Furioser Auftritt: Nicolò Balducci begeisterte in Götzis

Mit halsbrecherischen Koloraturen, großer Bühnenpräsenz und viel Charme riss Nicolò Balducci das Publikum mit. Besonders in den lyrischen Arien zeigte der Sänger, dass hinter der technischen Brillanz auch große Ausdruckskraft steckt.
Vor drei Jahren wirbelte in Götzis mit „Farinelli furioso“ ein junger schlaksiger Italiener mit halsbrecherischen Sopranarien über die Bühne und eroberte Musiker wie Publikum im Sturm. Inzwischen ist Nicolò Balducci ein Weltstar, der auf allen renommierten Festspielen Alter Musik Hauptrollen singt, drei Solo-CDs vorgelegt hat und eine sehr aktive Medienpräsenz pflegt. Er verfügt über ein auffallend schönes, trotz der Höhe körperhaftes Timbre, ausgereifte Technik und perfekte Diktion, enorme dynamische Bandbreite und vor allem eine unwiderstehliche Bühnenpräsenz. Sein kometenhafter Aufstieg ist kein Wunder – aber er ist, wie er seinem Publikum sehr charmant auf Deutsch versicherte, immer noch die gleiche Person.

Der Wiederkehrer
Und natürlich kommt er wieder! – Diesmal kam „Nicolò furioso“ mit einem Programm, das nur aus Vertonungen des sehr populären „Orlando Furioso“-Stoffs bestand, unter anderem mit Arien von Vivaldi und Händel. Diese schrieben den Stars ihrer Zeit, den Kastraten, maßgeschneiderte Arien in die koloraturgeübten geläufigen Gurgeln, und Balducci hatte auch drei solcher Kabinettstückchen dabei, ein viertes, Riccardo Broschis „Son qual nave agitata“, gab er als zweite Zugabe. Und weil man ja keinerlei technische Probleme hat, kann man auch den Humor in dieser aberwitzigen Akrobatik feiern, mitrocken und -wippen, in jedem Da-Capo-Teil noch ein paar dazufügen – und bei alledem über die Bühne stolzieren wie einst Freddie Mercury und obendrein noch mit Publikum und Mitmusikern flirten.
Furios und verspielt
Und doch waren die lyrischen Arien mit ihren endlosen Legato-Linien die Höhepunkte. In Vivaldis „Sol da te, mio dolce amore“ schmachtete „Ruggiero“ nicht seine Bradamante, sondern die Traversflötistin Angelika Gallez an, und in Händels „Credete al mio dolore“ gesellte sich „Morgana“ zu Ensembleleiter und Cello-Solisten Thomas Platzgummer. Vielleicht der Höhepunkt des Konzerts war Händels „Scherza infida“ gleich zu Beginn. Zu liegenden Streichertönen und wundervoll gedehnten Fagott-Vorhalten stolperte der Solist von hinten auf ein schmales Podest inmitten des Orchesters und begann, halb liegend, Ariodantes berühmtes Lamento; binnen Sekunden hatte er das Publikum in der Hand.

Lyrische Höhepunkte
Zu so viel Vokalbrillanz gesellte sich die entsprechende instrumentale Unterstützung; oft haben die Geigen die gleichen stupenden „Reißverschlüsse“, gehen aber an anderen Stellen diskret zurück, so dass das farbenreiche Theorben-Continuo (Thomas Boysen) hervortritt. Die Stella-Matutina-Blechbläser beherrschen Trompete und Horn, herrlich knatternd in Händels Jagd-Arie „Sta nell’ircana“. Zwei französische Orchestersuiten von zwei italienischen Komponisten (Lully und Steffani) boten grandiose, farbenreiche Musik mit zwei prachtvollen Chaconnes.
Ovationen zum Schluss
Es gab am Ende stehende Ovationen und zwei Zugaben: darunter eine Tarantella aus der süditalienischen Heimat eines jungen Sängers, der dem heutigen Publikum den damaligen Kastraten-Hype nachvollziehbar macht.
Christine Jakobi-Mirwald