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Corona und die Generationenfrage

06.06.2020 • 18:51 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Generationenfrage wird die Gesellschaft noch länger beschäftigen.                     <span class="copyright">Shutterstock</span>
Die Generationenfrage wird die Gesellschaft noch länger beschäftigen. Shutterstock

Die Jungen zahlen für den Schutz der Alten. Aber ist das wirklich so?

Mit Ende Mai waren beim AMS Vorarlberg 2444 Jugendliche unter 25 Jahren als arbeitslos vorgemerkt. Das sind fast doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Arbeitslosigkeit, ein abgesagter Start ins Berufsleben, Milliardenpakete, die irgendwann bezahlt werden müssen – die Jungen trifft die Corona-Krise wirtschaftlich hart. Medizinisch sind sie allerdings kaum schwer betroffen. Ältere Menschen müssen geschützt werden, so die Prämisse, unter der die strengen Corona-Maßnahmen verordnet wurden. Und es ist in der Tat diese Altersgruppe, die durch Covid-19 besonders gefährdet ist. Ökonomisch tangiert es sie allerdings in geringem Maß.

Gutes Zeichen

Dass vom Bundeskanzler anfangs gesagt wurde, dass es um den Schutz und die Solidarität mit älteren Menschen geht, hat der Psychiater und ehemalige Primar Reinhard Haller als gutes Zeichen empfunden. „Weil diese immer mehr an den Rand gedrängt und als Kostenfaktor empfunden werden“, sagt er. Allerdings habe sich später gezeigt, dass ältere Menschen von den Restriktionen am meisten getroffen wurden, weil sie teilweise weggesperrt wurden, sagt er. Vereinsamung, die schon vor Corona ein Problem war, sei noch stärker zum Tragen gekommen..

Die älteren Menschen wurden von den Corona-Maßnahmen am meisten getroffen

Reinhard Haller, Psychiater

Keine Belege

Es wird von einem Einfluss von Corona auf die Beziehungen zwischen den Es wird von einem Einfluss von Corona auf die Beziehungen zwischen den Generationen ausgegangen, stellt dazu die Soziologin Erika Geser-Engleitner von der Fachhochschule Vorarlberg fest. Empirische Ergebnisse dazu gebe es bis dato aber nicht, betont die FH-Professorin. Ein Argument für diesbezüglich negative Auswirkungen könne aber sein, dass Junge das Gefühl haben, „Opfer“ für die Alten zu bringen und der Meinung sind, den Preis für die Schutzmaßnahmen tragen zu müssen. Auf der anderen Seite würden sich Ältere bevormundet, stereotypisiert und etikettiert fühlen. Teilweise hätten die Älteren ein schlechtes Gewissen, beschreibt Haller Erfahrungen aus seinem persönlichen Umfeld. Viele seien aber überrascht und erfreut über die vorhandene Solidarität.

Regeln befolgt

Kritisch sieht diese vielzitierte Solidarität die freischaffende Sozialwissenschaftlerin Eva Häfele. „Der Solidaritätsgedanke geht nicht über die eigene Familie hinaus“, so ihre Einschätzung. Größtenteils seien einfach innerhalb der Familie und im Freundeskreis die Regeln befolgt worden. Empirisch belegen lasse sich diese Solidarität nicht, sagt auch Geser-Engleitner. Und sie macht diesbezüglich auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: Nachdem zu Beginn eine Riesenverunsicherung und eine Art Schockstarre vorhanden gewesen seien, war das Einkaufen für die Nachbarin auch ein erster Schritt, um wieder ins Tun, ins Handeln zu kommen. „Im Prinzip macht man das für sich selber. Wenn man jemandem hilft, hat man ein gutes Gefühl.“

Die Generationendebatte ist nicht neu.                                              <span class="copyright">Shutterstock</span>
Die Generationendebatte ist nicht neu. Shutterstock

eu ist die Generationendebatte allerdings nicht. Durch die Corona-Krise dürfte sie aber eine Zuspitzung und Verschärfung erfahren haben. Eine Reaktion auf eine immer komplexere und unüberschaubarere Welt sei eine Simplifizierung, so die Soziologin. So gesehen mache es das Ganze einfacher, wenn man die „Schuldigen“, in diesem Fall die Älteren, benennen kann. Die Frage wird aber sein, können wir uns den Sozialstaat noch leisten, sagt Geser-Engleitner. Und: „Wenn es eng wird, müssen Entscheidungen getroffen werden.“

Ähnlich sieht das der Soziologe Simon Burtscher-Mathis. Der „Aushandlungsprozess“ zwischen den Generationen stehe seit Jahren aus, meint er. Die Kosten im Sozialbereich würden vor allem aufgrund des steigenden Pflegebedarfs – ein Resultat der demografischen Entwicklung – permanent steigen, Investitionen in Kinder und Jugendliche hingegen nicht entsprechend wachsen, so Burscher-Mathis, der auch Mitglied der Geschäftsleitung des Vorarl­berger Kinderdorfs ist.

Neuverteilung

Die derzeitige Solidarität sieht auch Burtscher-Mathis vor allem auf die eigene Familie bezogen – und „es ist leicht solidarisch zu sein, so lange alle gleich betroffen sind“. Problematisch werde es dann, wenn es um eine Neuverteilung der Ressourcen gehe: „Dann will jeder das größte Stück vom Kuchen.“ Und da hätten Kinder und Jugendliche schon aufgrund ihrer geringeren Anzahl und Lobby strukturell die schlechteren Karten. Seiner Erfahrung nach hat die aktuelle Krise Frauen und Kinder in ihrer Alltagsstruktur mehr getroffen als ältere Menschen. Wobei auch letztere nicht immer glücklich damit seien, dass Jüngere „auf ihre Kosten“ Einschränkungen erleben und das so argumentiert wird, sagt Burtscher-Mathis.

Derzeit gebe es in der Gesellschaft Konsens darüber, dass jedes Leben gleich viel wert ist, erläutert Geser-Engleitner, aber wenn die Ressourcen weniger werden, passiere ein Verdrängungsprozess. So weit sei unsere Gesellschaft ethisch aber noch nicht. Es bleibe aber die Frage, wie man mit der steigenden Anzahl an älteren Menschen umgeht, aber auch was mit Älteren passiert, wie es denen geht.

Der ‚Aushandlungsprozess‘ zwischen den Generationen steht aus

Simon Burtscher-Mathis, Soziologe

Ungleichheit

Für die Soziologin stellt sich auch die Frage, ob die Corona-Krise wirklich ein Generationenproblem ist oder nicht vielmehr eines, das mit der steigenden sozialen Ungleichheit zu tun hat. So hätten Ärmere – unabhängig vom Alter – die Auswirkungen der Maßnahmen viel stärker gespürt. Beengte Wohnverhältnisse, fehlende technische Ausstattung oder auch vermehrte Kündigungen in bisher schon prekären Beschäftigunsgverhältnissen sind einige der Argumente dafür. Für Burtscher-Mathis ist die soziale Ungleichheit in der Krise sogar gestiegen.

Man könne sicher nicht pauschal sagen, dass alle Jungen leiden, sagt Häfele, wobei es viele sicher nicht leicht hätten. Da sei aber eine Differenzierung notwenig. „Ich glaube allerdings, dass es zu einer starken Segmentierung kommt.“ Dass sich die Krise nachhaltig auf das Verhältnis der Generationen auswirkt, glaubt sie allerdings nicht. Dafür sei die Dauer derzeit noch zu kurz. „Es hängt aber davon ab, wie es sich weiterentwickelt“, so die Sozialwissenschaftlerin. Und: „Wir stehen erst am Anfang des Experiments – wenn das als soziales Experiment gesehen werden kann.“