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Über Begegnung und Verwandlung

04.04.2022 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bei der Aufführung gab es einige starke Bilder zu sehen.  <span class="copyright">Udo Mittelberger</span>
Bei der Aufführung gab es einige starke Bilder zu sehen. Udo Mittelberger

Wim Vandekeybus und Ultima Vez waren bei Bregenzer Frühling zu sehen.

Vor gut 35 Jahren gründete der 1963 geborene belgische Choreograph, Tänzer, Regisseur und Fotograf Wim Vandekeybus sein Tanzensemble Ultima Vez. Seitdem hat er über 30 Produktionen erarbeitet. Mit einigen von ihnen war er in vergangenen Jahren auch immer wieder beim Bregenzer Frühling zu Gast. Sein neuestes Werk „Hands do not touch your precious Me“ (in etwa „Hände berühren dein kostbares Ich nicht“) war nun am Samstag im Rahmen dieser Reihe im Bregenzer Festspielhaus zu sehen.

Der eher geheimnisvolle Titel ist ein Vers einer Hymne der sumerischen Hohepriesterin Enheduanna an die Göttin Inanna. Enheduanna lebte im 23. Jahrhundert vor Christus in der südmesopotamischen Stadt Ur. Viele ihrer Texte sind auf Keilschrifttafeln überliefert.
Rund um Inanna, eine der großen sumerischen Göttinnen, gibt es indes viele Mythen, darunter eine Erzählung über ihren Gang in die Unterwelt und eine darüber, wie sie dem Gott Enki die göttlichen Dekrete, die Bausteine für Kultur und Zivilisation, die „Mes“ (auf die sich der Titel der Produktion wohl bezieht) gestohlen hat.

Szene aus der Aufführung.  <span class="copyright">Mittelberger</span>
Szene aus der Aufführung. Mittelberger

Vor diesem mythologischen Hintergrund, auf der Basis dieser beiden Geschichten, hat Vandekeybus gemeinsam mit dem 1959 geborenen französischen Performer und bildenden Künstler Olivier de Sagazan die Produktion erarbeitet – wobei die Inszenierung laut Angaben nur lose darauf beruht. Vandekeybus als Gott Enki und De Sagazan stehen im Stück auf der Bühne. Dazu kommen acht Tänzer bzw. Tänzerinnen. Eine von ihnen ist Lieve Meeeussen, die sich als Inanna auf den Weg in die Unterwelt macht und dort auf ihre Schwester Ereshkigal (De Sagazan), ihren dunklen Schatten, trifft.

Die Tänzer und Tänzerinnen agieren auf der zumeist verdunkelten Bühne mit viel Schwung, Dynamik, Energie und beeindruckender Präzision zu den elektroakustischen Klängen von Charo Calvo (mit Norbert Pflanzer), die mal dröhnend, mal schneidend die Darstellung begleiten, umrahmen und verstärken. Transformation, Licht, Schatten, Tod, Wiedergeburt sind Themen, die sich wiederfinden lassen. Der Interpretationsspielraum für die Betrachter bleibt vorhanden, sodass jeder und jede seine und ihre eigene Geschichte dazu finden kann.

Auch Feuer gab es.    <span class="copyright">Mittelberger</span>
Auch Feuer gab es. Mittelberger

Archaische Bilder tauchen auf, zunächst besonders in der Performance von De Sagazan. Der vollzieht mit einem lehmartigen Material und Wolle eine Verwandlung zu mythischen, unheimlichen und auch bedrohlich wirkenden Wesen, teils einem Golem ähnlich. Einmal brennt er sogar. Diese Transformation greift dann auch auf die Tänzer und Tänzerinnen über, die unter anderem gesichtslos werden. Bewegungen, die an rituelle Tänze erinnern, kommen ebenso vor.

Live-Videoaufnahmen und -Bilder auf eine Wand auf der Bühne projiziert ergänzen die Darstellung bzw. interagieren in gewisser Weise damit. Gewalt und Aggression sind in einigen Szenen vorhanden, Blut, Spannung, ein Kampf vielleicht gegen die anderen, gegen sich selbst und das Außen. Einmal ist die gesamte Bühne in rotes Licht getaucht. Das Stück ist durchaus narrativ, lässt aber dennoch einigen Raum für Assoziationen. In Bregenz gab es dafür viel Applaus und Jubel.

Nächster Termin: CCN de la Rochelle – Cie Accrorap: „Les Autres“, 23. April, 20 Uhr, Festspielhaus.

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