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Ärztin schlägt Alarm: „Es wird mir zu viel“

19.06.2021 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kinderärztin Nicole Häle behandelt täglich rund 70 Kinder und Jugendliche. <span class="copyright">hartinger</span>
Kinderärztin Nicole Häle behandelt täglich rund 70 Kinder und Jugendliche. hartinger

Unbesetzte Kinderarzt-Stelle in Feldkirch sorgt für Probleme.

In Vorarlberg gibt es 20 Kassenstellen für Kinderärzte. Die Nachbesetzung wird aus vielfältigen Gründen immer schwieriger (siehe Interview unten). Besonders prekär ist die Situation in der Stadt Feldkirch, wo nur eine Kinderärztin mit Kassenvertrag ordiniert. Die zweite Kassenvertragsstelle ist seit einem Jahr unbesetzt.

Nicole Häle, die einzige Kassen-Kinderärztin in der Stadt Feldkirch, arbeitet am Rande ihrer Belastungsgrenze. Mehr als 70 kleine Patienten behandelt sie pro Tag. Im Oktober musste sie einen Aufnahmestopp verhängen. Neu angenommen werden seitdem nur noch Neugeborene und Geschwisterkinder. Immer wieder, manchmal mehrmals täglich, bekommt die Ärztin deshalb bitterböse Kommentare und Anrufe. „Gerade gestern hat mich ein Vater ‚dumme Sau‘ genannt“. Häle glaubt, dass viele Eltern nicht wissen, dass sie die einzige Kassenärztin in der Stadt ist. „Lange kann ich das so nicht mehr machen“, sagt sie.

Als „hilfreich“ bezeichnet die Pädiaterin die Zusammenarbeit mit Burkhard Simma, dem Leiter der Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Feldkirch. Im Bedarfsfall kann Häle kurzfristig im Krankenhaus anrufen und dann den einen oder anderen kleinen Patienten vorbeischicken. Die Ärztin würde sich wünschen, dass Kammer und ÖGK die unbesetzte Stelle öfter ausschreiben – und das nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern auch in Ungarn.

Standortförderung

Vergangene Woche wurde die Planstelle einmal mehr im Deutschen Ärzteblatt beworben. Da das vorgesehene dreistufige Ausschreibungsverfahren erfolglos war, gibt es mittlerweile eine Standortförderung von 44.000 Euro, auch ein Teilkassenvertrag mit einem Mindestausmaß von 35 Prozent ist möglich. Dasselbe gilt übrigens auch für eine Frauenarzt- und insgesamt fünf (!) Augenarzt-Kassenstellen in Vorarlberg.

Zu wenig Ärzte

„Wir bemühen uns, die flächendeckende Versorgung mit Vertragsärzten nachhaltig sicherzustellen, und haben in der jüngeren Vergangenheit etliche Maßnahmen getroffen, wie etwa die Einführung von flexiblen Job-Sharing- und Gruppenpraxismodellen“, sagt Jürgen Kessler, Landesvorsitzender der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Letztendlich brauche es aber auch Ärzte, die sich für die ausgeschriebene Stelle bewerben. Da gebe der Markt leider einfach zu wenig her, meint Kessler.

Nicole Häle, Kinderärztin <span class="copyright">Hartinger</span>
Nicole Häle, Kinderärztin Hartinger

Stadtvertreter engagiert sich bei Suche

Der Feldkircher Kommunalpolitiker Christian Fiel hat sich bereits erfolgreich für die Ansiedelung einer Apotheke und eines praktischen Arztes im Stadtteil Tosters eingesetzt. Jetzt möchte er dafür sorgen, dass die Stadt Feldkirch möglichst rasch einen zweiten Kinderarzt mit Kassenvertrag bekommt. Wie berichtet, ist die Stelle bereits seit einem Jahr vakant.

Christian Fiel, Stadtvertreter <span class="copyright">Privat</span>
Christian Fiel, Stadtvertreter Privat

Fiel, der vor wenigen Monaten selbst Vater geworden ist, hat im Spital und beim Arzt mitbekommen, „wie sehr Eltern leiden, wenn ihr Kind krank ist“. Nicht zuletzt deshalb will er jetzt etwas tun. Dass sich in diesem Fall neben der Ärztekammer und der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) auch die Stadt aktiv um eine rasche Nachbesetzung der Kassenarztstelle kümmern sollte, steht für Fiel außer Frage. Gemeinsam mit Heike Sprenger, Leiterin der Abteilung Sozialplanung im Amt der Stadt Feldkirch, hat er in den vergangenen Wochen ein entsprechendes Konzept ausgearbeitet. „Zum einen werden wir die Arztstelle österreichweit, aber vor allem im ostdeutschen Raum bewerben, allenfalls auch gezielt auf Ärzteseiten im sozialen Netz“, erklärt Fiel. Zudem werde ein Exposé über die Stadt Feldkirch und ihre Vorzüge zusammengestellt, um interessierten Ärzten den Standort Feldkirch schmackhaft zu machen. „Dieses Exposé kann die Stadt in weiterer Folge immer dann nutzen, wenn sie qualifizierte Leute gewinnen möchte, die nicht aus der Region kommen.“ Interessierten Ärzten soll unter anderem Unterstützung bei der Suche nach einer Ordination, einer Wohnung oder einem Grundstück angeboten werden. Zudem will Fiel alle Kinderärzte in Ausbildung und fertige Fachärzte in Vorarlberg anschreiben. Mit zwei ausgebildeten Pädiaterinnen aus Feldkirch ist er laut eigenen Angaben bereits im Gespräch.

Große Hoffnungen setzt der Stadtvertreter in die Pläne des Arbeitskreises für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks). Der Verein hat offenbar vor, in Feldkirch eine Gemeinschaftspraxis auf Schiene zu bringen, in der niedergelassene Ärzte zusammen mit Medizinern in Ausbildung ordinieren. Ein Pilotprojekt ist vor kurzem in Dornbirn angelaufen.

Was Eltern von kranken Kindern in Feldkirch derzeit mitunter erleben, schilderte der NEUE-Redaktion eine junge Mutter, die anonym bleiben möchte. Ihre achtmonatige alte Tochter habe 40 Grad Fieber bekommen. Als ein telefonisch verordnetes Zäpfchen nichts bewirkt habe und ihre Ärztin nicht mehr erreichbar gewesen sei, habe sie ihr Glück bei anderen Kinderärzten versucht. „Beim ersten kam nur ein Tonband, der zweite hatte keinen Termin frei, und der dritte riet mir, den Hausarzt aufzusuchen, der jedoch keine Ordination hatte“, erzählt die Mutter. Schlussendlich ging sie mit ihrer Tochter in die Spitalsambulanz, wo eine Nierenbeckenentzündung diagnostiziert wurde.