Evangeliumkommentar: Leben gewinnen

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Katharina Weiss, Schriftleitung „Dein Wort – Mein Weg“.
Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, er müsse getötet und am dritten Tag auferweckt werden. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen, und sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten. Matthäus 16,21-27
Es scheint, als würde uns mit dem heutigen Text nochmals eine Versuchungserzählung vorgelegt. Am Anfang seines Wirkens wurde Jesus in der Wüste vom Satan in Prüfungen getrieben. Während diese Erprobungen in vollständiger Abgeschiedenheit erfolgten, geht es nun um das praktische Leben und seine Versuchungen. Dazwischen hat Jesus viele Gleichnisse erzählt und Heilungen erwirkt.
Nun spricht Jesus das erste Mal über sein bevorstehendes Ende. Er wird dabei von einem seiner besten Freunde in Versuchung geführt. Petrus geht es darum, Jesu Herrschaftsanspruch durchsetzen zu wollen. Offensichtlich fühlt sich Jesus selbst an seine Prüfungen in der Wüste erinnert: „Tritt hinter mich, du Satan!“.
Gott gab den Menschen in der Schöpfungserzählung den Garten Eden, um diesen zu bearbeiten und zu behüten. Zu diesem Garten haben wir sicher viel im Sinne Gottes beigetragen, aber ebenso ganz viel, was lediglich „die Menschen wollen“. Besonders in diesem Sommer bekommen wir die Folgen unseres Handels zu spüren. Wir leben im Überfluss und in einer Wegwerfgesellschaft. Vieles haben wir und Generationen vor uns dazu beigetragen. Es wurde fleißig gearbeitet, nach dem Krieg ein Land wiederaufgebaut, es wurden strategische Partnerschaften geschlossen, aber es wurde auf Kosten anderer gelebt. Wir Mitteleuropäer verreisen und importieren. Wir können der Welt ganz nahekommen und vieles von der Welt in unsere eigenen vier Wände holen. Im Sinne des heutigen Evangeliums könnte man sagen: Wir haben die Welt gewonnen! Aber wir stellen zudem immer häufiger fest, dass wir dabei unser Leben einbüßen. Einerseits durch die Folgewirkungen unseres Tuns in Fauna und Flora, andererseits aber auch ganz persönlich. Es wird uns zu viel: Sorgearbeit, Beruf, Familie, Hobbys. Wir hetzen mehr durch unser Leben, als dass wir es leben. Der Begriff „work life balance“ ist bereits verschrien und das Verhalten insbesondere der Jungen wird oftmals als faul abgestempelt. Lange Zeit galten die Menschen des Südens als faul. Diesen Sommer hat uns die Hitze selbst in die Knie gezwungen. Faulheit wird auch in der Bibel kritisch gesehen, Erwerbsarbeit ist auch eine Errungenschaft. Es geht um Maß und Ziel. „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?“ Ein alter biblischer Text, mit einer sehr aktuellen Fragestellung.
