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“Naturschutz ja, aber wir dürfen nicht den Anschluss verlieren”

08.10.2026 • 14:27 Uhr
"Naturschutz ja, aber wir dürfen nicht den Anschluss verlieren"
Hubert Siller, Fachhochschulprofessor und langjähriger Leiter des MCI Tourismus in Innsbruck und Fachgruppen-Obmann Andreas Gapp auf Besuch in der NEUE-Redaktion. Auf dem Bildschirm sieht man die Anlagen der Oberstdorf Kleinwalsertal Bergbahnen, denen Gapp vorsteht – gestern feierten die Kabinen der Walmendingerhornbahn “Hochzeit”. Hartinger

Seilbahner-Spartenobmann Andreas Gapp und der renommierte Tiroler Tourismusforscher Hubert Siller im Gespräch mit der NEUE über die Zukunft des Wintersports in Vorarlberg.

Die Zukunft des Wintersports entscheidet sich nicht nur auf der Piste. Sie entscheidet sich im Klassenzimmer, am Familientisch, in Naturschutzverfahren, beim Blick auf Tageskartenpreise und in der Frage, ob Kinder überhaupt noch einen Zugang zum Schnee finden.

Keine Panikmache

„Wir stehen alle vor großen Herausforderungen. So zu tun, als wäre alles wunderbar, wäre auch nicht richtig“, sagt Andreas Gapp, Fachgruppenobmann der Vorarlberger Seilbahnen. Klimawandel, steigende Kosten, Verkehr und leistbare Angebote beschäftigen die Branche. 

"Naturschutz ja, aber wir dürfen nicht den Anschluss verlieren"
Andreas Gapp wünscht sich Augenmaß beim Naturschutz. Hartinger

Natürlich sei der Klimawandel unbestritten, Gapp warnt aber vor übertriebener Panikmache in Bezug auf den Wintersport:  „Studien zeigen, dass wir in Vorarlberg auch in den kommenden 30 Jahren unser Kernprodukt Skifahren anbieten können.“ Die technische Beschneiung werde weiter an Bedeutung gewinnen, um Planungssicherheit zu geben.

Beschneiung im Visier

Kritiker sehen darin hohen Energiebedarf, Eingriffe in die Natur und einen künstlich verlängerten Winter. Für die Bergbahnen ist sie Voraussetzung für verlässlichen Betrieb. Gapp verweist auf die Relation: „Natürlich verbraucht künstliche Beschneiung viele Ressourcen, aber ein Schneeerzeuger ist im Schnitt ganze acht Tage pro Saison in Betrieb.“ Die Anlagen liefen nicht dauerhaft, sondern in Kältefenstern.

Auch beim Wasser widerspricht Gapp dem Eindruck, dass dieses der Natur dauerhaft entzogen werde. „In der Regel holt man das Wasser dann in die Speicherteiche, wenn Frühjahrsschmelze ist, und fügt es dann der Natur und den Bergen wieder zu im Winter.“ In trockenen Sommern könne die Wasserinfrastruktur der Bergbahnen zudem der Alpwirtschaft helfen, etwa bei der Versorgung von Tieren auf Alpen.

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Tourismusexperte Hubert Siller aus Tirol. Hartinger

Tourismusexperte Hubert Siller hält technische Entwicklung ebenfalls für unverzichtbar. „Wir sind im vergangenen Winter so lange wie noch nie Ski gefahren, obwohl wir nicht Unmengen an Naturschnee hatten“, sagt er. Dahinter stecke der technologische Fortschritt bei Beschneiung, Beförderung und Komfort. Zugleich bleibe die Frage nach Ressourcenverbrauch legitim. „Die Energiediskussionen, die Wasserdiskussionen werden zunehmen und nicht abnehmen in Zukunft.“

Investition in Schneesicherheit

Ohne Investitionen wird es aus Sicht der Bergbahnen nicht gehen. Laut aktueller Erhebung wurden seit Jahresbeginn rund 76 Millionen Euro investiert. Fast jede zweite Bergbahn investierte 2026 in Seilbahnanlagen und Bahntechnik. 41 Prozent der befragten Betriebe investierten in Infrastruktur und Gebäude, 35 Prozent in Schneesicherheit. „Die Gäste erwarten heute hohe Qualität, Komfort und Verlässlichkeit“, informiert Gapp.

Diese Investitionen haben ihren Preis, der Skisport ist nicht günstig. Tageskarten, Ausrüstung, Skikurse, Unterkunft, Anreise und Verpflegung summieren sich für Familien schnell. Siller sagt: „Ich brauche die Eltern und ich brauche den Zugang und ich brauche die Leistbarkeit.“ Für Kinder könne man gar nicht genug tun, deswegen begrütß er auch die Lösung der Silvretta Montafon. „Die Jahreskarte für Kinder unter zehn Jahren gratis wie im Montafon sollte eigentlich flächendeckend ermöglicht werden.“ Gapp sieht die Preisfrage ebenfalls als zentrales Thema. In Vorarlberg gibt es unterschiedliche Modelle: Tageskarten, Saisonkarten, Verbundkarten, Ganzjahresangebote und im Falle der Silvretta Montafon „Dynamic Pricing“. „Ich verstehe den Wunsch der Kunden nach einer Karte, die alles abdeckt.“ Mit der Ländle-Card gebe es eine, die vieles abdecke, aber nicht alles. Eine landesweite Gesamtlösung bleibe schwierig.

"Naturschutz ja, aber wir dürfen nicht den Anschluss verlieren"
Die beiden Wintersport- und Tourismusexperten im Gespräch mit der NEUE. Hartinger

Beim Dynamic Pricing zeigt sich Gapp zurückhaltend. Für sein eigenes Unternehmen macht er eine klare Aussage: „Wir in Oberstdorf-Kleinwalsertal würden das sicherlich das nicht einführen.“

Deutlich wird Gapp beim Thema Einheimischentarife.  „Wir stehen voll hinter den Bemühungen, die EU-Geoblocking-Verordnung anzupassen“, sagt Gapp. Wer Verkehr, Nadelöhre und Belastungen mittrage, solle auch Vorteile erhalten können. „Gleiches ist gleich zu behandeln und Ungleiches muss dann anders behandelt werden.“

Wie steht es um den Nachwuchs? 

Die Preisfrage ist eng mit der Nachwuchsarbeit verbunden. In der Wintersaison 2025/26 nahmen 193 Schulklassen mit insgesamt 4404 Schülerinnen und Schülern an der Initiative #schifahra teil. 286 Skitage wurden organisiert. 1251 Kinder standen erstmals auf Skiern. Im Winter davor waren es 134 Klassen mit 2692 Kindern. Ein wichtiger Faktor war die Unterstützung für Busanreisen. Dafür standen 2025/26 insgesamt 50.000 Euro zur Verfügung, im Winter davor waren es 25.000 Euro.

Gapp sagt dazu: „Oft scheitert es nicht am Interesse, sondern an ganz praktischen Fragen wie der Anreise. Wenn wir diese Hürden abbauen, kommen deutlich mehr Kinder auf die Ski.“ 

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Gapp würde sich freuen, wenn man in den heimischen Regionen mit mehr Weitblick agieren könnte. Hartinger

Aufsichtspflichten

Ein weiteres Hindernis sind rechtliche und organisatorische Hürden. Aufsichtspflichten, Haftungsfragen und Sicherheitsvorgaben erschweren Schultage auf der Piste. Gapp sagt: „Wir müssen manche Niveaus senken, um Bereitschaften auch wieder zu heben.“ Er sei über jeden Lehrer dankbar, der heute noch mit Kindern Skifahren gehe. Wenn solche Möglichkeiten durch Reglementierungen verloren gingen, dürfe man sich über weniger Gemeinschaft nicht wundern. Siller sagt: „Wintersporttage sind so die letzten Lagerfeuer unserer Gesellschaft.“

Die Herausforderung wächst, weil nicht alle Kinder in Familien aufwachsen, in denen Skifahren dazugehört. Gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund ist der Zugang oft schwieriger. Siller sagt: „In diesen Gruppen gibt es meistens keine  generationenübergreifende Verwurzelung zum Sport.“ Fehle diese Winteraffinität, müsse der Zugang über Schule, Vereine oder Gruppen entstehen. „Wir haben innerhalb der Gruppe der Vorarlberger Seilbahnen das Thema erkannt und das ist bei uns eines der strategischen Themen, das wir bearbeiten wollen.“ Ergebnisse gebe es noch nicht. Klar sei aber: „Unsere Bevölkerung verändert sich und wir müssen auf diese Veränderung auch dementsprechend eingehen.“

"Naturschutz ja, aber wir dürfen nicht den Anschluss verlieren"
Kinder müssten laut Siller bis zehn Jahre sowieso gratis fahren dürften, ähnlich wie beim Modell der Silvretta Montafon. Hartinger

Emotion als Zugang

Entscheidend für die Zukunft des Skisports sei „Emotionalisierung“.  „Jugendgerecht heißt nicht nur, die Piste gerade runter.“ Fun-Tracks, Wellenbahnen, thematische Angebote und Familienbereiche seien wichtig. Gapp sieht das ähnlich. „Skifahren bleibt das Kernprodukt. Aber speziell bei jungen Menschen müssen wir das Erlebnis rundherum mitdenken, wenn wir langfristig Begeisterung schaffen wollen.“

Eine besondere Rolle spielen kleine Skigebiete. Sie liegen oft näher bei den Wohnorten, sind überschaubarer und bieten einen einfacheren Einstieg. In der Aussendung hebt Gapp die Weiterführung von Schetteregg hervor. „Umso mehr freut es uns, dass das Skigebiet Schetteregg weitergeführt wird.“ Klein- und Kleinstskigebiete seien wichtig, weil sie einen unkomplizierten und vergleichsweise kostengünstigen Einstieg ermöglichen.

Naturschutz und Augenmaß

Im Hintergrund steht auch die Debatte um Naturschutz und Genehmigungen. Gapp formuliert dazu einen grundsätzlichen Anspruch: „Ganz generell glaube ich, müssen wir unsere Gesellschaft vom Verhindwern zum Ermöglichen wechseln.“ 

So sehe er auch die Diskussion um das Naturschutzgesetz. Europa, Österreich und Vorarlberg bräuchten diesen Zugang, „um den Anschluss an die Weltwirtschaft nicht zu verlieren.“ Hoffentlich mit Augenmaß.

Über die Fachgruppe der Seilbahnen Vorarlberg

Die Fachgruppe der Seilbahnen Vorarlberg vertritt die Interessen von 68 Mitgliedern und 32 Skigebieten. Vorarlbergweit sind 246 Bahnen und Lifte in Betrieb, die insgesamt rund 1000 Pistenkilometer bedienen.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)