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„Uns fällt gar nichts Besseres ein“

24.09.2026 • 15:39 Uhr
Die Juristin Anna Schneider: „Die Politik hat sich übernommen, den Mund zu voll genommen, sich moralisch zu stark aufgeladen.“
Die Juristin Anna Schneider meinte: „Die Politik hat sich übernommen, den Mund zu voll genommen, sich moralisch zu stark aufgeladen.“ LässigerPhotography – Philosophicum

Spannende politische Debatten beim Philosophicum in Lech am Dienstag zum Auftakt.

Beim 29. Philosophicum Lech vom 22. bis 27. September stand wohl der große deutsche Philosoph Immanuel Kant Pate. Schrieb er doch in seinem kurzen Text „Was ist Aufklärung“ vom Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Diesjähriges Motto: „Betreutes Denken – Die Lust an der Unmündigkeit“

Waren es bei Immanuel Kant im 18. Jahrhundert noch Bücher, Seelsorger oder Ärzte, die für einen den Verstand, das Gewissen oder die Diät beurteilten, wenn man sich seines eigenen Verstandes nicht bedienen mochte, würden uns heute Apps, Bots und Algorithmen in nahezu allen Fragen des Alltags beraten, anweisen oder gleich ganz die Entscheidung abnehmen, so die Macher des heurigen Philosophicums in Lech.   

Zwei Dialoge am Beginn

Zu Beginn des Philosophicums stehen am Dienstagnachmittag zwei moderierte Dialoge zur Lage der Gegenwart und zur Frage, was ist angesichts der Lage zu tun. Trotz der vielen Krisen weltweit standen die Ergebnisse der letzten drei Landtagswahlen in Deutschland im Zentrum.  

Zum Auftakt des Philosophicums 2026 die politischen Dialoge zur Lage und was zu tun ist.
Zum Auftakt des Philosophicums 2026 die politischen Dialoge zur Lage und was zu tun ist. LässigerPhotography – Philosophicum

Wie ist die Lage?

Unter der Moderation von Martin Haidinger diskutierten der Politologe Claus Leggewie und die deutsche Ethnologin Suanne Schröter. Schröter publizierte mehrere streitbare Publikationen wie „Der neue Kulturkampf“ oder „Links, rechts, islamistisch. Die wahren Feinde der Demokratie“. Trotz der unterschiedlichen politischen Positionen der beiden Diskutierenden gab es einen überwiegenden Konsens zur Lage, nämlich dass sich die politischen Ränder im Aufwind befinden und die politische Mitte „verdunste“. Offenbar nähmen vor allem jüngere Wähler der AfD und der Linken ihre Versprechen ab und fühlten sich von den Parteien der Mitte nicht gesehen – nicht für „voll genommen“, waren sich beide einig. Am Beispiel der Wehrpflichtdebatte zeige sich das, wenn diese Debatte ohne die Jungen geführt werde und nur mehr ein gutes Drittel der jungen Männer in Deutschland bereit sei, das Land militärisch zu verteidigen. Was den Rechtsruck anlange, sei die BRD ein internationaler Nachzügler, konstatierte der Politologe. Schröter erklärte diesen Rechtsruck als Reaktion auf den Linksruck davor. Der sei zwar sinnvoll gewesen für den Feminismus, für Minderheiten und eine Ökologisierung der Gesellschaft, aber er habe auch zu einer Opposition auf der rechten Seite geführt, einer Gegenbewegung zur woken Welle, nannte sie es: „Diese woke Welle hat zu einer ‚Engführung‘ der Debatten geführt mit einem ultimativen Wahrheitsanspruch, was gut und schlecht ist.“ In dieser „binären Ordnung“, wo das einzig moralisch Gute von ihrem Gegenteil klar unterschieden wird, werde das andere ausgegrenzt und führe zu einer Opposition, die sich rechts gebildet habe. Auch Leggewie unterstellte dem Wokismus eine Übertreibung und stellte „in dieser Zeitenwende“ ein Fehlen des deliberativen Diskurses fest, weil die „Wissensordnung“ zerstört werde, in der Fakten und empirische Evidenz zählten. Die Diskursregeln würden nicht mehr gelten, stattdessen werde nur mehr eine Meinung gegen eine andere gestellt und das führe zu einer „autoritären Leugnung der Wahrheit“. Leggewie: „Wir können beide Lager als crazy betrachten, als bedrohlich.“  

Was ist zu tun?

Simone Miller verantwortet im „Deutschlandfunk Kultur“ die Philosophiesendung „Sein und Streit“ und moderierte eine die Diskussion zwischen dem Philosophen Stefan Gosepath aus Berlin und der Journalistin Anna Schneider, Chefreporterin bei der “Welt”. Diese Debatte drehte sich vor allem um die Frage „Was ist der Staat“, welche Freiheit meinen wir und für was tragen wir Verantwortung. Während Schneider für einen „Nachtwächterstaat“ plädierte, der dafür zu sorgen habe, dass die Bürger in Freiheit leben können, sei er zum ultimativen Gegner der Freiheit geworden. Steuern bezeichnete sie als „legalisierten Raub“ durch eine Zwangsgewalt. Verantwortung könne der Einzelne immer nur für das übernehmen, was in seiner persönlichen Macht stehe es zu ändern. Schneider: „Die Politik hat sich übernommen, den Mund zu voll genommen, sich moralisch zu stark aufgeladen, das echte Leben kommt immer wieder dazwischen.“ Der Philosoph, Stefan Gosepath, blieb auffallend ruhig und höflich und versuchte mit „basalen“ Beispielen aus der Praktischen Philosophie den Staat als „wir“ darzustellen und Freiheit und Verantwortung auf eine soziale Ebene zu hieven. Gosepath: „Es gibt keine Alternative zum liberalen Nationalstaat als solidarische Gemeinschaft mit einer Verantwortung füreinander, über diesen Staat hinaus und auch für die Generationen der Zukunft.“ Dazu brauche es einen starken politischen Willen und auch die Überzeugungskraft für eine solidarische Gemeinschaft jenseits der politischen Polarisierung einzutreten. Die Demokratie muss das Wir wieder stark machen. Gosepath: „Uns fällt gar nichts Besseres ein.“

Politologe Claus Leggewie:
Politologe Claus Leggewie: “Beide Lager als crazy betrachten, als bedrohlich.” LässigerPhotography – Philosophicum

Was bleibt?

Diese Dialoge bieten spannende Einblicke in Themen der Zeit, geführt von hochkarätigen und prominenten Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Medien. Interessant sind nicht nur die inhaltlichen Fragen und Themen, sondern auch die Art, wie die Dialoge geführt werden. Immanuel Kant: „Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten.“ Die Dialoge in Lech bieten dazu eine kurzweilige Gelegenheit.

Kurt Bereuter