Sommerhitze, Erinnerungen und die Klimafrage

Heidi Salmhofer mit ihrer Kolumne in der NEUE am Sonntag.
Es ist ein außergewöhnlich heißer Sommer. Es ist überhaupt ein außergewöhnlich warmes Jahr. Weltweit. Und das nicht zum ersten Mal. Ich bin jemand, die der Wissenschaft Glauben schenkt. Ich lese, sehe, erkenne, dass hier etwas klimamäßig wirklich im Argen liegt. Da ich selbst keine Doktorandin in Weltklimafragen bin, vertraue ich auf das, was mir Menschen sagen, die sich auskennen. Genauso wie dem Automechaniker, der Apothekerin und dem Gärtner. Ich höre auf die Leute, die ihr Metier gelernt haben. Ich meine, wozu wären denn sonst Wissensspezialisierungen gut, wenn nicht genau dafür. Es kann sich niemand überall auskennen. Denn, und das sei erwähnt, unsere eigene Erfahrungswelt spiegelt keine allgemeine Gültigkeit wider. Zumal unser Hirn uns ganz schöne Streiche spielt.
In meiner Erinnerung sind die Sommer meiner Kindheit immer voll von Sonne, Hitze, Fröhlichkeit und Grillgeruch in der Luft. Würde ich diesen vertrauen, könnte man meinen, das Klima in Österreich war immer schon so. Nur: Unsere Köpfe sind ein Phänomen. Die wollen nämlich, dass wir uns an die schönen Momente möglichst ausdauernd und lange erinnern und ziehen unser Kopfkino-Tagebuch ganz schön in die Länge. Wenn es zwei Tage sommerhitziges Badewetter gegeben hat, wird das nach Jahren von unserer inneren Regie so verdreht und überschrieben, dass wir glauben, der ganze Sommer war ein Temperaturtraum für den Sprung ins kalte Nass. Regenwetter, pfft, gab es doch so gut wie nie. Vertrauensvoll können wir uns somit an unsere eigenen Erinnerungsaufzeichnungen nicht wenden. Also was tun? Es bleibt nur, denen zuzuhören, die fernab ihrer eigenen Erinnerungen die Möglichkeiten haben, allgemein gültige Daten auszuwerten, die gelernt haben, zu beobachten, zu erkennen und die das Wissen darüber haben, wie wir unsere Kinder (!) und Kindeskinder davor bewahren können, in einer immer unwirtlicheren Welt zu leben. Wieder etwas mehr zu Fuß gehen, das Rad benutzen. Meinen Kids klarmachen, dass der Weg vom Bahnhof nach Hause keinem Fußmarsch nach Sibirien gleichkommt und mein Konsumverhalten etwas steuern. Wir sind so viele, so viele Menschen, die mit ganz kleinen, kaum spürbaren Veränderungen im Leben Großartiges leisten könnten. Das wäre doch was, wenn wir denselben Enthusiasmus für das Wohl unserer Kids in der Zukunft an den Tag legen wie beim Weihnachtshopping im Dezember. Und ich schwöre, der Weihnachtsrummel ist stressiger als dreimal in der Woche das Auto stehen zu lassen. Garantiert.
Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalistin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.