Evangeliumkommentar: Was wäre, wenn …

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Brigitte Knünz, Mitglied des Werkes der Frohbotschaft Batschuns.
Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das Zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Matthäus 22,34-40
So schlicht kommen die Worte daher, die – ernst genommen und gelebt – die Welt retten können. Und wir ahnen es: So einfach es klingt, so schwierig ist für uns Menschen die Umsetzung. Zum zweiten Teil des Liebesgebotes passt mein Erlebnis vor einigen Tagen im Bus von der Arbeit nach Hause auf einer sehr engen, viel befahrenen Straße. Auf einmal standen sich Bus und Gegenverkehr gegenüber und nichts ging mehr. Die Fahrer beider Richtungen haben zu spät an einer Ausweiche gewartet und jetzt stand der Verkehr. Der Busfahrer fühlte sich im Recht, dass er nicht zurückfahren muss, zwei Lenker des Gegenverkehrs wohl ebenso. Diese stiegen hintereinander aus ihrem Auto aus, kamen zum Buschauffeur und beschimpften ihn übel. Der vermutlich noch unerfahrene Chauffeur schien ziemlich verzweifelt und bat schließlich jemand von den Fahrgästen, ob man ihm zum Rückwärtsfahren den Weg weisen könnte, was ein Mann dann auch gleich tat. Der Fahrer stellte zurück bis zur Ausweiche und die inzwischen lange entgegenkommende Kolonne konnte vorbeifahren – leider nicht, ohne dass der Busfahrer aus mehreren offenen Autofenstern erneut beschimpft wurde. Wie anders hätte diese Episode ausgehen können, wäre ein wenig mehr Liebe im Spiel gewesen? Wenn der entgegenstehende Autolenker angeboten hätte, dem Buslenker zum Rückwärtsfahren den Weg hinten zu lotsen? Wenn nach geglücktem Ausweichen ein Daumenhoch aus den folgenden Autos gekommen wäre? „Den Nächsten lieben wie sich selbst“ setzt Mitgefühl voraus: Wie würde es mir in dieser Situation gehen? Was würde mir jetzt helfen? Ein kollegiales „Komm, das schaffen wir gemeinsam“ oder ein abschätziges „Lass deinen Job, wenn du es nicht kannst“?
Der erste Teil des Doppelgebots kann uns da helfen. Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Denken Gott zu lieben, heißt für mich eine Lebenshaltung einzunehmen, die die Antwort ist auf das selbst-geliebt-Werden von einer höheren Macht. So wie ich Gutes erfahren habe und erfahre, so möchte ich es auch zurückgeben durch mein Handeln.
Der heilige Augustinus hat eine wunderbare Kurzformel geprägt: „Liebe und tu was du willst“. Wenn ich jede/n und alles mit liebenden Augen betrachte, dann sehe ich zuerst das Gute oder das Verletzte in diesem Menschen und nicht seine Fehler. Und das beginnt bei mir selbst: Kann ich mich mit liebenden Augen anschauen, die weder an der Figur herumnörgeln noch sagen, dass ich viel besser, schöner, klüger als die anderen bin? Die einfach sagen: So wie ich bin, bin ich ok. Denn dann gelingt es mir auch viel besser, die anderen ok sein zu lassen. Warum aber sollte ich das überhaupt tun? Weil ich bereits geliebt werde. Weil das Leben so leichter und schöner wird. Weil das der Weg zum guten Leben ist. Für alle. Für diese Welt. Kann das Liebesgebot wirklich der Schlüssel für die Rettung der Welt sein? Ich glaube ja.
