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Ein trauriger Narr im wahnsinnigen Spiel

18.11.2022 • 19:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bernd Sracnik, Nurettin Kalfa und Haymon Buttinger in der Inszenierung im Theater Kosmos.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Bernd Sracnik, Nurettin Kalfa und Haymon Buttinger in der Inszenierung im Theater Kosmos.Klaus Hartinger

Michel de Ghelderodes groteskes Stück „Escorial“ wurde am Donnerstag erstmals im Theater Kosmos aufgeführt.

Die Hunde heulen, und der König greift sich an den Kopf. Dort im Palast sitzt er vom Lärm geplagt auf den zu Stufen aufgetürmten Europaletten des hölzernen Throns und wartet auf den Tod der Königin, ein unvermeidliches Sterben.
Der Wahnsinn frisst den königlichen Verstand in einem heruntergekommenen Herrschaftsgebiet. Anfälle von bestialischem Lachen, Weinen und Würgen wechseln sich ab. „Ich wünschte, ich könnte mich auslachen und benehmen wie ein Vieh“, sagt er zu seinem treuelosen Hofnarren Folial, den er verspottet und zu Grimassen zwingt, denn nur ein Narr kann den König noch erheitern. Doch anstelle dessen ist es Folial, der müde und bekümmert den Zustand der Königin (Silvia Salzmann) beklagt, die im Stück sonst nicht vorkommt, aber über Videoprojektionen in die Inszenierung geholt wird. Es scheint, als wären die Rollen schon getauscht, bevor das Spiel beginnt.

Nurettin Kalfa als Narr und Bernd Sracnik als König.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Nurettin Kalfa als Narr und Bernd Sracnik als König.Klaus Hartinger

Eindrucksvolle Bilder

Der König kauert auf der Lehne seines Throns, fast völlig verdeckt von seinem Umhang, der sich farblich passend in Holzfarbe als Bühnenbild (Stefan Pfeistlinger) tarnt. Nur die Stiefel sind noch zu sehen. Ein paar Stufen weiter unten ist der Narr hinuntergeworfen und liegengeblieben. So friert das Bild ein, wenn zwischendurch der Erzähler (Haymon Maria Buttinger) als Autor Michel de Ghelderode es anhält und in düsterem Gesang die Geschichte in eine musikalische Show verpackt.

Grausam wird der athletische Narr gezwungen, sich wie der König wie ein Wahnsinniger aufzuführen und für Unterhaltung zu sorgen. In witzigen Gesten spielt er frech mit Wahrheit und Täuschung, imitiert seinen Tyrannen und wird wie ein Hund von ihm weggestoßen und gedemütigt, bis der König in einer Farce die Rollen umkehrt und die Liebschaft seines Narren mit der Königin aufdeckt. Zepter und Krone werden gegen Mantel und Narrenhandschuhe getauscht, und der traurige Folial gerät in Angst und Verzweiflung.

Ein gelungener Rollentausch.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Ein gelungener Rollentausch.Klaus Hartinger

Grotesk-komisch

Die beiden Schauspieler Bernd Sracnik und Nurettin Kalfa schenken sich nichts und liefern einen packenden Rollentausch mit starker körperlicher Präsenz, in dem sie beide sowohl als König als auch als Narr glänzen. Dem Publikum wird eine grotesk-komische Inszenierung geboten, in der Auflehnung und Unterwerfung nah beieinander liegen. Folial löst sich als leidvoller Held der Geschichte vom komödiantisch gespielten Wahnsinn und gibt den Blick frei auf eine tragische Persönlichkeit. „Kann der Narr hier der Posse seines Königs widerstehen?“

Mit Escorial hat der Regisseur Augustin Jagg eine Doppelgängerposse aus dem Jahr 1927 hervorgeholt, in der Narr und König ihre gesellschaftlichen Rollen ablegen und zum Menschsein zurückfinden. Der belgisch-flämische Autor Michel de Ghelderode (1898–1962) gilt als ein früher Vertreter des absurden Theaters und blieb trotz seiner Nominierungen für den Nobelpreis 1953 und 1960 weitgehend unbekannt.

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