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Erkenntnisse aus der Bundespräsidentenwahl

10.10.2022 • 15:27 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Dominik Wlazny (rechts) kostete Alexander Van der Bellen die Stimmen vieler jüngerer Wähler
Dominik Wlazny (rechts) kostete Alexander Van der Bellen die Stimmen vieler jüngerer Wähler (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Wahl macht deutlich, dass in Österreich politische Umbrüche bevorstehen.

Die Bundespräsidentenwahl ist geschlagen, das innenpolitische Erdbeben blieb aus. Alexander Van der Bellen bleibt Bundespräsident, in der FPÖ gibt es nach dem soliden Ergebnis von Walter Rosenkranz keinen akuten Handlungsbedarf. Ganz einfach zur Tagesordnung übergehen können die Strategen in den Parteizentralen trotzdem nicht. Denn auch, wenn es weniger deutlich ist, als nach der letzten Bundespräsidentenwahl – auch diese Wahl wird Konsequenzen nach sich ziehen.

Denn dafür, dass alle Parlamentsparteien außer der FPÖ den amtierenden Bundespräsidenten unterstützt haben, ist sein Ergebnis von 54,6 Prozent nicht überwältigend. “Die Regierungs- und Parlamentsparteien müssen nachdenken, warum sich so viele Wählerinnen und Wähler an Kandidaten wendeten, die aus dem Nichts kamen”, sagt die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle am Montag im Ö1-Morgenjournal.

Die Jungen ticken anders

Es ist nichts Neues, dass sich das Wahlverhalten von jungen und älteren Menschen unterscheidet. Bisher haben davon allerdings vor allem die Grünen profitiert. So wählte bei der letzten Nationalratswahl fast ein Drittel der unter 29-Jährigen die Grünen, bei den über 60-Jährigen nur fünf Prozent.

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“Sascha auf der g’mahden Wiesn”: Ein Porträt von Bundespräsident Alexander Van der Bellen lesen Sie hier.

Bei der Bundespräsidentenwahl konnte Alexander Van der Bellen den Bonus bei den Jungen nicht nutzen: Er schnitt bei Jungwählern nicht besser ab, als in der Altersgruppe 30 bis 49 (jeweils 47 Prozent). Und das, obwohl er seinen Wahlkampf großteils auf TikTok und anderen Social-Media-Diensten führte. Dafür gaben ihm laut Sora-Wahltagsbefragung 73 Prozent der Über-60-Jährigen ihre Stimme.

Punkten konnte bei Wählerinnen und Wählern bis 29 vor allem der Punkmusiker Dominik Wlazny, der keine groß angelegte Social-Media-Kampagne hatte. Trotzdem stimmten jeder und jede Fünfte in dieser Altersgruppe für ihn. Bei den Über-60-Jährigen waren es nur drei Prozent.

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Konkurrent für SPÖ, Grüne, Neos: Jeder fünfte unter 30 wählte Dominik Wlazny.APA

Die Grünen zeigen sich mit dem Ergebnis von Van der Bellen, dessen Wahlkampf sie auch finanziell großzügig unterstützen, sehr zufrieden. Trotzdem müssen sie analysieren, was die jungen Wählerinnen und Wähler links der Mitte enttäuscht hat.

Kommt eine neue Partei links der Mitte?

Ob er auch bei der Nationalratswahl antreten will, ließ Dominik Wlazny am Sonntag noch offen. Dass es Nachfrage nach einem politischen Angebot links der Mitte gibt, machte die Bundespräsidentenwahl aber deutlich: Immerhin erreichte Dominik Wlazny ohne großes Medium oder Financier im Hintergrund aus dem Stand mehr als 8 Prozent.

Besonders in der Parteizentrale der SPÖ wird Wlaznys Bierpartei schon länger genau beobachtet. In einer ersten Reaktion ist die Bundesgeschäftsführung um Einordnung bemüht: “Eine Nationalratswahl ist etwas komplett anderes als eine Bundespräsidentenwahl”, sagte Christian Deutsch am Wahlabend.

Immerhin: Als Chef der Bierpartei kann Wlazny auf einen (kleinen) Parteiapparat zurückgreifen. Die Partei ist in zehn Wiener Bezirksparlamenten vertreten, die Bezirksrätinnen und -räte könnten auch auf einer Bundesliste kandidieren. Erfolgsversprechend scheint vor allem ein Antreten bei der nächsten Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl. In der Hauptstadt erreichte Wlazny 10,85 Prozent. Nach Auszählung der Wahlkarten könnte er Walter Rosenkranz von Platz 2 verdrängen. “Wenn er bei der Wien-Wahl antritt, wird er uns bestimmt Stimmen kosten”, sagt ein SPÖ-Insider am Wahlabend.

Die Wählerstromanalyse zeigt aber, dass eine Wlazny-Partei nicht nur der SPÖ schaden würde: Der Punkmusiker mobilisierte in alle Richtungen – vor allem bei jenen, die bei der Nationalratswahl 2019 Neos gewählt hatten. 27 Prozent von ihnen geben Dominik Wlazny ihre Stimme.

Kommen neue Parteien rechts der Mitte?

Obwohl Walter Rosenkranz der einzige renommierte Gegenkandidat zu Alexander Van der Bellen war, blieb ein Revival der FPÖ aus. Das liegt auch daran, dass mit Tassilo Wallentin, Gerald Grosz und Michael Brunner drei weitere Kandidaten zur Wahl standen, die sich klar rechts der Mitte positionierten. Rosenkranz war zwar mit Abstand am erfolgreichsten. Aber der politische Neueinsteiger Wallentin erreichte 8,4 Prozent, der Blogger mit diverser Partei-Erfahrung Gerald Grosz kam auf 6 Prozent. Impf-Skeptiker Brunner schaffte es auf 2,2 Prozent. Auch wenn die MFG nun auf Bundesebene Geschichte sein dürfte, sollte die FPÖ besorgt sein über die neue Konkurrenz. Denn sie könnte nachhaltig sein.

Die politische Karriere von Gerald Grosz könnte mit dem heutigen Tag dennoch wieder beendet sein. Er ist eine One-Man-Show – dass er Mitstreiter für eine neue Partei findet, gilt als unwahrscheinlich. Dass er auf einem FPÖ-Platz bei der Nationalratswahl kandidiert, ebenso. Zwar soll er zu Herbert Kickl ein gutes Verhältnis haben. Seine BZÖ-Vergangenheit bringt ihm in der Partei aber auch Widersacher.

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Die Krone und Frank Stronach im Rücken: Tassilo Wallentin könnte der Politik erhalten bleiben.APA

Um Tassilo Wallentin hingegen hatte sich die FPÖ im Vorfeld aktiv bemüht, er ließ sie abblitzen. Ob er nun mit einer eigenen Liste bei der Nationalratswahl kandidieren oder wieder als Kolumnist arbeiten wird, ließ er am Sonntagabend offen. Auf Strukturen kann er nicht zurückgreifen – er war sein eigener Wahlkampfleiter. “Auf Nachfrage habe ich einen Namen erfunden”, erzählte er am Sonntagabend.

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