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„Gutes Leben für alle sollte möglich sein“

23.12.2020 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Klaus Hartinger

Caritas-Direktor Schmolly über Moria, Corona und Chancen.

Was für ein Jahr! Was sind die ersten Assoziationen, die Ihnen in den Sinn kommen?
Walter Schmolly:
Das sind spontan drei Begriffe: Unterbrechung, trotzdem und miteinander. Diese erzwungene Unterbrechung, wie sie ein Lockdown immer darstellt, hat etwas Hartes, etwas Schmerzhaftes. Aber zugleich eröffnen Unterbrechungen einen Gestaltungsspielraum und sind oft auch Anstoß für etwas Neues. Beim „trotzdem“ ist es wichtig, dass man der Pandemie nicht das letzte Wort lässt. Das soll auch ein Ansatz zur Ermutigung sein. Und das „miteinander“ ist gerade in Zeiten von Corona sehr wichtig. Denn die Pandemie ist für die ganze Gesellschaft sehr fordernd.

Die Herausforderungen sind für alle groß. Was sind die besonderen Herausforderungen für die Caritas?
Schmolly:
Corona ist in erster Linie eine Gesundheitspandemie. Aber es bringt auch ganz viele soziale Problemlagen mit sich. Und das sind Dinge, die werden uns länger beschäftigen als das Virus selbst. Es ist viel mehr auch eine soziale Pandemie. Wer vor Corona wenig hatte, hat nach Corona noch weniger. Im speziellen denke ich da an obdachlose Menschen, suchtkranke Menschen, geflüchtete Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen und langzeitarbeitslose Menschen. Und für diese Menschen versuchen wir von der Caritas da zu sein. Durch die massiv gestiegene Arbeitslosigkeit kommt auch das Thema Scham dazu. Viele Neukontakte melden sich anonym. Weil sie sich schämen für ihre Lage. Dazu kommen noch die zwei großen Themenblöcke: Chancengleichheit für Kinder aus sozial benachteiligten Familien und die Einsamkeit. Und dann ganz oft die finanzielle Notlage. Die immer größer wird. Durch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit.

Weihnachten ist auch eine Geschichte der Herbergssuche. Wir sehen das Elend in Moria und immer mehr fordern die Aufnahme von Kindern und Familien, die dort im Dreck dahinvegetieren. Ist Österreich herzlos geworden?
Schmolly:
Ich schließe mich da der Forderung von Kardinal Schönborn an. Mindestens 100 Familien sollen aus den Lagern übernommen werden. Generell ist diese Situation in den Lagern an der Außengrenze Europas schlicht und einfach trist und elend. Es braucht massive Hilfe vor Ort. Und Europa, dieser Kontinent des Humanismus, muss endlich zu einer gemeinsamen Linie finden, um die Menschen aus den Lagern zu holen und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Die Zahl der flüchtenden Menschen wird zunehmen. Sei es durch Kriege oder durch den Klimawandel. Ich sehe auch mit großer Sorge, wie die Not dieser Menschen für politische Belange instrumentalisiert wird. Dagegen gilt es klar Stellung zu beziehen.

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Klaus Hartinger

Die Gesellschaft ist im Wandel. Die Diskussionen um Testung und Impfung zeigen, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Wo hat diese Entsolidarisierung der Gesellschaft begonnen?
Schmolly:
Natürlich erleben wir alle Veränderungen in intensiver Form. Aber ich teile nicht den Befund, dass das im Kern eine Entsolidarisierung ist. Ich erlebe gerade in unserer Arbeit, dass viele Menschen für andere einstehen. Ob in der Familie oder unter Nachbarn. Auch die Spendenfreude ist so hoch wie nie zuvor. Es gibt einfach so viel Fragen, die nicht klar beantwortet werden können: Wie lang dauert die Pandemie noch? Wird die Impfung wirklich Abhilfe schaffen? Werde ich finanziell und gesundheitlich unbeschadet durch diese schwierige Zeit kommen? All diese Fragen verunsichern uns. Aber wir wissen auch gleichzeitig, dass es nur gemeinsam geht. Wir müssen uns auch von der Vorstellung verabschieden, dass wir nach Corona wieder in der alten Sicherheit sind. Der Klima-Notstand, die alternde Gesellschaft oder die Pluralisierung werden bleiben.

Die Corona-Pandemie wird ja oft als eine Art Brennglas bezeichnet, wenn es um die großen gesellschaftlichen Themen geht.
Schmolly:
Das ist auf jeden Fall so. Egal ob es um die Einsamkeit geht oder um die Chancengerechtigkeit für Kinder. Da wirft die spezielle Corona-Situation noch einmal einen geschärften Blick darauf. Und spitzt zu. Leider ist diese gläserne Decke bei uns wieder häufiger spürbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer armutsgefährdeten Familie als Erwachsener wieder armutsgefährdet ist, ist viel zu hoch. In Zeiten von Distance-Learning und Homeschooling sehen wir halt auch genau, was da für Mechanismen sind, die dahinterstecken. Die Chancengerechtigkeit ist natürlich auch ein globales Thema, die Schere zwischen Reichtum und Armut geht immer weiter auf. All diese Themen begleiten uns schon seit Jahren. Vielleicht schafft es Corona, dass wir diese Probleme besser sehen und verstehen.

„Europa, dieser Kontinent des Humanismus, muss endlich zu einer gemeinsamen Linie finden, um die Menschen aus den Lagern zu holen und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen“, Walter Schmolly. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
„Europa, dieser Kontinent des Humanismus, muss endlich zu einer gemeinsamen Linie finden, um die Menschen aus den Lagern zu holen und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen“, Walter Schmolly. Klaus Hartinger

Jede Krise ist auch immer eine Chance. Stichwort erstarkte Zivilgesellschaft. Macht das Hoffnung? Und was macht Ihnen sonst noch Hoffnung?
Schmolly:
Das allererste was mir Hoffnung macht, sind Menschen. Ich sehe ja tagtäglich, wie viele Menschen sich um andere kümmern. Mir macht als gläubiger Mensch auch Hoffnung, dass sich das Gute durchsetzen wird. Das ist ein Grundoptimismus. Zudem sehe ich Prozesse, wo ich bemerke, da regt sich was. Man hat weniger Termine durch Corona. Vielleicht finden wir wieder das gute Maß. Wir waren teilweise in einer Dynamik, die uns entfremdet hat. Immer mehr, immer schneller, immer höher. Ich denke da auch an ökologische Schritte in die richtige Richtung. Generell geht es natürlich auch um die Fragen: Was will ich wirklich? Was macht mich zufrieden? Was zählt im Leben? Was brauche ich? Und was brauche ich eigentlich gar nicht. Zudem muss der Maßstab für die Gesellschaft sein, dass wir die Strukturen so verändern, dass alle Menschen gut leben können. Das gute Leben für Alle sollte möglich sein.

Wie werden Sie Weihnachten feiern?
Schmolly:
Wichtig ist mir, dass ich Weihnachten feiere und nicht die Corona-Situation bejammere. Weihnachten ist ein Fest der Zuversicht und des Miteinanders. „Fürchtet euch nicht!“, ist die Kern-Botschaft. Natürlich werde auch ich im kleineren Kreis feiern als die Jahre zuvor. Aber es wird trotzdem ein schönes Weihnachtsfest. Davon bin ich überzeugt.

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