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Entschleunigung bei Waldsinfonie

09.09.2022 • 21:41 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Plattform hat Anna Hartmann selber gebaut. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Plattform hat Anna Hartmann selber gebaut. Hartinger

Wer sich entspannen will, greift gerne zur Yogamatte oder spaziert durch den Wald. Anna Hartmann verbindet beides und gibt Yogastunden zwischen Bäumen.

Eine kleine Gruppe in Sportkleidung und mit Yogamatte über den Schultern steuert den Wald hinter dem Kurhotel Rickatschwende in Dornbirn an und stoppt davor. Die Sonne steht schon tief, und die Strahlen blinzeln durch die Äste durch. „Hier sind wir am Eingang des Waldes“, meint Yogalehrerin und Waldbademeisterin Anna Hartmann. Sie lädt die Kursteilnehmer ein, den Wald zu begrüßen und den Alltag beim Betreten des Waldes abzustreifen. Manche umarmen einen Baum, andere berühren die Rinde. Alle sammeln einen Tannenzapfen ein. Dieser soll später dann auf der Holzplattform, dem Ziel des Spaziergangs, für die Massage der Fußsohle in die Yogaeinheit eingebunden werden.

Der Wald wird in die Yogaeinheit eingebunden.<span class="copyright">Hartinger</span>
Der Wald wird in die Yogaeinheit eingebunden.Hartinger

Während der Zeit im Wald sollen alle Kraft tanken, wie es auch Hartmann selbst schon seit ihrer Kindheit tut. „Der Wald ist für mich wie ein Weggefährte oder ein Begleiter, der mir viel gibt, ohne dass er von mir etwas zurückverlang“, beschreibt Hartmann. Durch das Waldyoga wolle sie dem Wald etwas zurückgeben.
Die Dornbirnerin hat mit 20 Jahren privat mit Yoga begonnen und in Indien vier Jahre später ihre erste Ausbildung gemacht. Dann hat sie im Sommer 2021 zwei Leidenschaften miteinander verbunden und den Wald zum Yoga-Freiluftstudio gemacht. Sie hat im Wald ihrer Mutter mit der Hilfe von Freunden selbst eine Holzplattform errichtet – in Absprache mit einem Förster und unter Berücksichtigung der Schutzwälder.
Die Idee kam ihr durch die Coronapandemie, die die Menschen wieder vermehrt in die Natur brachte. Auf der Holzplattform können die Teilnehmer ihrer Kurse in den Sommer- und Herbstmonaten bei den Figuren wie dem Herabschauenden Hund, dem Krieger Zwei oder im Zuge der Meditation entspannen und den Wald genießen.

Während dem Yoga sieht man in die Baumkronen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Während dem Yoga sieht man in die Baumkronen. Hartinger

Spaziergang mit Kräuterlehre

Zur besagten Plattform bricht nun auch die Gruppe von sechs Frauen und zwei jungen Männern auf. Um dahin zu gelangen, müssen sie zuerst einen teilweise unwegsamen Aufstieg durch den Wald bewältigen. Deswegen empfiehlt Hartmann neben einer Yogamatte ein gutes Schuhwerk als Ausrüstung. Nicht alle halten sich dieses Mal daran – ein Teilnehmer tritt das Wald­erlebnis mit Flip-Flops an und ein anderer mit Sockenschuhen. Damit spürt er den Boden besser, erzählt er. Auf dem Spaziergang durch die Bäume und an Lichtungen mit Blick auf den Bodensee entlang entstehen Gespräche unter anderem über Pilze am Wegrand. Manche bleiben zwischendurch stehen, um nach dem Verursacher von Geräuschen in einem Baum Ausschau zu halten. Hartmann stoppt immer wieder auf dem Weg, und die Teilnehmer bilden einen Kreis um sie. Sie erklärt die Wirkung und die Bedeutung unterschiedlichster Kräuter und Pflanzen am Wegrand. So erfahren die Teilnehmer etwa, dass Brennnesseln Eisen und Vitamin C enthalten und wie man sie ohne Schmerzen ernten kann. Zur individuellen Wirkung von Pflanzen meint Hartmann: „Jeder Mensch ist anders und jeder braucht andere Pflanzen.“

Auf dem Weg erklärt Anna Hartmann die Wirkungen von Kräutern. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auf dem Weg erklärt Anna Hartmann die Wirkungen von Kräutern. Hartinger

Es braucht etwas Kondition, bis die Teilnehmer einen Erdhügel erreichen, dafür ist die Yogaeinheit dann ruhig und entspannt. Hartmann bezeichnet den Hügel als „Wächter“ des Yogaplatzes auf der Lichtung, bei dem sie sich jedes Mal bedankt. Die Kursteilnehmer betreten die Holzplattform, wo dann eine Yogaeinheit beginnt, der auch Anfänger gewachsen sind. Während der Yogapraxis wird die modrig erdig riechende Waldluft und somit auch die darin enthaltenen Terpene eingeatmet. Der Wald hat laut der 27-Jährigen Heilkräfte. Diese Botenstoffe des Waldes würden Stress lindern und das Immunsystem stärken, so Hartmann. Außerdem würde das grüne Dämmerlicht entspannend wirken. Nicht nur in Sachen Beleuchtung unterscheidet sich die Holzplattform vom gewöhnlichen Yogastudio. Während sonst oft Musik aus Lautsprechern tönt, ist es im Wald ganz still. Zwischendurch sind Vogelgezwitscher und der Wind zu hören, der durch die Äste streicht. Hartmann nennt dies Waldsinfonie. Anstatt einer weißen Zimmerdecke richtet sich der Blick auf die Baumkronen während der Shavasana-Position, bei der man auf dem Rücken liegt. Bei geschlossenen Augen erinnern Tannennadeln an den Handflächen daran, wo man sich gerade befindet. Der Himmel färbt sich langsam rot, und es wird kühler. Als die Gruppe danach wieder den gleichen Weg zurück spaziert, sind alle ganz leise. Die zwei Stunden Wald haben eine Wirkung hinterlassen.