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Die Angst der Kroaten vor dem “Teuro”

06.06.2022 • 14:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wie hier in Split freut sich vor allem der Tourismus über den Euro
Wie hier in Split freut sich vor allem der Tourismus über den Euro EPA

In Kroatien läuft der Countdown für Einführung des Euro am 1. Jänner.

Nach dem grünen Licht der EU-Kommission läuft in Kroatien der Euro-Countdown. „Wir verabschieden die Kuna, es kommt der Euro!“, fiebert die Zeitung „Slobodna Dalmacija“ in Split der Euro-Einführung am 1. Jänner entgegen. „Im Jänner werdet Ihr Euer erstes Gehalt in Euro erhalten und realisieren, wie wenig Ihr habt“, bereitet das Webportal „index.hr“ seine Leser eher skeptisch auf die Zeitenwende im Küstenstaat vor: „Die Mehrheit von Euch wird einen Lohn haben, der geringer als Sozialhilfe im Westen ist.“

Knapp ein Jahrzehnt nach dem EU-Beitritt im Juli 2013 wird der in die Jahre gekommene EU-Neuling auch die Eurozone entern. Kroatien sei bereit für die Euro-Einführung und habe „nicht mit schönen Augen, sondern mit jahrelanger Arbeit alle Kriterien erfüllt“, versichert Finanzminister Zdravko Maric stolz.

Tatsächlich bewegen sich sowohl das Haushaltsdefizit (2021: 2,9 Prozent) als auch die Inflationsrate (4,9 Prozent in den letzten zwölf Monaten) unter den Werten der sogenannten Maastricht-Kriterien. Die Staatsschuld liegt mit 79,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zwar deutlich über der Maastricht-Vorgabe von 60 Prozent, ist in den letzten zwei Jahren aber um fast ein Zehntel geschrumpft: Die deutliche fallende Tendenz der Schuldenlast, aber auch die „Dynamik“ bei deren Abbau hat Kroatien den Weg zum Euro-Taler geebnet.

Gastronomen erleichtert

Als mit 3,8 Millionen Einwohnern vergleichsweiser kleiner Staat verspricht sich Kroatien vom Euroschirm vor allem den Schutz vor einem Kapitalabfluss in Krisenzeiten. Jede vierte Kuna wird im Adria-Staat im Tourismus verdient: Nicht nur eingesparte Wechselkosten, sondern auch der Wegfall des mühsamen Umrechnens (1 Euro = 7,53 Kuna) werden heimischen Gastronomen und ausländischen Besuchern das Leben gleichermaßen erleichtern. Die Hälfte aller Kredite in Kroatien wird zudem in Euro aufgenommen: Selbst Kroaten, die in der Kreide stehen, werden künftig Wechselkosten sparen – und sind gegen das Risiko von Kursschwankungen endlich gefeit.

Vorbereitet?

Kroatiens Parlament segnete die Euro-Einführung im Mai mit überwältigender Mehrheit ab. Laut Erhebungen von Kroatiens Nationalbank (HNB) sollen 61 Prozent der Bevölkerung diese befürworten. Eine im April veröffentlichte Umfrage zeichnete allerdings ein etwas skeptischeres Bild. Nur knapp 30 Prozent der Befragten halten das Land auf die Einführung des Euro vorbereitet. Gar 86 Prozent befürchten einen Preisschub durch die Euro-Einführung.

Bereits ab 1. September müssen die Preise im Einzelhandel in Kuna und Euro ausgezeichnet werden – eine Praxis, die auch nach Euro-Einführung für ein Jahr beibehalten werden soll. Einerseits sollen sich die Konsumenten so besser an die neue Währung gewöhnen. Andererseits sollen ungerechtfertigte Preissteigerungen so leichter transparent gemacht werden.

Die Angst vor dem „Teuro“ hat auch mit der durchwachsenen EU-Bilanz Kroatiens zu tun. Der nach dem Beitritt 2013 noch lange an den Folgen der Weltwirtschaftskrise von 2008 laborierende EU-Neuling war in den letzten zehn Jahren einer der wachstumsschwächsten Staaten der Region. Gemessen am Sozialprodukt pro Kopf ist Kroatien hinter Schlusslicht Bulgarien mittlerweile das ärmste EU-Mitglied – und wurde selbst von Rumänien überholt.

Einerseits hat sich durch den EU-Beitritt der Emigrationsaderlass junger Kroaten nach Westeuropa noch beschleunigt. Andererseits hat der Adria-Staat während der Pandemie und im Erdbebenjahr 2020 die Vorzüge der EU-Mitgliedschaft zu Krisenzeiten in Form milliardenschwerer Hilfsgelder aus dem Corona-Hilfstopf erfahren. Die Folgen des Ukrainekriegs sorgen zwar auch in Kroatien für eine Teuerungswelle. Nationalbankchef Boris Vujcic ist aber überzeugt, dass die Euro-Einführung die Widerstandskraft des Landes gegen Krisen und „Schockwellen von außen“ stärken werde: „Es ist in solchen Momenten auf jeden Fall besser, in der Eurozone zu sein als außerhalb von ihr.“

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