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Strengere Maßnahmen gerechtfertigt?

06.02.2021 • 19:51 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Lockdown-Maßnahmen stoßen zunehmend auf Kritik. <span class="copyright">APA/HELMUT FOHRINGER</span>
Die Lockdown-Maßnahmen stoßen zunehmend auf Kritik. APA/HELMUT FOHRINGER

Pro und Contra – Eine aktuelle Frage aus zwei Blickwinkeln beantwortet.

Ab morgen gibt es erste Öffnungsschritte nach dem Lockdown. Die Kritik an den Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung nimmt aber zu. Nicht jeder versteht, dass der Handel öffnet, aber die Gastronomie zubleibt.

PRO: Kurt Fischer, ­Bürgermeister der Marktgemeinde Lustenau.

Der Lockdown vom 17. November war zu spät und nur ein eher zaghaftes „Hämmerle“. Wir müssen das Virus ­unterdrücken und auf tiefem Niveau halten.

Alles, was wir tun, ist sozusagen ein Ritt über die Rasierklinge.“ So beschrieb Hermann Schützenhofer bei der Pressekonferenz zur „Lockdown-Lockerung“ unsere Situation. Bei uns in Lustenau warf die Krise Ende Jänner 2020 mit dem ersten Corona-Verdachtsfall in Vorarlberg ihre Schatten voraus. Eine junge Lustenauerin war aus einer besonders betroffenen Region in China zurückgekehrt. Zum Glück war es ein Fehlalarm, aber angesichts der globalen Entwicklung Anfang 2020 für uns doch ein erstes lokales Warnsignal.
Mitte März spitzte sich die Situation zu, und die Krisenstäbe nahmen ihre Arbeit auf. Schon am 16. März wurde ein Lockdown verordnet. Österreich hatte den Hammer ausgepackt, im Länder-Vergleich nicht frühzeitig, aber durchaus mutig. Die Rede vom „Hammer“ im Kontext von Corona geht auf einen vielbeachteten Text von Tomas Pueyo vom März 2020 zurück: „Coronavirus: Der Hammer und der Tanz“. Es war ein leidenschaftlicher Warnruf an die Verantwortlichen in allen Ländern, die Pandemie durch einen gezielten Hammerschlag möglichst schnell unter Kontrolle zu bringen. Dann, so Pueyo, folgt der Tanz, die herausfordernde Zeit zwischen dem Hammer und einem Impfstoff, der „Tanz von R“, der Reproduktionszahl.

<span class="copyright">ÖVP</span>
ÖVP

Nach dem äußerst erfolgreichen ersten Hammer hat Österreich aus heutiger Sicht einen lockeren, ja allzu lockeren „Corona-Sommer“ erlebt und im Herbst die Zeichen der Zeit zu spät erkannt. Der Lockdown vom 17. November kam zu spät, das exponentielle Wachstum hatte schon dramatische Spitzenwerte erreicht und das Gesundheitssystem extrem belastet. Es war kein mutiger Hammer, sondern ein eher zaghaftes „Hämmerle“ (wobei ich in Lustenau viele mutige Hämmerle kenne). Und der Innsbrucker Epidemiologe Robert Zangerle hat wohl leider Recht, wenn er das Ende des Lockdowns am 7. Dezember, als „Jux-und-Tollerei-Abbruch“ kritisiert. Auch hier hatte Tomas Pueyo schon im März 2020 Wesentliches aufgezeigt: wir müssen das Virus unterdrücken, die Fallzahlen tief nach unten drücken und durch eine konsequente Test- und Nachverfolgungsstrategie auf tiefem Niveau halten. Mit „Hämmerle und Walzer“ wird der Kampf gegen Corona tatsächlich zu einem Ritt über die Rasierklinge. Die Maßnahmen werden unübersichtlich und dadurch noch ermüdender, und für viele auch ungerecht, zum Beispiel für die Menschen in der Gastronomie. Leider ist zu befürchten, dass durch das Aufkommen der leichter übertragbaren Varianten die an Lichtmess verkündete Lockerung des Lockdowns bald Geschichte sein wird, ohne zeitliche Perspektive auf Öffnung im Bereich der Gastronomie. „Mr hônd an Riett“, sagen wir in Lustenau, wenn etwas sehr anstrengend und turbulent ist. Es ist noch ein langer Ritt bis zum Ziel und, wie es ausschaut ein sehr gefährlicher.

CONTRA: Dieter Egger, ­Bürgermeister der Stadt Hohenems.

Wir müssen mit dem Virus leben lernen. Es braucht eine Balance zwischen Gesundheitsschutz, dem Lebensalltag und dem Bedürfnis nach sozialem Kontakt.

Vorweg, die Lage ist nach wie vor ernst, und ich nehme sie auch ernst. Gerade die neuen Mutationen des Covid-19-Virus könnten die Infektionszahlen nochmals ansteigen lassen. Deshalb müssen wir uns auch weiterhin sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst verhalten. Wir müssen aber auch genau schauen, in welchen Bereichen Einschränkungen und Verbote zielführend sind. Auswirkungen von zu langen und überzogenen Maßnahmen, die Existenzen bedrohen, die Bildungszukunft unser Kinder beeinträchtigen oder durch soziale Isolation zu gesundheitlichen Schäden führen, dürfen nicht ausgeblendet werden.
Deshalb habe ich mich für die Öffnung des Handels und der Schulen eingesetzt und begrüße diese. Ich kann aber nicht nachvollziehen, warum die Gastronomie weiter geschlossen bleibt. Wie wir aus den bisherigen Erfahrungen wissen, gehen die größten Infektionsgefahren aus dem Privatbereich hervor. In allen Bereichen, in denen ich durch Verhaltensregeln und organisatorische Maßnahmen einen vernünftigen Abstand zwischen Menschen kontrollieren kann, ist das Ansteckungsrisiko geringer.

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Mathis

Viele Menschen sind „Lockdown-müde“ geworden und sehnen sich nach persönlichen Kontakten zu ihren Lieben, zu guten Freunden und anderen Menschen. Wir sind soziale Wesen und keine Computer, die nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren. Je länger wir diese Kontakte verweigern, desto weniger werden sich die Menschen an die Verhaltensregeln halten und sich im privaten Umfeld treffen. Während man im öffentlich Raum vorsichtig – fast schon ängstlich – ist, fühlt man sich im privaten Umfeld unter Freunden sicher. Eine trügerische Sicherheit. Ich glaube, dass es besser ist, den Menschen unter bestimmten Regeln und Kontrolle Möglichkeiten des sozialen Lebens zu bieten, anstatt sie weiter in den unkontrollierten „Raum von privaten Feiern und Treffen“ zu drängen. Deshalb wünsche ich mir eine rasche Öffnung unserer Gastronomiebetriebe unter klaren, nachvollziehbaren Regeln. Natürlich können Großevents derzeit nach wie vor nicht stattfinden. Auch Discos und Après-Ski-Partys gehen nicht. Doch ein schönes Essen am Vierer-Tisch, ein Kaffeeklastch oder ein Feierabendbierchen im kleinen Kreis würden uns allen guttun und sind mit etwas Disziplin kein großes Risiko. Das gilt übrigens auch für den Kulturbereich. Nicht zu vergessen, viele Betriebe sind am Rande ihrer Existenz und können eine längere Schließung nicht mehr überleben.
Das Virus wird uns noch länger begleiten, und wir müssen einen Weg finden, mit ihm zu leben. Eine Balance zwischen Gesundheitsschutz, unserem Lebensalltag und dem menschlichen Bedürfnis nach sozialem Kontakt. Mit Vernunft und Augenmaß.

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