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„Niemand ist der Böse“

08.08.2022 • 19:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nikolaus Habjan und seine Puppe bei der Lesung im Seestudio   <span class="copyright">Anja Koehler</span>
Nikolaus Habjan und seine Puppe bei der Lesung im Seestudio Anja Koehler

Präsentiert wurde musikalische Lesung über Kriegsflucht eines Kindes.

Schon bei der Eröffnung der diesjährigen Festspiele, hat der Puppenspieler Nikolaus Habjan seine Klappmaulpuppe „Jonathan“ mitgebracht. Nun war sie auch beim dritten Abend der Reihe „Musik & Poesie in Aktion zu erleben. Das Gesicht liegt auf den Knien. Die Arme um die Beine umklammert hockt die Puppe auf dem Tisch neben Habjan, bis der sie in der Lesung von Paulus Hochgatterers „Fly Ganymed“ zum Leben erweckt.

In dem Text, den der Autor bereits 2012 für Habjan geschrieben hat, wird die gefährliche Flucht von unbegleiteten Kindern aus der Perspektive eines Kindes thematisiert. Der in Norwegen geborene Musicaldarsteller und Komponist Kyrre Kvam untermalt die Lesung musikalisch mit eigenen Kompositionen. Er schafft es, mit seiner Stimme und der Klaviermusik die gefühlsbetonte Situation der Erzählung zu verstärken.

Der Komponist Kyrre Kvam am Klavier            <span class="copyright">Anja Koehler</span>
Der Komponist Kyrre Kvam am Klavier Anja Koehler

In der Puppengestalt wird das aufgewühlte Innenleben eines neunjährigen Buben vor dem Publikum ausgebreitet. Ein Kind, das von zuhause weggeschickt wird und sich an Erinnerungen an sein Leben zuhause festklammert, zu jung, um die Gründe der Flucht zu begreifen und dennoch traumatisiert von den Ereignissen im Heimatdorf. Überfordert von der Situation stellt es Fragen über Fragen, wird emotional, traurig und aufgeregt und vertieft sich in Gedanken an ein Videospiel.

Wie kommt ein Kind allein mit einer Situation zurecht, die auch Erwachsene oft nur schwer bewältigen? Habjan liest einfühlsam die verschiedenen Gefühlsstadien und gibt dem Publikum die Möglichkeit, in die Gedankenwelt eines Kindes einzutauchen, der während seiner Reise nicht nur „ständig über der Grenze“ ist, sondern gleichzeitig immer auch an der Grenze.

Realität und Erinnerung

In verschiedenen Szenen schildern Dialoge einzelne Details der schwierigen Reise und des früheren Lebens des Kindes. Die Erzählperspektive läuft über drei Ebenen: In der realen Zeit schlüpft Habjan in die Rollen des genervten Schleppers, eines wütenden 17-jährigen Mädchens, der korrupten Grenzpolizei oder einer Sozialarbeiterin. Der Bub liegt dann die meiste Zeit in einem Pipeline-Rohr versteckt im LKW und weiß nichts über die Länder, die er durchquert. „Die Wand ist undurchdringlich, hat er gesagt.“

In der Dunkelheit des LKWs werden die Erinnerungen an Gespräche mit dem Großvater wieder lebendig. Sie erzählen von dem Leben im Dorf, der Familie ohne Vater und davon, wie der Großvater ihm Dinge über die Heimat einprägte, schon im Bewusstsein, das Kind fortzuschicken. Er soll sich erinnern, an die Verläufe der Straßen, an die Gesichter der Menschen, von denen er getrennt sein wird. In der Erinnerung ist die Puppe still. Wenn er Angst hat, verknüpft der Bub die Reise mit den digitalen Gefahren eines Videospiels, eine künstliche Welt, die er besser kennt als die wirkliche, und versucht sich mit dem Wissen über die Lösungen während der Flucht zu beruhigen.

Musik &amp; Poesie "Fly Ganymed" im Seestudio   <span class="copyright">Anja Koehler</span>
Musik & Poesie "Fly Ganymed" im Seestudio Anja Koehler

Nicht alles ist ausgesprochen, manches wird angedeutet, einiges lässt sich erahnen. Zwischen den Szenen ist das Publikum gefordert, die Verbindungen selbst herzustellen. Man merkt, dass der Autor Paulus Hochgatterer, der auch als Kinderpsychiater tätig ist, weiß, wie sich die Last einer Flucht auf Kinder auswirken kann.