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Zurück in die Zukunft

08.08.2020 • 19:07 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Traditionshaus Hotel Post Bezau by Susanne Kaufmann. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Das Traditionshaus Hotel Post Bezau by Susanne Kaufmann. Dietmar Stiplovsek

Nach der Neuausrichtung liegt der Fokus auf dem Wesentlichen und Qualität.

Höher, schneller, weiter. Das Streben nach immer mehr Leistung ist typisch menschlich und hat sich selbstverständlich in vielen Unternehmen manifestiert. Wachstum, steht meist oben auf der Agenda – komme, was wolle. Doch die Corona-Pandemie hat viele dazu gezwungen, einen Gang runter zu schalten, mitunter bis zum Stillstand. Es war eine Zwangspause, ein Muss, sich auf die wesentlichen Dinge zu besinnen. Abstriche zu machen, aber auch Schwerpunkte im Privaten wie im Unternehmerischen zu setzen.

Interessant, dass dieser Ansatz bereits vor gut einem Jahr im Hotel Post by Susanne Kaufmann in Bezau umgesetzt wurde – aus einer bewusst getroffenen Entscheidung heraus.

1850 ist das "Geburtsjahr" der Post in der Bregenzerwalsgemeinde. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
1850 ist das "Geburtsjahr" der Post in der Bregenzerwalsgemeinde. Dietmar Stiplovsek

Geschichte des Hauses

Im Jahr 1850 entstand in Bezau „Die Post“. Susanne Kaufmann führt das Hotel seit 1994 in fünfter Generation. Sie übernahm den Betrieb mit 23 Jahren. „Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Haus vom klassischen Kurhotel mit Moorbädern zum Wellness-Retreat mit eigener Natur-Kosmetiklinie“, fasst es Hotelmanagerin Stephanie Rist zusammen.

Mitten im Dorf und doch ein Kleinod. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Mitten im Dorf und doch ein Kleinod. Dietmar Stiplovsek

Das Hotel im Ortskern der Bregenzerwaldgemeinde war jahrelang 365 Tage offen für jedermann. Es gab eine ausladende Speise- und Weinkarte, gleich mehrere Menüs wurden am Abend kredenzt. Familien mit Kindern und Geschäftsleute galt es mit ruhesuchenden Gäs­ten unter einen Hut zu bekommen. Gleichzeitig gab es im Umfeld immer mehr Hotels, und die Mitarbeitersituation entwickelte sich nicht zum Guten. Auch an der Wegwerfkultur, langen Transportwegen und zu viel Plas­tik störten sich die Verantwortlichen des Traditionshauses.

Stephanie Rist und Susamme Kaufmann. <span class="copyright">Hotel Post</span>
Stephanie Rist und Susamme Kaufmann. Hotel Post

Neus Kapitel

Es brauchte seine Zeit, aber die Post war bereit für ein neues Kapitel. „Spa war immer ein Teil des Hauses. Wir wollten diese Passion perfektionieren und auf eine neue Ebene bringen“, erklärt Rist. Die Neuausrichtung erfolgte im Juni 2019. Kaufmann und Rist hatten bis dahin ein ganzheitliches Konzept entwickelt. Ein Konzept, welches Ernährung, Sport, Schlaf, Schönheitsanwendungen sowie Nachhaltigkeit und Regionalität in Einklang bringt. Die Umsetzung brachte einige grundlegende Veränderungen mit sich. Und gleichzeitig eine verbesserte Work-Life-Balance für die Mitarbeiter.

Puristischer Spa-Bereich, völlig reduziert. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Puristischer Spa-Bereich, völlig reduziert. Dietmar Stiplovsek

Veränderungen

Angelehnt an die einstigen Kuraufenthalte gibt es heute eine Mindestaufenthaltsdauer von drei Nächten. „Das tägliche Ein- und Auschecken brachte Unruhe ins Haus“, erzählt die Hoteldirektorin. Im Hotel werden keine Seminare für Businessgäste mehr angeboten. „Arbeiten und erholen, das passt nicht zusammen“, bringt es Rist auf den Punkt.
Externe Gäste sind herzlich willkommen, sollten aber unbedingt reservieren, damit auch das Serviceteam den Ansprüchen gerecht wird. Für Familien mit Kindern werden über das Jahr verteilt fünf spezielle Familienwochen angeboten – inklusive Rundum-Programm für die Heranwachsenden.

Farm to table

Um dem „Foodwaste“ ein Ende zu setzen, wurde die Speisekarte reduziert. „Es gibt die gesunde Detox-Ernährung und zum anderen ,Irmas Küche‘ angelehnt an Susanne Kaufmanns Oma“, erklärt die Hotelmanagerin. Eine simple Küche mit besten Lebensmittel ohne viel Chichi. Und besagte Lebensmittel kommen quasi von nebenan. Hinter dem Gebäudekomplex wurde ein 4000 Quadratmeter Garten angelegt. Zwei Jungbauern zeichnen für Anpflanzen und Ernten verantwortlich und arbeiten eng mit dem Küchenteam zusammen.
Im Frühling, Sommer und Herbst eine herrliche Sache. Und im Winter? Da wird Eingekocht und Eingeweckt. Dadurch kommen das ganze Jahr über regionale Köstlichkeiten auf die Teller.

Nur noch fünf Prozent der verwendeten Lebensmittel kommen nicht aus der Region. Etwa Olivenöl oder Ingwer.
Auch die Weinkarte wurde reduziert, Spirituosen wie Gin oder Rum kommen aus Vorarlberg. Das Thema Regionalität ist bis ins Detail umgesetzt. Die Tische im Restaurant schmückt Blühendes von den Wiesen vor der Tür.

Die hauseigene Natur-Kosmetik-Linie wurde von jeher mit Landwirt Ingo Metzler aus Egg entwickelt. Das Geheimnis: Molke. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Die hauseigene Natur-Kosmetik-Linie wurde von jeher mit Landwirt Ingo Metzler aus Egg entwickelt. Das Geheimnis: Molke. Dietmar Stiplovsek

Mitarbeiter

Und auch die Mitarbeitersituation hat sich massiv verbessert. Das mag an den veränderten Bedingungen liegen. Die Arbeitswoche hat in der Regel 40-45 Stunden, zwei Tage sind frei. Rist spricht von Angestellten die „mitwachsen und die Passion zur Regionalität teilen und verkörpern“. Kurz: Die Arbeit macht Spaß.

Eine der brisantesten Entscheidungen war sicherlich, das Hotel ab sofort über Weihnachten zu schließen. Denn diese Woche war das Haus stets ausgebucht – zu Hochsaisonpreisen. Für arbeitende Mitarbeiter mit Familie und Kindern eigentlich eine untragbare Situation. „Nun konzentrieren wir uns eben auf die bleibenden 51 Wochen im Jahr“, sagt Rist.

Zukunft

Es scheint, dass mit der Perfektionierung des Konzepts eine neue Ruhe im Hotel Post in Bezau eingekehrt ist. Offensichtlich war der Schritt zurück der entscheidende Schritt in eine neue, bessere Zukunft.

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