Evangeliumkommentar: Ein Leben im Licht des Evangeliums

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Tabea Lenz, katholische Religionslehrerin.
Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen mit ihren Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber erscholl der Ruf: Siehe, der Bräutigam! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus! Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es nicht für uns und für euch; geht lieber zu den Händlern und kauft es euch! Während sie noch unterwegs waren, um es zu kaufen, kam der Bräutigam. Die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen und sprach: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. Matthäus 25,1-13
Zu Beginn dieses Evangeliums ist eine Begeisterung spürbar, die die zehn Jungfrauen dem Bräutigam entgegenbringen. Auch wir erleben immer wieder Momente in unserem Leben, die von Faszination geprägt werden. Zeiten, in denen wir für etwas brennen und Vorfreude unser Handeln bestimmt. Im Gleichnis folgt auf diese Motivation eine Phase der Ernüchterung, als der Bräutigam auf sich warten lässt. Aufgrund dieser Verzögerung schlafen alle zehn Jungfrauen – die klugen wie die törichten – ein. Auch wir verlieren manchmal die Begeisterung für das, was uns eben noch wichtig war. Wir werden müde, sehen keinen Sinn mehr oder müssen nach einem Schicksalsschlag, einem Verlust oder einer Enttäuschung unser Leben neu ausrichten. Doch diese Müdigkeit ist kein Versagen. Niemand kann immer aufmerksam, zuversichtlich und voller Tatkraft sein. Es gibt Zeiten, in denen wir nur warten und aushalten können.
Mitten in der Nacht kommt Bewegung in die Geschichte: Der Bräutigam ist da. Jetzt zeigt sich der Unterschied, denn fünf Jungfrauen haben Öl dabei und können ihre Lampen vorbereiten. Die anderen haben keines mehr, ihre Lampen haben das vorrätige Öl aufgebraucht. Dabei ist im Gleichnis nicht das Einschlafen entscheidend, sondern die Frage, ob etwas vorhanden ist, das die Flamme wieder zum Brennen bringen kann. Was ist mein Öl, das mein Licht vor dem Ausgehen bewahrt? Vielleicht die Familie, der Glaube, die Natur, der Beruf oder eine ehrenamtliche Tätigkeit? Wir alle brauchen etwas, das uns am Leben hält und uns Kraft und Zuversicht für die Zukunft spendet. Darum müssen wir uns kümmern. Andere Menschen können uns begleiten und unterstützen, aber sie können uns letztlich unsere Entscheidungen nicht abnehmen. An bestimmten Stellen des Lebens sind wir selbst gefragt.
Eine Kraftquelle liegt in unseren schöpferischen Gaben. Gott hat jedem Menschen eigene Fähigkeiten geschenkt. Wenn wir ihnen Raum geben, können Lebensfreude, Zuversicht und die Beziehung zu Gott wachsen. Unsere Gaben zu pflegen bedeutet deshalb auch, die Hoffnung wachzuhalten. Dabei müssen wir unsere Fehler und Unsicherheiten nicht überspielen – stattdessen dürfen wir sie guten Gewissens Gott anvertrauen. So bereiten wir uns darauf vor, dass unser Leben bei Gott nicht ins Leere führt, sondern seine Vollendung findet – wie bei einem Fest, zu dem wir eingeladen sind.
