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KZ-Überlebende litten unter Geringschätzung

05.05.2021 • 11:00 Uhr
Das KZ Mauthausen wurde am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit. <span class="copyright">APA</span>
Das KZ Mauthausen wurde am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit. APA

Digitale Präsentation des Landtags zum Gedenktag gegen Gewalt und ­Rassismus.

Alljährlich wird in Österreich seit 1998 am 5. Mai der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Das Datum für den Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus wurde mit Bezug auf die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen gewählt. Denn am 5. Mai 1945 erreichte die US Army das KZ in Oberösterreich. In Vorarlberg haben sich die Landtagsparteien darauf geeinigt, den Gedenktag alle fünf Jahre im Rahmen einer Veranstaltung zu begehen. So war es auch im vergangenen Jahr geplant, ehe die Corona-Pandemie das öffentliche Leben weitgehend lahmlegte. Die abgesagte Veranstaltung sollte heuer nachgeholt werden. Da die derzeitige Situation dies ebenfalls nicht zulässt, wurde stattdessen eine digitale Präsentation zusammengestellt, die online abgerufen werden kann.

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Die Präsentation ist dem Thema „KZ-Überlebende in der Vorarlberger Nachkriegsgesellschaft“ gewidmet. Regina Fritz (Lehrstuhl für Neueste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte, Historisches Institut, Universität Bern) wirft dabei einen Blick auf die Herausforderungen für die Betroffenen bei der Rückkehr aus den Konzentrationslagern. Vor allem jüdische Überlebende standen in vielen Fällen vor einem Neuanfang, berichtet die Expertin. Sie mussten sich eine neue Existenz aufbauen und litten oftmals darunter, dass ihr früheres soziales Umfeld wie etwa Familie oder Freunde geflüchtet oder ermordert worden war. Dazu kam, dass in vielen Fällen Rückerstattungen oder Entschädigungen ausblieben, weshalb sich die finanzielle Situation verschärfte. Der nach 1945 gültige Mythos, dass Österreich das erste Opfer der Nationalsozialsten war, sorgte nach Angaben von Fritz außerdem dafür, dass für so manche Opfergruppen kein Platz mehr blieb – vor allem in Fällen, in denen auch Österreicher zu Tätern geworden waren. Dies führte dazu, dass manche Betroffene jahrzehntelang auf Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung warten mussten. Manchen ist diese Anerkennung bis heute verwehrt geblieben, meint Fritz.

Die Schicksale von vier Vorarlberger KZ-Überlebenden werden in der Präsentation beleuchtet.
Die Schicksale von vier Vorarlberger KZ-Überlebenden werden in der Präsentation beleuchtet.

Historiker Wolfgang Weber hat für die Präsentation die Schicksale von vier Vorarlberger KZ-Überlebenden beleuchtet. Er zeigt auf, dass diesen Männern und Frauen nach 1945 von der Gesellschaft oft Geringschätzung zuteil wurde. Ein Schicksal, das sie nach Angaben von Weber mit vielen anderen Verfolgten teilten. Die vier vorgestellten Persönlichkeiten kompensierten den Mangel an öffentlicher Anerkennung mit autonomer Wertschätzung. „Sie alle konnten nach 1945 wieder in ihren ursprünglichen Berufen Fuß fassen und ein Sozialgefüge um sich aufbauen, das sie sicher durch das verbleibende Leben trug“, berichtet der His­toriker.

Vier Überlebende – vier Lebensgeschichten

Josefa Holzer

(1894–1963)

Die Lustenauer Hebamme Josefa Holzer wurde 1942 aufgrund der Denunziation einer Nachbarin zum Opfer der NS-Diktatur. Sie war 22 Monate, ehe sie wieder nach Lustenau zurückkehren konnte. Ihr Antrag auf Anerkennung als NS-Opfer wurde 1948 abgelehnt. Nach Aufhebung des Berufsverbots gegen sie, war sie bis zu ihrer Pensionierung wieder als Hebamme tätig.

Georg Peter Schelling

(1906–1981)

Pfarrer Georg Peter Schelling war im März 1938 nach der NS-Macht­ergreifung einer der ersten Verhafteten in Vorarlberg. Zuvor hatte er sich als Leiter der Redaktion des Vorarlberger Volksblattes scharf gegen NS-Deutschland gewandt. Von Mai 1938 bis April 1945 war er im KZ Dachau inhaftiert. Ab 1947 lebte er in Nenzing und war Pfarrer und Dekan für den Kirchenbezirk Walgau-Walsertal.

Brundhilde Maurer

(1922–2016)

Wegen der verbotenen Beziehung zu einem serbischen Zivilarbeiter wurde Brunhilde Maurer im Juni 1944 im KZ Ravensbrück inhaftiert. Im November 1944 wurde sie schwer krank entlassen. 1946 folgte die gebürtige Süddeutsche ihrer Mutter nach Vorarlberg. 2002 machte Maurer im Rahmen einer Ausstellung im Frauenmuseum Hittisau erstmals ihre Lebensgeschichte öffentlich.

Engelbert Böhler

(1898–1975)

Der Bregenzer Engelbert Böhler war von 5. April 1939 bis zum 2. Juni 1945 im KZ Dachau eingesperrt. Dort genoss er große Anerkennung unter den Mitgefangenen und wurde von ihnen um Blockältesten bestimmt. Nach seiner Rückkehr nach Bregenz arbeitete er erst als Buchhalter und machte sich später als Unternehmer mit einer Textilhandelsagentur selbstständig.