Campus Väre als Hort für Kreative

Wo früher die Buntweberei der Dornbirner Textilindustrie ihre „Fäden knüpfte“, dürfen sich nun Kreative, Künstler, Sportler und Unternehmer „ausspinnen und vernetzen“ – ein NEUE-Lokalaugenschein mit „Fährfrau“ Bettina Steindl.
Noch ist es in den Hallen der Campus Väre ungewohnt ruhig. Doch der neue Standort auf dem ehemaligen Industrieareal füllt sich zunehmend mit Leben. Die erste Etage der Büroflächen ist bereits vollständig vermietet, insgesamt ist rund jedes dritte Büro vergeben. Auf 12.000 Quadratmetern soll in sechs Hallen ein Ort entstehen, an dem Unternehmen, Kreative, Künstler, Sportler und Institutionen zusammenkommen.

„Ich bin tatsächlich sehr zufrieden. Der Büromietmarkt ist derzeit schwierig, und trotzdem haben wir bereits jede dritte Einheit vermietet. Dabei haben wir noch gar nicht eröffnet und sind noch nicht in der vollen Betriebsamkeit angekommen“, informiert Bettina Steindl, federführende „Fährfrau“ der Campus Väre, im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Aktuell seien noch rund 50 Quadratmeter Bürofläche frei.
Sechs Hallen, eine Idee
Die sechs Hallen haben unterschiedliche Schwerpunkte. Sport, Materialteillager, Büros für kleinere Unternehmen, Industrie, Kunst und Kultur sowie Design sind Teil des Konzepts. Halle 4 soll dabei als Schnittstelle funktionieren. „Wir haben die Campus Väre von Anfang an als Gesamtprojekt mit sechs Hallen und 12.000 Quadratmetern gedacht. Jede Halle hat ihren eigenen Schwerpunkt und Anspruch.“

Die Mischung der Mieter sei bewusst gewählt. Gemeinsam mit der Universität Liechtenstein und der Fachhochschule Vorarlberg wurde das Konzept entwickelt. Auch die Rückmeldungen von rund 70 potenziell interessierten Mietern flossen ein.
„Die Grundlage für die Auswahl der Mieter bilden elf verschiedene Charaktere, die es braucht, damit ein solcher Standort funktioniert. Da braucht es zum Beispiel einen Clown genauso wie einen Zerstörer. Also jemanden, der für gute Laune sorgt, aber genauso jemanden, der immer wieder Dinge infrage stellt. Es braucht den Aufbauenden, den Entrepreneur und viele andere.“

Unterschiedliches Angebot
Von bestehenden privaten Angeboten wie den Muut Offices oder der Gelben Fabrik will sich die Campus Väre bewusst unterscheiden. „Wir wollten auf keinen Fall in Konkurrenz zu bestehenden privaten Angeboten treten. Wir sind kein Coworking-Space. Die öffentliche Hand darf die private Wirtschaft nicht konkurrenzieren.“
Der Mehrwert soll aus der Mischung entstehen. Unternehmen, Künstler und Sportangebote sollen sich gegenseitig ergänzen. Auch Innovationsabteilungen sollen den Standort nutzen können.

„Für jemanden wie Jodok Batlogg, der mit seinem Projekt ‚Here be dragons‘ ist es ein Mehrwert, wenn er hier nicht nur sein Büro hat, sondern auch eigenes Bier brauen, Kurse besuchen oder Padel-Tennis spielen kann. Die Künstler rundherum sind für ihn wahrscheinlich viel wertvoller, als wenn neben ihm ausschließlich andere Unternehmen sitzen würden. Der große Mehrwert liegt im Ganzen.“
Steindl sieht darin auch eine Möglichkeit, jene Generation wieder stärker an Vorarlberg zu binden, die für Studium und Ausbildung das Land verlässt.
„Vorarlberg fehlt manchmal eine ganze Generation. Die Menschen gehen zum Studieren weg und kommen oft erst zurück, wenn sie schon wieder etwas gesettelter sind. Diese zehn Jahre, in denen man wild ist, Dinge ausprobiert und etwas bewegen möchte, fallen häufig weg.“

Kein klassischer Coworking-Space
Das Konzept stößt laut Steindl auch außerhalb Vorarlbergs auf Interesse. Sie verweist auf Beratungen für Städte wie Regensburg, Stuttgart und Wasserburg. Eine wichtige Rolle bei der Umsetzung spielte Architekt Johannes Kaufmann. „Die erste Bauverhandlung hat extrem negativ begonnen. Es war zunächst fast nichts möglich. Johannes hat dann sehr deutlich gemacht, worum es geht: Die Welt ist gebaut, und wir müssen lernen, mit dem Bestand umzugehen.“ Steindl betont, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten würden. Gleichzeitig brauche es bei der Umnutzung bestehender Gebäude aus ihrer Sicht einen pragmatischen Zugang. „Natürlich gibt es Gesetze, an die wir uns halten. Ganz klar. Aber es gibt auch viele Befindlichkeiten, Ängste und zusätzliche Fragen, die man mit Hausverstand hinterfragen kann.“

Öffnung fürs Publikum
Ab 1. Oktober soll der Standort der Bevölkerung präsentiert werden. Zugleich werden Gäste und Delegationen aus Wien, Tirol und Regensburg erwartet.
„Ich sehe die Eröffnung weniger als Feier für uns selbst. Es ist vielmehr ein Dank an all jene, die dieses Projekt ermöglicht haben. Und es ist eine Einladung an die gesamte Bevölkerung.“ Dass öffentliche Gelder in die Campus Väre fließen, sieht Steindl auch als Verpflichtung, den Standort sichtbar zu machen.

Investitionsvolumen
Die Stadt Dornbirn hat mehrere Millionen Euro in die Revitalisierung investiert. Steindl verweist darauf, dass die ursprünglich beschlossenen Kosten reduziert wurden. „Wir hatten ursprünglich einen Stadtratsbeschluss über 5,4 Millionen Euro und haben das Projekt noch einmal um eine halbe Million Euro reduziert.“ Ohne die Investition wäre die Halle ihrer Darstellung nach leer gestanden. „Die Investition war notwendig, um sie wieder in Betrieb zu nehmen.“ Die Mieteinnahmen fließen an die Stadt. Auch beim Ausbau sei bewusst auf eine funktionale und nicht luxuriöse Lösung gesetzt worden.
„Die Campus Väre zeigt für mich auch, wie man günstig, aber nicht billig bauen kann.“ Für Steindl steht dahinter auch eine grundsätzliche Überzeugung über den Umgang mit Krisen und regionaler Entwicklung. „Ich glaube, dass Stillstand oder Nichtinvestieren in einer Krise nichts hilft. Gerade jetzt müssen wir darüber nachdenken, wo wir künftig wirtschaftlich und gesellschaftlich stehen wollen.“
(NEUE am Sonntag)