Evangeliumkommentar: Was ist gerecht?

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Wilfried M. Blum, Caritas-Seelsorger.
Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was Recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Aufseher: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten. Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte. Matthäus 20,1-16
Hoffentlich regt dieses Evangelium auf! Es trifft den Nerv unseres Verständnisses von Gerechtigkeit. Denn es liegen Welten zwischen unserer und der Gerechtigkeit Gottes. Nach dem Schuldenerlass von der grenzenlosen Güte Gottes am letzten Sonntag stellt sich nun die Grundsatzfrage: Was ist gerecht? Die Jesus-Geschichte bringt uns eher durcheinander, als dass sie uns beruhigt: Erntezeit ist Arbeitszeit und Arbeitslosigkeit war damals schon aktuell. So warten Taglöhner darauf, angeworben zu werden. Ein Denar als Tageslohn wird vereinbart. Der Gutsbesitzer braucht ständig neue Arbeiter – bis zur letzten 11. Stunde (17 Uhr). Dann erfolgt – wie üblich am Abend – die Auszahlung. Alle bekommen das, was mit ihnen vereinbart war. Da kommt es aber zum Eklat: Neid statt Dank für die Arbeit! Es werden Stunden und Belastung verglichen, und nicht an die Vereinbarung gedacht. Alles Übel liegt im Vergleichen! Der Gutsherr reagiert gegenüber den Unzufriedenen scharf. Mein Lieber, mein Freundchen! Ein Wort zwischen Ärger und Wohlwollen! Jetzt geh und verschwinde! „Bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ – ist das Schlusswort des Gutsherrn.
Dieses Evangelium trifft den Nerv – vor allem jener, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Es trifft den Nerv heute genauso. Konkrete Beispiele? Grundlohn für alle: eine alte Vision der Katholischen Sozialakademie Wien basierend auf der christlichen Soziallehre: Jeder Mensch hat ein Recht auf eine finanzielle Basis zum (Über-)Leben. Wer regt sich auf? Die vom Morgen an geschuftet haben. Seit Jahren sind Ausländer und Asylanten bei uns. Neid, Unterstellungen und Verdächtigungen prägen die Diskussionen. Aber keinem geht es bei uns deswegen schlechter oder kann sich weniger leisten. Anderes macht uns ärmer. Kinder sind immer weniger Subjekte mit Wert und Würde, sondern Objekte der Erwachsenen und der Wirtschaft. Wen wundert die rückläufige Geburtenrate? Jesu Programm stellt vieles, das scheinbar normal ist, auf den Kopf. Es setzt Optionen für die Ausgegrenzten (die nur 1Stunde am Tag arbeiten dürfen) und erschüttert die Abgesicherten. Was ist gerecht im Leben? Unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit sind aber nicht immer das, was Gott sich unter Gerechtigkeit vorstellt!
