Leute machen Kleider

Janina Kobinger ist stellvertretende Leiterin der Kostümabteilung der Festspiele.
Was fasziniert Sie an Kostümen?
Janina Kobinger: Mein Job ist es, Textilien zu verstehen und den Entwicklungsprozess von Stoffauswahl, über Schnitt und Anprobe bis zum finalen Kostüm zu betreuen. Der Körper ist dreidimensional, der Stoff aber nur zweidimensional. Jede Textilie, je nach Webart und Futter, reagiert anders und hat anderen Einfluss, wie Kostüme fallen. Das reizt mich.
Haben Sie sich als Kind gerne verkleidet?
Kobinger: Ich verkleide mich nicht gerne und mag Fasching nicht. Ich bin zwar dominant in der Werkstatt, aber sonst lieber im Hintergrund. Ich mag die Ästhetik und das Kunstvolle an Kleidung. Wir erzeugen Bilder auf der Bühne. Ein Kostüm repräsentiert einen Charakter. Es ist ein ästhetisches Hilfsmittel, damit sich Künstler in Rollen einfühlen können.
Machen Kleider also Leute?
Kobinger: Nein. Der Kern steckt im Menschen selbst. Es ist wichtig, dass einer das Outfit verkörpert und sich wohlfühlt. Kleidung kann die innere Einstellung unterstützen. Sonst sieht man die Person und denkt: Der trägt ein Kostüm.
Welches Outfit tragen Sie bei guter Laune?
Kobinger: Ganz klar: Farben. Ich mag auch Jacken, die ich individuell gestalte, indem ich Reste aus Produktionen verarbeite. Ich mag Naturfasern, wie Seide und Wolle. Dabei kommt es auf das Zusammenspiel und das richtige Maß bei der Kombination der Stoffreste an.
Wie oft stechen Sie sich in den Finger?
Kobinger: Viel. Bei Anproben ist der Stoff dick. Ich habe vernarbte Fingerkuppen. Aber jeder hat Berufskrankheiten.
Brauchen Sie viel historisches Wissen?
Kobinger: Ja, ich habe historische Schnitte im Kostümgestaltungsstudium gelernt. In meinem Job tauche ich mit jedem Stück in eine andere Epoche ein. In Rigoletto und in Nero in die 20er – klassisch und an Varieté und Zirkus angelehnt.
Was war die spannenste Begegnung im Beruf?
Kobinger: Ich bin im Berufsalltag nahe am Menschen. Die Künstler ziehen sich vor mir aus, und ich helfe beim Anprobieren. Dabei brauche ich Feingefühl für Privatsphäre und andere Kulturen. Wenn ich merke, dass es der Person unangenehm ist, schaue ich weg oder verlasse den Raum.
Laura Schwärzler