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Er schlachtete Hunde und half Armen in Lustenau

06.11.2026 • 11:35 Uhr
Er schlachtete Hunde und half Armen in Lustenau
Ernst Hagen wohnte im Ammannhaus im Lustenau. Das Bild unten zeigt ihn bei der Schlachtung eines Schweines. G. Grabher/VN

Hexenprozesse, Skandale und verdrängte Kapitel der Regionalgeschichte: Ein neuer Podcast blickt auf Vorarlbergs Schattenseiten. Die erste Folge führt zu einem umstrittenen Mann aus Lustenau.

Bis unter die Decke reichen die Regale. In den Bänden stecken Nachrichten, Kommentare und Anzeigen aus mehr als einem Jahrhundert Vorarlberger Geschichte. Der Einmarsch der Nationalsozialisten, politische Umbrüche, Alltagsgeschichten, zuletzt die Covid-Pandemie: Was die Menschen hier bewegte, begeisterte oder entsetzte, hat Spuren auf Papier hinterlassen. Zwischen diesen Zeitungen entsteht ein neues Format. Der passende Ort dafür ist das Archiv von Russmedia – ein Raum, in dem die Vergangenheit nicht weit weg wirkt, sondern greifbar wird.

Er schlachtete Hunde und half Armen in Lustenau
“ Im Zwielicht“ ist ein neuer Podcast der NEUE am Sonntag. Pitrof

Dunkle Ecken

„Podcast im Zwielicht“ widmet sich künftig den nicht ganz so sauberen Geschichten aus Vorarlberg und der Umgebung. Es geht um Fälle, die verstören, aufwühlen oder bis heute Fragen offenlassen: den Flugzeugabsturz von Überlingen, den Skandal um das Jugendheim Jagdberg, Neonazi-Bewegungen oder Hexenprozesse. Die Themen reichen weit zurück und bis in die jüngere Zeit.
Gemeinsam ist ihnen, dass sie einen Blick auf die Schattenseiten der regionalen Geschichte erlauben und darauf, wie eine Gesellschaft mit ihnen umgeht.

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Egal ob Schwein oder Hund

Die erste Folge führt nach Lustenau. Im Mittelpunkt steht Ernst Hagen, der als „Hundemetzger“ bekannt wurde. Hagen lebte von 1939 bis 2009, arbeitete als Gemeindebediensteter, Landwirt und schlachtete auf seinem Grundstück Hunde und Katzen. Die Tiere brachten ihm ihre Halter, wenn sie alt, aggressiv oder lästig geworden waren. Hagen selbst soll sie nicht gefangen haben. In seinem Heimatort war er wohlgelitten; außerhalb Lustenaus wurde seine Tätigkeit zum Skandal

Er schlachtete Hunde und half Armen in Lustenau
Ein Artikel aus 1997. Pitrof

Die Geschichte berührt eine Frage, die weit über Lustenau hinausgeht: Warum gelten manche Tiere als Familienmitglieder, andere als Lebensmittel? Für Hagen schien diese Grenze kaum eine Rolle zu spielen. Er habe erklärt, die Tiere rasch und schmerzlos zu töten, bevor sie ausgesetzt würden. Anfang der 1980er-Jahre seien fast täglich Tiere zu ihm gekommen. Als 1992 ein Bericht im „Kurier“ erschien, sei es nur noch etwa eines alle zwei Wochen gewesen.

Andere Zeiten

Das hatte auch mit dem damaligen Umgang mit Haustieren zu tun. Katzen wurden seltener kastriert, die unkontrollierte Vermehrung war verbreitet. Wer ein Tier nicht behalten wollte, konnte es zu Hagen bringen. Seine Arbeit galt für manche offenbar als pragmatische Lösung – auch wenn sie heute befremdlich wirkt. Verwertet wurde möglichst alles. Neben dem Fleisch fanden auch Fett und Fell Verwendung. Hundefett galt als Hausmittel gegen Husten, ein Hundefell im Auto sollte Marder von den Schläuchen im Motorraum fernhalten. Das Fleisch aß Hagen selbst oder verfütterte es an seine Tiere.

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Die Praktiken des Hundemetzgers wurden auch im Landtag diskutiert. Pitrof.

Politikum

1997 hielt Landesrat Erich Schwärzler in einer Antwort an den damaligen FPÖ-Klubobmann Siegfried Neyer fest, es sei nicht nachweislich in Verkehr gebracht worden. Die Behörden hätten in den bekannten Einzelfällen keine strafbaren Tatbestände festgestellt. Die Anfrage im Vorarlberger Landtag war Teil einer größeren Debatte. Neyer bezog sich auf einen Bericht, der von mindestens drei weiteren Hundemetzgern in Vorarlberg geschrieben hatte. Schwärzler sprach dagegen von zwei bekannten Einzelfällen und betonte, das Schlachten von Hunden und Katzen sei keine landesübliche Praxis. Es ging um Tierschutz, um die unterschiedliche Bewertung von Haus- und Nutztieren – und auch um den Ruf Vorarlbergs. Ein Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit war ein rund achtminütiger Beitrag der ProSieben-Sendung „taff“. Sein wertender Einstieg stellte Hagen als Gegenbild zu „wahren Tierfreunden“ dar. Aus einem lokalen Betrieb wurde so ein Fall, über den weit über Vorarlberg hinaus berichtet wurde. Auf die Aufmerksamkeit folgten Drohungen und Anfeindungen.

Er schlachtete Hunde und half Armen in Lustenau
Das Zeitungsarchiv reicht über 150 Jahre zurück. Pitrof

In der Gemeinde gemocht

Doch das Bild des Hundemetzgers war nicht das Einzige, das in Lustenau überliefert wurde. Hagen habe Armen und Obdachlosen geholfen und Menschen in seinem Haus Unterkunft geboten. So steht neben dem Mann, der Hunde und Katzen schlachtete, die Erinnerung an einen hilfsbereiten Nachbarn. Sarah Karina Schäfer legt auch ihre eigene Unsicherheit offen: Sie isst selbst Fleisch, kann sich aber nicht vorstellen, eine Katze zu schlachten. Eine einfache Antwort darauf, wie Hagen zu beurteilen ist, gibt es nicht. Gerade solche Widersprüche machen alte Zeitungsseiten interessant. Sie zeigen, worüber öffentlich gestritten wurde, was Empörung auslöste und was lange als selbstverständlich galt. Wer die Berichte liest, begegnet nicht nur der Vergangenheit, sondern auch den Maßstäben, mit denen sie beurteilt wurde.