da ihr bewusst wird, dass sie durch die verbotene Beziehung nicht nur ihre eigene Familie gefährdet, sondern auch das Familienglück von W. So machte I. A. darauf aufmerksam, dass die Kinder von ihr und W. getrennt werden dürften, falls es tatsächlich zu einer Scheidung kommen würde.

Im Herzen geblieben

Nach dieser Aussprache schreibt A. einen ihrer letzten Briefe an W.: „… deshalb glaube ich, müssen wir vorläufig abbrechen …. Das heißt äußerlich abbrechen, im Herzen bleibt es wie bisher für alle Zeiten.“
Aus den Nachforschungen des Archivs geht hervor, dass W. danach offenbar über eine Scheidung nachgedacht hatte. Hier endet der Briefwechsel jedoch abrupt. Aus den Recherchen ergibt sich, dass A. später nach Bozen zog und dort heiratete. Sie versöhnte sich außerdem wieder mit ihrer Geburtsfamilie. Was aus W. wurde, ist bis heute aber noch unbekannt.