Jugendkriminalität: Was Sozialarbeiter hinter den Zahlen sehen

In Vorarlberg hat sich die Zahl tatverdächtiger Kinder seit 2016 mehr als verdoppelt. Sozialarbeiter Christian Haidinger kennt viele ihrer Geschichten. Seine Erfahrungen zeigen, warum die Debatte über härtere Strafen zu kurz greifen könnte.
Jähzornig, heftig, mitunter sogar gefährlich: Das Bild von einer Jugend, die sich vom Zorn mitreißen lässt, ist alt. Schon Aristoteles beschrieb junge Menschen in seiner „Rhetorik“ als leidenschaftlich, hitzköpfig und impulsiv. Ob solche Zuschreibungen die heutige Entwicklung der Jugendkriminalität in Vorarlberg treffen, muss sich an aktuellen Zahlen messen lassen.
Die Polizeiliche Anzeigenstatistik 2025 weist für Vorarlberg 498 ausgeforschte Tatverdächtige im Alter von 10 bis unter 14 Jahren aus. 2016 waren es 225 – die Zahl hat sich damit mehr als verdoppelt.

Frage nach Unterstützung
Christian Haidinger erlebt die Fälle im Beratungsalltag. Der Sozialarbeiter leitet das Projekt „Spurwechsel“ gemeinsam mit der Jugendberatung. Das Angebot begleitet seit zwei Jahren junge Menschen in Dornbirn, die wegen Drogenkonsums, Diebstahls, eines Einbruchs oder Körperverletzung mit Behörden in Kontakt kommen. „Die Delikte an sich haben sich nicht geändert“, sagt Haidinger. Verändert habe sich aber, wie viel Unterstützung den Jugendlichen im Umfeld zur Verfügung stehe.
Eltern müssten häufig mehr arbeiten und könnten nicht immer zu einer Einvernahme mitkommen beziehungsweise sich dafür freinehmen. „Spurwechsel“ kann Jugendliche begleiten und ihnen erklären, welche Rechte und Pflichten sie haben.

Haidinger will dabei weder Fehlverhalten verharmlosen noch eine Strafe um jeden Preis verhindern. „Das Ziel dahinter ist nie, dass sie straffrei wegkommen.“ Jugendliche sollten aus dem Geschehen lernen, sagt er, ohne dass ihnen wegen eines geringfügigen Delikts gleich der ganze weitere Lebensweg verbaut werde.
Vielfältige Gründe
Die Auslöser seien unterschiedlich. Manche Jugendliche handelten aus Verzweiflung, weil ihnen Geld fehle. Andere denken im entscheidenden Moment nicht an die Folgen. „Ab und zu ist es einfach der Gruppendruck oder sie haben mal eine Minute nicht nachgedacht“, sagt Haidinger. Gerade bei Jüngeren sei der Blick auf spätere Konsequenzen noch nicht immer ausgeprägt. Die meisten Jugendlichen, die zu „Spurwechsel“ kommen, seien zwischen 14 und 18 Jahre alt; vereinzelt gebe es jüngere oder ältere.
Viele Fälle beträfen nach seiner Schilderung eher kleinere Delikte. Für schwere Fälle seien andere Angebote zuständig, wie beispielsweise der Verein Neutstart. „Spurwechsel“ wolle früher ansetzen.
Schlechtes Gewissen
Die meisten Jugendlichen meldeten sich selbst, berichtet Haidinger. Auch Eltern kämen auf das Team zu, manchmal schon dann, wenn sie befürchteten, ihr Kind könnte in Schwierigkeiten geraten. Jugendliche würden außerdem von anderen Einrichtungen vermittelt.
Über die Polizei kämen bislang weniger Fälle als ursprünglich erhofft. Entscheidend sei aber, dass die jungen Menschen das Angebot annehmen wollen: „Das ist bei uns das oberste Ding, das ist Freiwilligkeit.“ Auch Eltern dürften beim ersten Gespräch dabei sein.

Vor diesem Hintergrund hält Haidinger wenig davon, die Strafmündigkeit auf ein jüngeres Alter zu senken. In dem Moment, in dem etwas passiere, überlegten viele Kinder nicht, welche Strafe später drohen könnte. Eine höhere Strafdrohung allein ändere an diesem Verhalten seiner Ansicht nach wenig. „Ich glaube, dass der Ansatz da nicht ist, früher strafen, sondern früher helfen.“ Das bedeute mehr Begleitung für Jugendliche und Entlastung für ihre Familien.
Wenig Zeit
Haidinger verweist auch auf fehlende Ansprechpersonen, weniger Personal im Sozialbereich und Eltern, die wegen langer Arbeitszeiten seltener verfügbar seien. Teurer Wohnraum spiele zusätzlich eine Rolle: In kleinen Wohnungen fehle Kindern oft ein Rückzugsort, sodass sie viel Zeit draußen verbrächten. Das seien keine Entschuldigungen für Straftaten, sagt Haidinger, aber Faktoren, die bei der Prävention berücksichtigt werden müssten. Er wünscht sich mehr Personal in sozialen Projekten, eine stärkere Schulsozialarbeit und leicht erreichbare Anlaufstellen für Familien, die ohne lange bürokratische Wege Unterstützung brauchen. Deshalb wird „Spurwechsel“ nun auch auf ganz Vorarlberg weiter ausgerollt, um in Zukunft mehr Jugendliche zu erreichen.
Gutmachung
Was nach einer Tat folgt, soll laut dem Sozialarbeiter für Jugendliche greifbar machen, dass ihr Handeln andere Menschen betrifft. Dabei geht es um Wiedergutmachung: Manche Jugendliche kämen mit schlechtem Gewissen zu „Spurwechsel“, auch wenn sie nicht erwischt worden seien. Sie könnten nicht mehr schlafen und wollten den Schaden in Ordnung bringen. Das Team suche dann gemeinsam mit ihnen den Weg zum Geschäft, zur Hauswand oder zu den Betroffenen, um eine Entschuldigung, eine Reparatur oder einen anderen konkreten Ausgleich zu ermöglichen.
Haidinger beschreibt den Schritt so: „Dann geht man halt zu dem Geschäft oder zu der Hauswand, wo sie vielleicht angemalt haben und schaut, wie man das richten kann.“
Ins Auto eingebrochen
Eine Person, bei welcher der Schaden wohl nicht mehr behoben wird, ist Linda* aus Vorarlberg. Bei ihr daheim wurde mitten in der Nacht ins Auto eingebrochen. Dabei wurde Geld sowie auch Wertgegenstände gestohlen. Der Schaden belief sich auf mehrere tausend Euro.

Als die psychosoziale Beraterin den Fall bei der Polizei meldete wurde ihr nach kurzer Ermittlung mitgeteilt, dass der Täter bereits amtsbekannt sei und es wohl keine Möglichkeit der rechtlichen Verfolgung gäbe. Linda fing darauf an selbst zu recherchieren und fand heraus, dass der Dieb unter 14 Jahre alt ist und keine Familie habe. Die persönliche Geschichte des minderjährigen Straftäters ist tragisch, entschuldigt für Linda aber nicht die Straftaten, die dem Jugendlichen zur Last gelegt werden.
Gegenüber der NEUE erklärt Linda: „Das Erlebnis hat mich persönlich betroffen gemacht, weil ich gemerkt habe, wie jung manche Täter eigentlich noch sind und gleichzeitig wie gravierend das Verhalten sein kann. Für mich war wichtig, die Tat klar zu benennen und nicht zu verharmlosen, aber trotzdem zwischen der Handlung und dem jungen Menschen und seiner persönlichen Geschichte dahinter zu unterscheiden. Im Umgang damit habe ich gesehen, wie wichtig frühe Prävention ist.“
Würde das Problem nicht lösen
Auch ihre Meinung zu der Herabsetzung der Strafmündigkeit hat sich bei Linda seit dem Einbruch nicht geändert: „Die Diskussion über eine Herabsetzung der Strafmündigkeit verstehe ich, besonders wenn schwere Vorfälle passieren und die Betroffenheit in der Bevölkerung groß ist. Dennoch glaube ich, dass man sehr vorsichtig sein muss. Eine niedrigere Strafmündigkeit allein wird die grundlegenden Ursachen von Jugendkriminalität meiner Meinung nach nicht lösen.“
*Name von der Redaktion geändert.